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Regional Romy Schneider und Fischfilet
Nachrichten Kultur Regional Romy Schneider und Fischfilet
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15:33 11.04.2018
Marie Bäumer als Romy Schneider und Charly Hübner als "Stern"-Fotograf Robert Lebeck in dem Film "3 Tage in Quiberon". Quelle: epd
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Göttingen

Wenn sich das deutsche Kino seinen größten weiblichen Stars nähert, ist Vorsicht geboten: Ehrfurcht und Anbiederung gehen gewöhnlich eine schwer genießbare Melange ein. Marlene Dietrich wurde zu „Marlene“ (verkörpert von Katja Flint), Hildegard Knef zu „Hilde“ (Heike Makatsch) und Romy Schneider im TV zu „Romy“ (Jessica Schwarz). Schon der Titel von Emily Atefs Drama weckt Hoffnungen, dass diese Begegnung tiefer dringen könnte: „3 Tage in Quiberon“ will nicht das komplette Leben Romy Schneiders nacherzählen.

Emily Atef („Das Fremde in mir“), 1973 in Berlin geborene Regisseurin mit französisch-iranischen Wurzeln, fokussiert sich auf jene drei Tage im März 1981 im bretonischen Küstenstädtchen Quiberon. Damals führten der „Stern“-Journalist Michael Jürgs und der mit Schneider befreundete Fotograf Robert Lebeck in einem Kurhotel ein legendäres Interview mit Schneider.

Man kann Marie Bäumer verstehen, dass sie lange gezögert hat, Schneider ihr Gesicht zu leihen, so verblüffend ist die Ähnlichkeit. Dieser Film ist nicht nur eine Wiederbegegnung mit Romy Schneider, sondern auch eine Neuentdeckung der Schauspielerin Marie Bäumer. Sie spielt Schneider umwerfend zwischen ansteckendem Lachen und stillem Schmerz: Ihre Verwandlung ist geradezu beängstigend perfekt.

Das milde Schwarz-Weiß dieses elegischen Films tut ein Übriges, um Lebecks Fotografien von damals lebendig werden zu lassen – besonders jene berühmten Bilder an der bretonischen Küste, in denen Schneider auf Felsen herumturnt.

Schneider hielt sich zur Entgiftung von Körper und Seele in Quiberon auf. Sie wollte Kraft schöpfen für ihren nächsten Film, der ihr letzter werden sollte: „Die Spaziergängerin von Sanssouci“. Aber sie hielt es allein nicht aus, lud sich eine gute Freundin und dann auch noch die Presse ins Hotel.

Marie Bäumer als Romy Schneider und Robert Gwisdek als Michael Jürgs im Film "3 Tage in Quiberon", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: epd

14 Monate später ist Romy Schneider tot, gestorben mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt. Im Rückblick hat das Gespräch den Charakter einer Lebensbilanz. „Ich bin nicht die Filmfigur Sissi“, sagt Schneider. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“ Ihre Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) warnt sie vergebens, nicht zu viel preiszugeben. Doch der geradezu zwanghafte Seelenstriptease der Romy Schneider hat begonnen, der Fotoapparat von Lebeck (Charly Hübner) klickt.

Tatsächlich ist Lebecks Figur die zwiespältigste: Er gibt sich aus als alter Freund, aber fotografiert auch dann noch unbarmherzig weiter, wenn Schneider zusammengebrochen am Boden liegt. So etwas muss man wohl als eine Form von Missbrauch betrachten. Im nächsten Augenblick steigt Lebeck zu Schneider ins Bett, um sie väterlich zu trösten. Beschützerinstinkt und Profitgier: Eine schwer erträgliche Mischung charakterisiert den Umgang mit dieser Frau, die gar nicht zu verstehen scheint, was mit ihr geschieht.

Atef nennt ihr Drama wahrhaftig, nicht dokumentarisch. Ihr Film ist keine Hommage, glücklicherweise. Wir werden Zeuge der Tragödie einer Schauspielerin, die Europas Kinoliebling ist und zugleich ein ausgebranntes Wrack.

Die Heimatlose: Romy Schneider

Die „Sissi“ klebe wie „Grießbrei“ an ihr, klagte Romy Schneider einmal. Zeitlebens litt sie darunter, in Deutschland mit der Rolle als österreichische Kaiserin identifiziert zu werden.

Sowieso muss Romy Schneider viel mit ihrem Schicksal gehadert haben: „Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand“, hat sie gesagt. Im kinobegeisterten Frankreich wurde Schneider verehrt, sie drehte mit Regisseuren wie Orson Welles („Der Prozess“), Claude Chabrol („Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“) und mit ihrem Lieblingsregisseur Claude Sautet (beispielsweise „Die Dinge des Lebens“).

In Deutschland nahm man ihr den Abgang ins Nachbarland übel. Ende der Fünfziger war sie nach Frankreich geflohen – weg von ihren besitzergreifenden Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, weg von den „Sissi“-Schnulzen und hin zu ihrer großen Liebe Alain Delon. Romy Schneider sehnte sich nach Anerkennung auch in Deutschland, doch prallten Erwartungen unvereinbar aufeinander. Letztlich blieb Romy Schneider wohl eine Heimatlose.

„3 Tage in Quiberon“, Regie: Emily Atef, 116 Minuten, FSK 0. In Göttingen im Cinemaxx

Der letzte Weg zur Besserung

Selbsterkenntnis und Versöhnung: Ein Schotte reist in „Das etruskische Lächeln“ nach San Francisco

Es war 1764, da hatte eine gewisse MacNeil in Vallassay auf der schottischen Isle of Lewis ihre Verlobung mit einem Campbell gelöst – sehr zum Ärger der Campbells. Woraufhin diese das männliche Vieh der MacNeils auf der Weide kastrierten. Damals begann eine Fehde, die immer noch andauert. Im Pub wünschen der alte Campbell und der alte MacNeil einander ein baldiges Ableben. Leberzirrhose zehrt an dem einen, ein böser Rückenschmerz frisst an dem anderen. Wer zuerst stirbt, hat verloren.

Brian Cox spielt jenen Rory MacNeil – einen Schotten in Barbourjacke – bärtig, brummig und von Bärengestalt. Einsam lebt der Witwer in einem Haus am Meer und beschließt eines Tages, seine Familie in San Francisco zu besuchen. Er muss dorthin, um sich mit seinem Sohn Ian (JJ Feild), einem gefeierten Molekularkoch, auszusöhnen – kein einfacher Weg für einen, dem eher ein „Stirb!“ als ein „Es tut mir leid!“ über die Lippen kommt. Und der noch nicht einmal weiß, ob sich hinter dem Namen Jamie ein Enkel oder eine Enkelin verbirgt.

So schickt uns das israelische Regieduo Oded Binnun und Mihal Brezis in seinem ersten abendfüllenden Film auf die letzte Reise eines Griesgrams, der – im üblichen Verlauf solcher Feelgood-Tragödien von komisch zu tragisch – Herz und Gemüt wiederfindet. Zunächst rümpft er freilich die Nase über alles Amerikanische – genervt von der vertraulichen Anrede „Dad“ seiner Schwiegertochter Emily (Thora Birch) bis zur beharrlichen Weigerung des Arztes (Tim Matheson), seinem Prostatakrebs im Endstadium einen Zeitrahmen zu geben. Was für ein Feigling!

Die Schauspieler Rosanna Arquette und Brian Cox beim Fotocall zum Kinofilm „Das Etruskische Lächeln“ Quelle: dpa

José Luis Sampedros Roman „Das etruskische Lächeln“ hat das Regieduo von Italien nach Schottland und in die USA verlegt. Der Wechsel von verwitterten hebridischen Bruchsteinmauern in die Metropole aus Glas und Licht ist noch krasser als der zwischen kalabrischem Dorf und dem kühlen Mailand. In einem Museum in Frisco lernt Rory die Kuratorin Claudia (Rosanna Arquette) kennen, die ihn über das seltsame Lächeln eines Terrakottapaars auf einem etruskischen Sarkophag aufklärt. So freundlich stellten sich die Etrusker ihre Toten vor. Rory beginnt seine tatzende Annäherung an Ian, wirbt um Claudias Zuneigung und wünscht sich, dass Klein Jamies erstes Wort „Seanair“ lauten möge, das gälische Wort für „Großvater“.

Der Handlungsverlauf ist ohne Überraschungen – und natürlich ist der ehrliche Schotte allen amerikanischen Verstellungskünstlern überlegen. Wie leicht hätte dieser Film falsch und kitschig geraten können. Aber Brian Cox macht Rorys Erwachen glaubwürdig und rührt den Zuschauer am Ende zu Tränen.

Zahllose Söhne überall auf der Welt dürften sich von diesen Worten angesprochen fühlen. Vielleicht gelingt es ihnen nun, sich ihre Väter mit einem Lächeln vorzustellen.

„Das etruskische Lächeln“, Regie: Oded Binnun, Mihal Brezis, 110 Minuten, FSK 6

Fairplay ist das aber nicht

Thriller um Wettmafia: „Der Spielmacher“

Deutsche Gangsterfilme tun sich oft schwer – vor allen dann, wenn sie sich unbedingt vom „Tatort“-Fernsehformat abgrenzen wollen. Umso erfreulicher, wenn ein Regisseur sich einmal ganz entspannt in diesem Metier bewegt, so wie es Timon Modersohn in seinem Debüt „Der Spielmacher“ tut.

Die Schauspieler Frederick Lau , Antje Traue, Oliver Masucci und Mateo Wansing Lorrio bei der Premiere ihres Films "Spielmacher". Quelle: dpa

Gelassen begibt sich Modersohn in die Welt der illegalen Sportwetten: Ivo (Frederick Lau) war mal ein Fußballtalent, landete aber im Knast und setzt nun sein Wissen bei Sportwetten ein. Auf Ivo wird Wettbürobetreiber Dejan (Oliver Masucci) aufmerksam, der den Großteil seiner Geschäfte auf dem asiatischen Markt abwickelt. Fair geht es dort keineswegs zu: Schiedsrichter und Spieler werden bestochen. Als Dejan den talentierten Nachwuchsspieler Lucas (Mateo Wansing) in seine Betrügereien einbeziehen will, gerät Ivo in schwere Loyalitätskonflikte.

„Der Spielmacher“ hat alles, was gutes Genrekino ausmacht: eine spannende kriminelle Welt, über die zu erzählen lohnt, eine glaubwürdige Hauptfigur in der Bredouille und einen charismatischen Bösewicht. Frederick Lau gelingt es, die Gewissensnöte seiner Figur ohne viele Worte greifbar zu machen. Ihm gegenüber entfaltet Oliver Masucci (bekannt als Adolf Hitler aus „Er ist wieder da“) die eiskalte Geschäftsmännlichkeit des Wettbüro-Paten. Der drittwichtigste Hauptdarsteller ist das Ruhrgebiet, dem Modersohn stimmungsvolle Originalmotive in bester Noir-Qualität abgewinnt und das als Fußball-Mafia-Kulisse glaubwürdig wirkt.

„Der Spielmacher“, Regie: Timon Modersohn, 99 Minuten, FSK 12

Terror im Automobil

Die Bombe tickt, und Vollgas hilft gar nichts: Der Thriller „Steig. Nicht. Aus!“

Karl Brendt will zur Arbeit, vorher noch an der Schule Sohn und Tochter aus dem Auto werfen – da kommt ein Anruf. Ein Unbekannter hat eine Bombe in seinem Auto platziert. Verlässt auch nur einer seinen Sitz, geht sie hoch.

Ryan (Billy Magnussen) und Sarah (Sharon Horgan) in einer Szene des Films „Steig. Nicht. Aus!“. Quelle: NFP marketing & distribution

„Steig. Nicht. Aus!“ von Christian Alvart („Tschiller: Off Duty“) hat interessante Wendungen, eine ansprechende Kamera und eine coole silbergraue Grundfärbung. Das alles könnte also richtig fesseln, hätte Alvart für die Protagonisten im Auto genug zu tun. Hier aber herrscht Hochgeschwindigkeitsleerlauf.

Wotan Wilke Möhring schreit viel zu oft „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ und sieht dabei so verzweifelt aus wie Bruce Springsteen bei einer besonders schwierigen Gesangspassage. Der Angreifer brüllt wieder und wieder „Erst mein Geld!“ durchs Telefon, bis man ihn satt hat.

Die meisten Figuren bleiben Schablonen, viele Dialogzeilen sind von der 08/15-Liste. Emily Kusche ( „Tigermilch“) aber macht als Tochter Josefine auf der Rückbank eine gute Figur, und von der Bombenentschärferin Pia Zach (Hannah Herzsprung), die ausschaut, als habe sie in Dantes Inferno geblickt, würde man gern mehr erfahren. Tut man aber nicht. Ergebnis: Reicht. Nicht. Aus.

„Steig. Nicht. Aus!“, Regie: Christian Alvart, 109 Minuten, FSK 12. In Göttingen im Cinemaxx.

Doku: Moppel mit großer Klappe

Bei Feine Sahne Fischfilet geht es nicht um die Bestellung in einem Restaurant, sondern um eine Punkband in Mecklenburg-Vorpommern und ihren Leadsänger Jan „Monchi“ Gorkow. Das ist ein moppeliger 30-Jähriger. Der Fan von Hansa Rostock landete schon mal als Ultra hinter Schloss und Riegel, bevor er die Kurve kriegte. Inzwischen heizt er mit seiner Band das Publikum an, singt und kämpft gegen Neonazis.

„Wildes Herz“: Bei Feine Sahne Fischfilet geht es nicht um die Bestellung in einem Restaurant. Quelle: Neue Visionen

Schauspieler Charly Hübner, selbst aus dem Süden Mecklenburgs, zeichnet in seinem Regiedebüt den Zickzackweg eines Mannes mit großer Klappe und wildem Herz. „Monchi“ beweist Jugendlichen, dass es nicht nur Fremdenfeindlichkeit gibt, sondern auch Solidarität und Toleranz. Dass der Ton bei dieser Botschaft rau ist, kommt bei den Konzertbesuchern an.

„Gehen oder bleiben“ heißt ein Hit der Gruppe, der das Thema Landflucht anpackt – und Programm gegen Perspektivlosigkeit und Lethargie ist. Die Band und ihr Frontmann tun was, sind gnadenlos ehrlich, leicht verspielt und manchmal extrem naiv. Das macht sie sympathisch. köh

„Wildes Herz“, Regie: Charly Hübner, 90 Minuten, FSK 12

Familienfilm: Hört den Kindern zu!

Erstmals brachte die Karikaturistin Edith Oppenheim-Jonas ihren Titelhelfen Papa Moll 1952 zu Papier, nun erlebt er sein Kinodebüt. Erst brummt Chef Stuss dem armen Papa Moll (Stefan Kurt) eine Extraschicht auf, dann lädt Stuss auch noch seine Kinder bei ihm ab. Dumm nur, dass sich Molls Sprösslinge und die Stuss-Blagen spinnefeind sind.

„Papa Moll und die Entführung des fliegenden Hundes“: Regisseur Manuel Flurin Hendry hat ein schönes Chaos angerichtet. Quelle: dpa

Regisseur Manuel Flurin Hendry hat ein schönes Chaos angerichtet. Die Bilder haben eine zauberhafte Comic-Anmutung. Bei allem Spaß hält der Film eine pädagogische Botschaft parat – für Eltern: Nehmt euch Zeit, den Kindern zuzuhören. bra

„Papa Moll und die Entführung des fliegenden Hundes“, Regie: Manuel Flurin Hendry, 90 Minuten, FSK 0. In Göttingen im Cinemaxx.

Von Stefan Stosch, Matthias Halbig und Martin Schwickert

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