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Wirklich neu – und natürlich unheimlich fröhlich

„Ukulele-Inferno“ im Nörgelbuff Wirklich neu – und natürlich unheimlich fröhlich

Je verschrobener das Hobby, desto enger die Bande der Eingeweihten. Dieses Naturgesetz ließ sich auch im Göttinger Nörgelbuff beobachten, in dem das „Ukulele-Inferno“ jetzt zum vierten Mal wütete. Die Künstler des Abends schienen sich alle zu kennen, und es war kaum ein Tisch auszumachen, an dem nicht über das Instrument gefachsimpelt wurde, das der „Spiegel“ einmal „Bonsai-Axt“ geschimpft hat.

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Veranstalter und Musiker: Karin Reilly und Daniel Adler sind L’Uke.

Quelle: EF

Dabei müsste man gar nicht schimpfen: Die Ukulele ist so schwierig oder einfach zu erlernen wie ein E-Bass – und über Bassisten macht doch schließlich auch niemand Witze. Stimmt doch, oder? Wie dem auch sei, die drei Acts des Abends zeichneten sich alle durch eine sympathische Portion Selbstironie aus. Das Trio „Punkelelics“ beispielsweise „spart auf größere Instrumente“.

Die passen dann sicherlich auch besser zu ihrer Musik, denn die drei Kölner covern Punksongs und machen aus ihnen Balladen – auf der Ukulele. Um eine ungefähre Klangvorstellung zu bekommen, stelle man sich zwei nette, unschuldige Jungs und eine dazu passende Dame vor, die bei ständigem Sopran-Geschrammel verträumt „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ ins Mikrofon hauchen.

Das Duo „L’Uke“, das gleichzeitig als Veranstalter fungiert, mag es auch konzeptionell und singt ausschließlich Hits aus den 80ern.  Diese können sich wirklich hören lassen, besonders ihre Version von „Here comes the rain again“ der Eurhythmics enthält kreative Reharmonisationen, die wirklich neu – und natürlich unheimlich fröhlich klingen. Die enorme Einschränkung der Klangfarben der Originalversionen tut den viel zu oft gehörten Evergreens von Falco, A-ha und Bryan Adams sehr gut. Wenn die sparsame Instrumentierung die Schönheit der Melodien herausstellt, wird die Einfachheit zur Ästhetik erhoben.

Der letzte Gast des Abends brachte ganz andere Facetten ins Programm: Frank Baier, der schon vor 40 Jahren auf der Buff-Bühne stand, ist ein Liedermacher aus Essen, sozusagen der Reinhard Mey des Kohlenpotts. Als solcher genießt er einige Popularität, denn seine Texte sind dicht dran am alltäglichen Leben, kommen aber mit ihrer Beschwörung der Arbeiterklasse manchmal zu marxistisch daher.

Mit Liedern wie „Runter vom Balkon“ beweist Baier aber, dass es ihm eigentlich nur um mehr politisches Bewusstsein geht – für das er mit seiner ganz besondern Stimme einsteht. Die Tatsache, dass man zur Beschreibung desselben Abends Worte wie „Punk“, „Ästhetik“ und „Arbeiterklasse“ benutzen kann, zeugt schon von der irgendwie merkwürdigen Vielfältigkeit der Veranstaltung. Das Experiment ist aber geglückt, sogar trotz der Ukulelen.

Von Jonas Rohde

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