Kammermusik in der Klosterkirche: das Almandin-Quartett mit Meike Bertram, Katharina Kühl, Karoline Markert und Anne Marie Harer (von links).
Haydn hat einen ganz anderen Ansatz als der Passionskomponist Bach mit seinem stellenweise ungeheuer dramatischen Ton. Nirgends bildet Haydns Musik Emotionen direkt ab. Der Ton der Trauer, der Verzweiflung ist ganz zurückgenommen, zeigt nach innen, nicht nach außen. Haydn erweist sich hier als ein demütiger, tieffrommer Christ, der sich dem Leidensgeschehen beinahe auf den Knien nähert, leise, scheu, in größter Bescheidenheit.
Doch in der musikalischen Qualität meidet er jede Bescheidenheit. Sehr konzentriert und dicht ist die Struktur, der Ausdruck von einer Intensität, die bisweilen den Atem stocken lässt. Zumindest dann, wenn die Interpreten sich dieser Musik mit einer derartigen Liebe zum Detail annehmen, wie es die vier Streicherinnen des Almandin-Quartetts taten. Meike Bertram kann traumhaft zarte Kantilenen singen lassen, ihre Violin-Kollegin Anna Marie Harer formt auch kleinste Begleit-Achtel mit Hingabe. Die warmen mittleren Tiefen steuert Bratschistin Karoline Markert bei, das satte, aber nirgends aufdringliche Bassfundament Cellistin Katharina Kühl. Und wie die vier Musikerinnen klanglich aufeinander abgestimmt sind, wie sie eine durchdachte Regie im Abtönen von Haupt- und Nebenstimmen führen, zeigt hohe kammermusikalische Qualität.
Gerd Liebenehm, Pastor an der Nikolausberger Klosterkirche, ergänzte die Musik mit meditativen Texten von Walter Jens zu den Jesus-Worten. Dass er sie so eindringlich vortrug, als seien ihm selbst gerade diese Gedanken gekommen, vermochte den musikalischen Eindruck noch zu vertiefen. Lange Momente der Stille vergingen, bevor die Zuhörer ihren Dank mit anhaltendem Beifall äußerten. Wobei gerade diese Stille die Tiefe des Eindrucks besonders deutlich macht.
Von Michael Schäfer