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„… dass eine Kiste Jever reinpasst“

Premiere im DT „… dass eine Kiste Jever reinpasst“

Es hat oft etwas Elitäres und Voyeuristisches, auf Menschen zu schauen, die in schwierigen Verhältnissen leben; auf Menschen, deren Familie auseinanderbricht, deren Bildung eher rudimentär ist und deren Einkommen nicht einmal für das Geburtstagsgeschenk des Sohnes reicht.

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Unterwegs nach Legoland: Paul (Benjamin Berger, links), Boxer (Philip Hagmann, Mitte) und Schorse (Paul Enke).

Quelle: Opitz

Genau das aber hat Autor Dirk Laucke mit seinem Stück „Alter Ford Escort dunkelblau“ getan. Sarah Schermuly hat dieses Bühnen-Roadmovie auf der Kellerbühne des Deutschen Theaters (DT) Göttingen inszeniert. Premiere war am Mittwochabend.

Schorse (Jürgen Enke), Boxer (Philip Hagmann) und Paul (Benjamin Berger) arbeiten in einem Getränkegroßhandel. Schorse wurde von seiner Zeitarbeiter-Firma geschickt, Boxer füllt mit dem Job die Leere in seinem Leben und Paul will eigentlich Abitur machen oder zumindest den Gabelstaplerschein, „nächstes Jahr“. Doch sein Vater ist Chef des Ladens und hat Nein gesagt.

Und dann kommt dieser Tag, dieser Moment, als Schorse, mit den beiden Kumpels auf dem Weg zu Arbeit, einfach an dem Tor vorbei fährt. Sein Sohn, den er eigentlich nicht mehr sehen darf, hat Geburtstag. Er will mit ihm ins Legoland. Boxer gibt Geld dazu, denn als Kind war er mal dort, eine seiner schönsten Erinnerungen. Und Paul hat Angst vor seinem Vater: „Der reißt mir den Arsch so weit auf, dass eine Kiste Jever reinpasst.“

Das Publikum begleitet drei Loser bei ihrem Ausbruch aus dem Trott. Das macht Spaß, wenn’s überspitzt dargestellt wird und ein ungutes Gefühl, wenn die Wirklichkeit sich anschleicht. Autor Laucke, geboren 1982 in Sachsen, studierte szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin und hat dort offensichtlich eignes gelernt. Denn er führt seine Protagonisten trotz aller Prollerei nicht vor. Das macht nicht schadenfroh sondern mitfühlend. Nur so kann der Abend funktionieren – und über ein Schauspielerquartett, das mit Persönlichkeit und feinen Nuancen arbeitet.

Das gelingt vor allem Paul Enke dessen Schorse ganz zerrissen ist zwischen AC/DC und seiner Familie, der endlich nicht mehr als Zeitarbeiter umhergeschoben werden will und seine Wut nicht immer kontrollieren kann. Seine Ehefrau hat ihn aus ihrem Leben geworfen, das auch das seine war. Wunderbar bodenständig spielt Eva Kolb diese Gattin, die Schorse heiratete, als er noch ein anderer war.

„Alter Ford Escort dunkelblau“ hat viel von einem theatralischen Roadmovie, weil ein großer Teil der Handlung sich im titelgebenden Auto abspielt, eine schrottreife Mühle mit überdimensionierter Beschallungsanlage. Regisseurin Schermuly, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, hat dafür kein ausgewachsenes Auto auf die Bühne gestellt. Ihr – und natürlich den Schauspielern – reicht eine Sitzgruppe mit Rollen darunter, um die Illusion herzustellen. Wenn Theater etwas behauptet, dann ist das auch so, wenn’s denn gut gemacht ist.

Ein Einstiegsfilm, hergestellt von Mathis Albrecht, zeigt das Männer-Trio als Playmobil-Figuren unterwegs im Escort. Alles also Comic? Auf keinen Fall. Eher Spielfiguren, die hin und her geschoben werden als Teil einer großen Geschichte, die ein anderer schreibt.

Weitere Vorstellungen: am 23. Februar sowie am 3., 17. und 24. März um 20 Uhr im DT-Keller, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

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