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07:00 06.08.2018
Kuratorin Tomke Braun bei der Ausstellungseröffnung „Ekstase 123" mit Werken der Künstlerin Yutie Lee. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Die originäre Funktion von Schrift ist die Übermittlung einer Botschaft vom Sender zum Empfänger. Man bedient sich auf beiden Seiten bekannter Zeichen und kommuniziert. Wer aktuell die weißen Ausstellungsräume des Künstlerhauses betritt, zweifelt zunächst an seiner Eignung für die Rolle des Empfängers. Denn die omnipräsenten Schriftzeichen erschließen sich nicht. Sie stehen schon im Eingangsbereich schwarz an der Wand und behalten ihre Bedeutung zunächst für sich.

Lee spielt genau mit diesem Erlebnis. Sie benutzt für das der Ausstellung „Ekstase 123“ zugrundeliegende gleichnamige Künstlerbuch eine selbstentwickelte digitale Schrift. Diese Typographie HbV basiert auf den Litterae Ignotae der Äbtissin Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert und wurde um modifizierte chinesische Symbole ergänzt. Wer die im Beiheft des Buches versteckte Übersetzungstabelle zu Hilfe nimmt, kann tieferen Zugang zu Lees Werk erhalten.

Tisch als topographische Wegbeschreibung

So hat beispielsweise die aus Holzbalken und Brettern geschaffene Installation Hilde die Form eines überdimensionalen Ypsilon, auf dem Exemplare des Buches zur Lektüre oder auch nur zum Betrachten abgelegt sind. Im Inneren finden sich historische und wissenschaftliche Texte, die sie den Naturelementen zuordnet. Die Form des Tisches sei eine topographische Wegbeschreibung durch die Ausstellung, erfährt der Besucher durch die Kuratorin. Der Gedanke basiere auf der Erzählung „Drei Wege zum See“ der österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

Einem der Wege folgend entdeckt der Besucher kleine Skulpturen – glasierten Keramiken. Sie stehen mal in ein Glasgefäß gefüllt scheinbar bedeutsam frei im weißen Raum. Oder sind von farbigen Lichterketten nur spärlich beleuchtet auf Brettchen an der Wand. Lee hat ihnen eine grobe Form, mehrheitlich weiblich Namen und manchen eine scheinbare Funktion gegeben. Sie dienen als Stift- und Visitenkartenhalter oder verströmen den Duft von Räucherstäbchen.

Video auf zwei Kanälen

Letzteres taucht als offensichtlich beliebtes Motiv auch in einer Zwei-Kanal-Videoinstallation wieder auf. Diese zeigt parallel in zwei Räumen eine Kamerafahrt durch eine eigenartige Kulisse. Wie von einem umherschweifenden Blick eingefangen sind Bilder einer künstlichen Grotte und einem menschenleeren Zimmer zu sehen. Mal verharrt das Auge auf einem Detail, dann wieder dreht es sich im Raum – der Fokus wabert. Teilweise überlagert Lee die Aufnahmen mit dem Licht des Schwarz-Weiß-Films „Ekstase“ (1933) mit Hedi Lamarr.

Zusätzlich mischen sich die Tonspuren der beiden Kanäle. Mal schwillt hollywoodpompös eine Filmmusik an, dann plerrt italienische Popmusik aus einem Lautsprecher. Über einen Fernseher flackert eine Szene aus „Ghost“ mit Patrick Swayze, auf einem Handydisplay ist der Facebook-Account von Enrique Iglesias zu erkennen. Dann wieder ein Blick auf die archaisch wirkende Grottenwand oder der Schwenk auf eine alte Klimaanlage der Firma Panasonic. Darüber in dreidimensionaler Neonschrift ein Wortspiel, das der Betrachter mit Hilfe der Übersetzungstabelle als Cervix (lat. Gebärmutterhals) und Cerveau (frz. Gehirn) entziffert.

Ausstellung bis 16. September

Mit „Ekstase 123“ sendet die in München und Taipeh lebende und arbeitende Künstlerin Lee verschlüsselte Botschaften. Wer den Schlüssel nicht kennt, wird davon vermutlich nicht viel empfangen. Die Ausstellung des Kunstvereins ist noch bis zum 16. September im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, von dienstags bis freitags 16 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 16 Uhr zu sehen.

Von Markus Scharf

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