Nino Haratischwili: „Man schreibt halt – Punkt. Nicht deutsch und nicht georgisch.“
Vielleicht ist auch „umtriebig“ ein geeignetes Wort, um die aus Georgien stammende Regisseurin und Autorin, die derzeit am Deutschen Theater in Göttingen arbeitet, zu charakterisieren.
„Fleißig“ trifft sicherlich auch zu, wird der 26-Jährigen aber nicht unbedingt gerecht, da schwingt zuviel Biederes mit, und bieder ist sie ganz und gar nicht. Die junge Frau strahlt neben einer gesunden Bodenhaftung unglaublich viel kreativen Tatendrang aus, gepaart mit temperamentvoller Aktivität.
Gerade wurde ihr Theaterstück „Zorn“ am Deutschen Theater uraufgeführt und erlangte überregional große Beachtung. In diesen Tagen erscheint Haratischwilis erster Roman „Juja“ im Berliner Verbrecher Verlag. Auf der Leipziger Buchmesse hat sie gestern aus dem Buch gelesen. Mitte April feiert ihr Theaterstück „Radio Universe“ auf dem Hamburger Kampnagel Uraufführung, zudem hat die junge Georgierin, die seit fast 15 Jahren in Deutschland zu Hause ist, gerade erneut eine Auszeichnung bekommen. Sie ist Anfang März in München mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung geehrt worden. Einem Preis, der an ausländische Schriftsteller, die in deutscher Sprache schreiben, verliehen wird. Die Theatermacherin ist stolz darauf, der Preis wurde vorher noch nie für Theaterstücke verliehen. Was sie in diesem Zusammenhang allerdings nicht hören mag, ist den Preis bekommen zu haben, weil sie Georgierin ist. „Ich möchte in der Öffentlichkeit stehen, mit dem, was ich tue, nicht mit dem, was ich bin“, betont sie. „Man schreibt halt – Punkt. Nicht deutsch und nicht georgisch.“
In Göttingen arbeitet Haratischwili nicht zum ersten Mal. Bereits vor einigen Jahren hat sie „Oliver Twist“ für das Deutsche Theater inszeniert. Und erneut engagiert wurde sie auch, bevor sie den Preis bekommen hat. „Da geht es nicht um Labels“, sagt Haratischwili, und fügt zufrieden hinzu: „Ich fühle mich auch gemeint.“
Was nach ihrer Arbeit in Göttingen auf dem Programm steht? Dann wird es nach Jahren wohl endlich mal wieder Zeit für Urlaub, vielleicht nicht unbedingt Ibiza, aber Sonne und Strand darf es schon sein, und das Niveau ihrer Lektüre dürfe sich dann auch gern mal auf die „Gala“ beschränken, sagt Haratischwili und lacht.
Zwei Wochen lang hat Nino Haratischwili in der mobilen Bühne des Deutschen Theaters gearbeitet, die für das Projekt „Stadt in Zukunft“ diesmal auf dem Rathausplatz in Bovenden platziert war. Die Autorin hat sich im Ort umgeschaut und sich mit Passanten unterhalten, um Stoff für ihr Stück „Glückliche Hühner“ zu finden. Oder sie saß mit Blick auf Rathaus und Butzenscheiben stundenlang auf einer schmalen Holzbank an ihrem Laptop und schrieb an dem Stück.
Bevor Haratischwili den Auftrag angenommen hatte, sei ihr nicht klar gewesen, dass sie in dem Glascontainer so direkt den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt ist. „So etwas habe ich noch nie gemacht“, sagt Haratischwili über das Projekt, das ihr sehr gut gefallen hat. Irgendwann vergesse man die Umgebung und komme zum Arbeiten.
Sie wollte unbedingt etwas Lustiges schreiben, sagt die 26-Jährigen. Bovenden sei kein sozial problematischer Stadtteil, da habe sich ein eher lockeres Stück angeboten: Eine sozial engagierte Frau kommt nach Bovenden und wittert in einem Projekt über den Zusammenschluss des Ortsfriedhofs mit dem Göttinger Friedhof sozialen Zündstoff. Die Bürger sehen das aber unaufgeregt und lassen die junge Frau abblitzen.
Der Einakter „Glückliche Hühner“ wird am Donnerstag, 25., Freitag, 26. und Sonntag, 28. März, jeweils um 20 Uhr im Theatercontainer auf dem Rathausplatz in Bovenden aufgeführt.
Von Eida Koheil