Hommage an die Brüder Grimm: Günter Grass mit seinem neuen Buch.
Grass will drei Passagen aus seinem neuen Buch lesen. Der 82-Jährige mit dem kamelhaarfarbenen Sakko und dem nicht ergauen wollenden Haar beginnt zu sprechen, gleichzeitig scheint sich mit dem Schriftsteller eine Wandlung zu vollziehen: Seine ruhige, kraftvolle Stimme und seine Gestik lassen ihn um viele Jahre jünger wirken. Und auch auf den Text von „Grimms Wörtern“ überträgt sich diese Wandlung. Erst laut gelesen entfaltet sich die gesamte Wirkung der Worte. „Der Ursprung der Literatur ist oral“, sagt Grass später im Gespräch mit Detering. Bevor Geschichten aufgeschrieben worden seien, seien sie vorher lange erzählt worden. Grass will mit seiner Literatur den Leser animieren, laut zu lesen. Er mache das mit all seinen Texten auch, und so sei sein Hörbuch zu „Grimms Wörter“ fast nebenbei entstanden.
Neue Bücher von Grass soll es allerdings nicht mehr geben. Auch in Göttingen wiederholte der Schriftsteller diese Ankündigung. Die Liebeserklärung an die Brüder Grimm war sein letztes Buch. „Ich bin leer geschrieben“, sagt er. Ans Aufhören denkt Grass dabei aber nicht. Er will das Handwerkszeug wechseln und zeichnen. Mit den Radierungen möchte er eine neue Ausgabe seines vor 50 Jahren erschienenen Roman „Hundejahre“ illustrieren. „Wenn ich beim Schreiben erschöpfe, habe ich die Möglichkeit, beim Zeichnen zu regenerieren“, sagt Grass.
Das Buch an sich werde aber weiter Bestand haben, betont er im Hinblick auf Internet und Neue Medien. Es werde immer eine Minderheit geben, die sich des Buches und seiner Qualitäten bedienen wird, denn schnell verbreitete Informationen bedeuten seiner Ansicht nach noch kein Wissen. Grass macht aber auch keinen Hehl draus, dass er den Umgang mit dem Computer nicht mag. Seine Manuskripte verfasst er handschriftlich. Die zweite korrigierte Fassung schreibt er auf seiner Olivetti von 1922. Erst danach gibt seine Sekretärin den Text in den Computer ein. Für Grass war diese langwierige Prozedur auch ein Prozess des Überdenkens und der Entwicklung seiner Texte. Das Arbeiten am Computer führe zu einer gewissen Behäbigkeit. Der Text sehe sofort fertig aus, man sei nicht mehr genötigt, Änderungen vorzunehmen.
Mit seinem letzten Werk, das zum Teil scharf kritisiert worden ist, hat Grass eine Hommage an die Brüder Grimm verfasst. Neben ihnen sei Grass der dickste Märchenerzähler der deutschen Literatur, sagte Detering und verwies auf den mehr als 600 Seiten starken Roman „Der Butt“. „Es ist immer mein Ehrgeiz gewesen möglichst glaubwürdig zu lügen“, konterte Grass. Detering thematisierte auch die düsteren autobiografischen Ausblicke auf den Tod in Grass’ neuem Buch. „Was heißt hier düster“, fragte Grass. „Was meinen Sie wie viele Leute froh sind, wenn ich aufhöre zu schreiben“, sagt der 82-Jährige und lacht. „In meinem Alter steht der Tod bevor“. Grass sagt das ohne jedes Ach.
Von Eida Koheil