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„Zur Sache!“: Uraufführung von Andcompany&Co am Deutschen Theater

Viel Stoff über die Sechziger „Zur Sache!“: Uraufführung von Andcompany&Co am Deutschen Theater

Was haben Rudi Dutschke und Wolfgang Neuss gemeinsam? Oder Rainer Werner Fassbinder und Andreas Baader? Beides wissen die wenigsten, und das beschert der Produktion „Zur Sache!“, die am Sonnabend im Deutschen Theater (DT) Uraufführung hatte, gehörige Probleme.

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Gibt lässig den coolen Sunnyboy: Karl Miller als Martin.

Quelle: Müller

Das Regie-Kollektiv Andcompany&Co – Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma - zeichnet für die politische Revue mit viel Musik verantwortlich.

Andcompany&Co war vor zwei Jahren schon einmal zu Gast in Göttingen. Damals hieß ihr Theaterabend „Wunderkinder“ und orientierte sich an dem Film „Wir Wunderkinder“ mit Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller. Beide haben es auch in die aktuelle Produktion geschafft. Vor allem Neuss, der es Andcompany&Co wirklich angetan hat.

Der eigentliche Protagonist des Abends ist aber Martin, jener Bohemien im Münchner Schwabing, den Werner Enke in dem legendären Film „Zur Sache, Schätzchen“ spielt. Sein Credo: Rumliegen, lässiges Zeug quatschen, Mädel abgreifen. Kurz: cool sein. Die Wirklichkeit ereilte die Filmemacher und Enke durch den Tod von Benno Ohnesorg, der auf einer Demonstration in Berlin erschossen wurde.

Zusammen gebracht, was zusammen gehört

Eigentlich sollte auch Martin am Ende des Films erschossen werden, schließlich orientierte man sich an Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“. Nach dem Todesschuss wurde das Drehbuch umgeschrieben, Martin kam mit einem Streifschuss davon. Die Begründung: Man wolle nicht die Wirklichkeit nachspielen.

Andcompany&Co bringen, was in den 60er-Jahren passierte. Sie lassen Rudi Dutschke auftauchen, die beiden revolutionären Marias aus dem Louis Malles Western „Viva Maria“, deutsche Showmaster, Berliner Polizisten, RAF-Terroristen, John Lennon. Sie zeichnen ein sehr detailliert recherchiertes politisches Sittenbild der Zeit des politischen Aufbegehrens. Sie bringen zusammen, was zusammen gehört.

Das Problem: Karschnia und seine Mitstreiter haben derart viele Zusammenhänge recherchiert, dass das Premierenpublikum die Vorstellung etwas ratlos verließ. Wer weiß denn schon, dass „Viva Maria“ Dutschkes Lieblingsfilm war und er eine politische Gruppierung nach ihm benannte?

Viel Stoff über die Sechziger

Doch wer sich trotz des Wissensrückstandes auf die Inszenierung einlässt, hat viel Spaß an einem sehr unterhaltsam agierenden Ensemble um Karl Miller als Martin. An wilden Verfolgungsjagden in den Straßenschluchten Berlins, die der Maler Jan Brokof als prächtiges Bühnenbild entworfen hat.

An explodierenden altmodischen Bomben, nachgestellten Filmszenen, Fernsehshows und an klugen Monologen. Alles, was auf der Bühne passiert, zu entschlüsseln, ist nur etwas für Menschen, die diese Zeit miterlebten und über ein sensationelles Gedächtnis verfügen. Vieles aber ist zu erkennen. Und über den Rest kann man im Anschluss an die Vorstellung sehr schön rätseln.

Ach ja, zurück zum Anfang: Dutschke und Neuss waren gute Freunde, und Fassbinder und Baader haben im gleichen Kino als Filmvorführer gearbeitet.

Weitere Vorstellungen: 14. und 22. Februar sowie am 14. März um 19.45 Uhr, am 20. März um 20.30 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 0551/496911.
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Regiekollektiv: N. Nord (l.) und A. Karschnia mit Tochter Rokia.

Alexander Karschnia sitzt in der Kantine des Deutschen Theaters (DT) Göttingen. Er gehört zu dem Regiekollektiv Andcompany&Co, das derzeit am DT das Stück „Zur Sache!“, ganz frei nach dem Film „Zur Sache, Schätzchen“ inszeniert.

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