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Bad Moms, Mord im Orient Express und Simpel

Neu im Kino Bad Moms, Mord im Orient Express und Simpel

Das sind die Kinostarts in dieser Woche: Hercule Poirot ist wieder da. Und die Bad Moms auch. Und „Simpel“ bietet großes, echtes Gefühlskino.

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Haare schön, Komödie nicht so: Die schlimmen Mütter (von links Kathryn Hahn, Mila Kunis und Kristen Bell) bekommen zu Weihnachten Besuch von ihren eigenen Müttern.

Quelle: STX Entertainment

Göttingen. Der geistig behinderte Barnabas alias Simpel ist für seinen Bruder Ben Glück und Lebensbremse zugleich. Nach dem Tod der Mutter soll er ins Heim. Was Ben nicht zulässt. Frederick Lau und David Kross gehen in Markus Gollers „Simpel“ (Kinostart am 9. November) auf eine Odyssee. Großes, echtes Gefühlskino.

Sein Bruder Ben (Frederick Lau), rettet ihn vor der Flut, dann tanzen sie ein bisschen wie Anthony Quinn und Alan Bates in „Alexis Sorbas“

Sein Bruder Ben (Frederick Lau), rettet ihn vor der Flut, dann tanzen sie ein bisschen wie Anthony Quinn und Alan Bates in „Alexis Sorbas“.

Quelle: Universum Film

Da schlurft Barnabas alias Simpel (David Kross) in Unterhose mit einer Papierkrone auf dem Kopf durchs Watt. Zieht seinen Stoffhasen in einer Zinkwanne hinter sich her, so als wäre er eine lebendig gewordene Figur des Kinderbuchschreibers Janosch. Nicht ganz ungefährlich: Sein Bruder Ben (Frederick Lau), rettet ihn vor der Flut, dann tanzen sie ein bisschen wie Anthony Quinn und Alan Bates in „Alexis Sorbas“. Und werfen sich lachend rücklings in den Schlickn. Vollendetes Glück, dass es nicht gäbe ohne Simpels Behinderung und Bens großes Herz.

Dann stirbt die Mutter, Simpel soll ins Heim, Ben entführt ihn, um den problemflüchtigen, kalten Vater (Devid Striesow) in Hamburg in die Verantwortung zu nehmen. Klar, dass eine Odyssee daraus wird, die alte, bittersüße Reise zum Ernst des Lebens.

„Simpel“ ist witzig, traurig, zart und randvoll mit Abenteuern - ein Lehrgang zum Herzen, den Regisseur Markus Goller dem Zuschauer nie mit Kitsch zustellt. Kross ist großartig als enthusiastischer, unschuldiger Kindmann, Lau nicht minder anrührend als bester Freund, den ein Bruder haben kann. Zwei Typen, die das Kino mit ihrer Geschichte der Inklusion durch Liebe bereichern, wie es damals Arnie (Leonardo Di Caprio) und Gilbert Grape (JohnnyDepp) taten, irgendwo in Iowa.

Cinemaxx Göttingen

„Mord im Orient-Express“ – Der Zug zieht nicht mehr

Comeback mit opulentem Schnauzbart: Hercule Poirot lässt sich durch nichts aus der Bahn werfen, schon gar nicht durch einen „Mord im Orient-Express“ (Kinostart am 8. November). Kenneth Branagh inszeniert sich selbst als Agatha Christies ziemlich abgefahrenen und selbstverliebten Detektiv. Für die vielen anderen Darsteller bleibt da kaum Raum.

Mord im Orient Express

Mord im Orient Express: mit Judy Dench (links) und Olivia Colman.

Quelle: Twentieth Century Fox

Der Mond steht voll und fahl am nachtblauen Himmel, leuchtet auf eine Lokomotive herab, die mit Volldampf durch die Felslandschaften des Balkans schnauft. Eine illustre Gesellschaft reist da im Orient-Express von Istanbul gen Westen. Ein Mord wird geschehen, ein Zug ist da ein idealer Tatort. Der Mörder braucht den Leichnam nicht zu entsorgen, er steigt einfach an der nächsten Station aus und verschwindet im Bahnhofsgetriebe, während sich das Opfer im Zug mit jeder Minute weiter von ihm entfernt.

Ein ältlicher Mann ist kein D-Zug

Mit zweierlei hat der Mörder nicht rechnen können: In der Nacht wird die Lok von einer Lawine aus der Spur geworfen. Und unter den Fahrgästen ist Hercule Poirot, der sich selbst als „der vielleicht beste Detektiv der Welt“ vorstellt. Eigentlich wollte er sich ein wenig Freizeit gönnen, dann rief ihn ein neuer Fall nach London. Und jetzt muss er auch noch den „Mord im Orient-Express“ aufklären. Ratchett, ein Kunsthändler von zweifelhaftem Ruf wurde tot in seinem Abteil gefunden, ums Leben gebracht durch zwölf Messerstiche.

Kenneth Branagh, Shakespearianer und Literaturfan, hat sich der britischen Krimikönigin Agatha Christie zugewandt. Deren eher gediegene Kriminalromane erfuhren in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine filmische Blüte. In Zeiten des Hochgeschwindigkeitskinos indes sind actionarme Tätersuchen per Geistesanstrengung und Geistesblitz weniger gefragt. Wobei sich zuletzt die Deduktionsabenteuer von Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch einer unverhofften Popularität erfreuten. Also wagte es Branagh und übernahm auch gleich noch die Hauptrolle, streift nun mit einem exzentrischem Kolossalschnauzbart durch die schiefe Bahn, geduldig verhörend und schlussfolgernd. Ein ältlicher Mann, der kein D-Zug ist.

Keine Spuren im Schnee

Gevatter Zufall hilft Poirot: Der Orient-Express wird auf einer schwindelerregenden Holzbrücke gestoppt, es gibt keine Spuren einer Flucht im Schnee, der Mörder muss noch an Bord sein. Ein Motiv findet sich auch bald. Der Kunsthändler war eigentlich ein Kindsmörder. Der bei Erscheinen des Romans 1934 noch ungelöste, Fall des gekidnappten Babys von Ozeanflieger Charles Lindbergh hatte Christie zu ihrem Krimi inspiriert.

Und so fallen nach und nach die Identitäten aller Fahrgäste an Bord dieses Zugs der Geheimnisse. Niemand ist, wer er zu sein scheint, Poirot deckt auf, verwirft und … verzweifelt. Jeder Täter, den er glaubt, festnageln zu können, wird umgehend von einem Mitreisenden entlastet. Bis nur noch eine unfassbare Möglichkeit offenbleibt, die – es handelt sich hier um einen der beliebtesten Krimis der Welt – leider vielen Zuschauern so vertraut sein dürfte wie das Ende von „King Kong“.

Plastisch wird als Figur nur Poirot

So bleiben auf der Habenseite ein leiser Humor, Anflüge von Slapstick, ein Hauch von Kinetik. Und im Soll mehr redende Köpfe als in manch spröder Doku. Plastisch wird in den zwei Stunden nur Poirot, der mit seiner Arbeit zu einem harmonischen Weltgefüge beitragen will. „Unperfektheit steht aus der Welt heraus wie die Nase inmitten des Gesichts“, sagt der blasierte Held sein Credo auf und spricht zur Not schon mal mit sich selbst oder dem Foto seiner Frau.

Während das viel zu große Starensemble mit Penélope Cruz, Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Johnny Depp und anderen unterbeschäftigt in sehenswerten Kostümen steckt. Namhafte Stichwortgeber, die erst schweigen, als der Express wieder anrollt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Dieser Zug zieht nicht mehr.

Cinemaxx Göttingen, Central Lichtspiele Herzberg

„Bad Moms 2“: Wenn die Mutter mit der Tochter...

Manche Fortsetzung ist unausweichlich: Die Komödie „Bad Moms 2“ (Kinostart am 9. November) ist ein Sequel, das niemand wirklich braucht. Wenn man mal von der wunderbaren Susan Sarandon absieht.

Als komödiantische Attacke gegen den Mythos der Helikoptermutter hatten Jon Lucas und Scott Moore im Vorjahr ihren Film „Bad Moms“ angelegt. Die Macher von „The Hangover“ wollten zeigen, dass es nicht nur angehende Ehemänner, sondern auch praktizierende Mütter krachen lassen können.

Bad Moms 2

Bad Moms 2: Kristen Bell, Mila Kunis und Kathryn Hahn

Quelle: STX Entertainment

Letztlich war das Aufbegehren gegen mütterliche Rollenbilder mit Besäufnissen und einem gesprengten Elternabend aber harmloser Natur. Man verließ das Kino mit dem Gefühl, dass der Stoff mit einer Regisseurin gewinnbringender hätte veralbert werden können. Doch bei einem Einspielergebnis von fast 184 Millionen Dollar ist ein Sequel unausweichlich. Nun nehmen Lucas und Moore in „Bad Moms 2“ die Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest ins Visier.

Amerikanische Weihnacht zum Weinen

Das Frauentrio wird durch ein Großmütter-Triumvirat ergänzt, um die Mutter-Tochter-Konflikte zum frohen Fest kulminieren zu lassen. Während Amy (Mila Kunis) unter dem militanten Perfektionismus ihrer Mutter (Christine Baranski) leidet, freut sich Carla (Kathryn Hahn) über den Besuch ihrer Rocker-Mama (Susan Sarandon). Kiki (Kristin Bell) wiederum wird von der Präsenz ihrer krankhaft liebenden Mutter (Cheryl Hines) fast erdrückt.

Mit küchenpsychologischer Schlichtheit wird hier das Verhältnis zu den eigenen Müttern aufgearbeitet. Dabei sind Katharsis und Versöhnung zum Weihnachtsfest programmiert, und die überzogenen Standards amerikanischer Christmas-Kultur allenfalls unter ethnologischen Gesichtspunkten interessant. Einzig Susan Sarandon und Kathryn Hahn überzeugen als komödiantisches Mutter-Tochter-Gespann, mit dem man gern in einen anderen Film durchbrennen würde. „Bad Moms 2“ ist ein Sequel, das keiner braucht – und das Folgeprojekt „Bad Dads“ ist schon in der Pipeline.

Cinemaxx Göttingen, Central Lichtspiele Herzberg

Von Matthis Halbig und Martin Schwickert

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