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Regional Ein Hundeleben
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13:50 17.06.2018
In ständiger Begleitung: Mark Tsiolis als Woyzeck mit „Narr“ Sophia Pfründer und Niels Jensen als „Andres“. Quelle: Dirk Opitz
Göttingen

Am Ende machen sie sich über ihn her wie Hunde über das rohe Fleisch in einem gemeinsamen Napf. Und Woyzeck nimmt es hin. So wie er zuvor all die Demütigungen und Misshandlungen, die Bürde der Armut und die Angstzustände hingenommen hatte, die der monatelange Verzehr von ausschließlich Erbsen zur Folge hatte: „Jawohl“, scheint er auch in der letzten düsteren Szene der Inszenierung von Johanna Mohrmann zu sagen. So wie er es zig-fach mechanisch gesagt hatte.

Der Woyzeck, den Mark Tsiolis am Theater im OP in Göttingen gibt, ist ein leiser Mann. Er hat akzeptiert, dass er ein Leben in Armut führen muss. Seinen geringen Sold gibt er bei Marie (Anika Bittner) ab, mit der er ein uneheliches Kind hat. Von der er im Grunde weiß, dass sie sich von fremden Männern für Sex bezahlen lässt. Die er trotzdem liebt, sofern die Schizophrenie dies zulässt.

Menschliches Versuchskaninchen

Die Krankheit plagt ihn zunehmend, seit er sich auf das Experiment des Arztes (Anja Kütemeyer) eingelassen hat: Erbsen, nichts als Erbsen. Davon ernährt sich der Soldat und bekommt ein paar Groschen dafür. Manchmal sogar mehr, wenn die Ausfallerscheinungen durch die Mangelernährung und das Gift so spektakulär neu sind, dass sich der Arzt schon als Revolutionär der Medizin und Retter der Menschheit durch kostengünstige Ernährung fürs kleine Volk sieht. Moral? Was ist das?

Zwischen Wurst und Wahnsinn

Keinen Deut besser treibt es der Hauptmann mit Woyzeck. Juliane Bode macht aus dem fettleibigen, herrschsüchtigen Befehlshaber, der Woyzeck fürs Rasieren bezahlt, eine Kippfigur zwischen Wurst und Wahnsinn. Mal jammert ihr Hauptmann wie ein kleines Mädchen nur beim Gedanken daran, wie anstrengend das Leben als solches ist, mal macht er Menschen regelrecht für Nichtigkeiten vor aller Augen und Ohren fertig. Bode ist es, die das Publikum im ThOP zum Lachen bringt. Auch bei „Woyzeck“ geht das. Wenn auch das Lachen im Halse stecken bleibt.

Macht, Neid, Hass und Eifersucht

Denn immerhin geht es in der Inszenierung nach dem Dramenfragment von Georg Büchner um Mord, um medizinische Versuche an Menschen und um eine Moral, die keine ist. Jede der Figuren, die allesamt in schwarzen Uniformen, mit zurückgegeltem Haar und im Gleichschritt auftreten, solange sie nicht im Lichte stehen, hat Dreck am Stecken. Der Hauptmann steht auf kleine Kinder und geilt sich an seinem eigenen Machtgehabe auf, schafft es aber kaum, drei Meter zu gehen. Für den Arzt sind Menschen nicht mehr als Versuchskaninchen, die seinen wissenschaftlichen Erfolg herbeiführen sollen. Marie lässt sich aus Geldgier von fremden Männern nehmen, dem Ladenbesitzer (Heide Koltermann) kommt nicht einmal der Gedanke, nachzufragen, was der arme Mensch mit dem Messer tun will, das er ihm abkauft. Und so weiter, und so weiter: So gleich und glatt die Menschen aussehen. Überall: Neid, Habsucht, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit.

Hund und Herrchen

Und dann Woyzeck, der ziemlich allein da steht. Bis auf Andres (Niels Jensen), seinen treuen Weggefährten, hat er niemanden, der zu ihm hält – manchmal mehr als gewollt. Aneinandergekettet treten die beiden auf, mal folgt Andres Woyzeck wie ein Schatten, mal spiegelt er ihn wider. Mit fortschreitender Schizophrenie Woyzecks werden die Zweigespräche zwischen den beiden zunehmend zu Streitgesprächen, dann wieder verfallen sie in Gleichklang und divergieren erneut – Wessen Stimme es am Ende ist, die Woyzeck befiehlt, zuzustechen, ist nicht eindeutig. Der Dritte im Bunde ist der Narr (Sophia Pfründer), die diabolische Gestalt, die Woyzeck ebenfalls auf Schritt und Tritt begleitet. Wie ein treues Hündchen. Eines, das jederzeit bereit ist, seinem halluzinierenden Herrchen ans Bein zu pinkeln.

Der Narr verkörpert das Animalische in Woyzeck, als er seine Menschlichkeit verliert, und die Stimme im Kopf, die den Soldaten dazu verleitet, Dinge zu tun, die er nicht tun will. Das Hündchen bestimmt das Tun des Herrchen. Schlussendlich wird aus ihm das Dosenfutter derer, die ihn dazu getrieben haben. Das Publikum feierte die Premiere am Sonnabend mit viel Applaus.

Weitere Vorstellungen

Weitere Vorstellungen des Stücks, das eine Vertonung von Tom Waits aufnimmt, gibt es am 20., 22., 26., 29., 30. Juni, 4., 6. und 7. Juli, jeweils um 20.15 Uhr. Für Schulklassen werden Vor- und/oder Nachbesprechungen durch die Regisseurin Johanna Mohrmann angeboten. Kontakt kann per E-Mail an woyzeck.2018@gmx.de hergestellt werden. Karten gibt es online auf www.thop.uni-goettingen.de/karten und unter Telefon 0551/397077 sowie bei der Tourist-Info Göttingen.

Von Nadine Eckermann

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