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Günter Grass in Göttingen

Liebeserklärung an die Sprache und das Buch

Er sitzt in dem kahlen, etwas halligen Raum neben der Küche unterm Dach in der Düsteren Straße 4, trägt seinen braunen Cordanzug und isst in der kurzen Mittagspause Würstchen mit Kartoffelsalat, serviert von Rüdiger Schellong, dem Koch im Verlag Gerhard Steidl. Günter Grass macht einen Arbeitsbesuch.

Schutzumschlag und Einband: Verleger Steidl, Autor Grass und Grafikdesignerin Winter begutachten die ersten Ausdrucke.

© Heller
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„Wo gibt es schon einen Verlag, der einen Koch hat?“, hebt der 82-jährige Literaturnobelpreisträger anerkennend zwischen zwei Bissen hervor.
Anlass seines Besuches am Dienstag ist Grass’ neues Buch „Grimms Wörter“, das im September herauskommen soll. Der Text ist gesetzt, auf dem Plan für heute stehen der Schutzumschlag, die CD-Hülle der Hörbuchausgabe, die Gestaltung des Leineneinbands. Grass verlässt die Steidl-Kantine in Richtung Produktionsraum zusammen mit der Grafikdesignerin Sarah Winter. Sie setzt die Entwürfe von Grass am Computer um (Grass: „Ich muss zugeben, dass ich ein ausgesprochener Computeridiot bin“).

„Grimms Wörter“ ist „eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache“, heißt es in einer Verlagsmitteilung: „Spielerisch-virtuos spürt ,Grimms Wörter‘ dem Reichtum der deutschen Sprache nach und durchstreift die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie.“ Das ist die inhaltliche Seite. Doch ist der neue Grass ebenso eine Liebeserklärung an das gedruckte Buch. In Zeiten des iPad werde es nur überleben, darin sind sich Grass und sein Verleger einig, „wenn es mit Liebe und Sorgfalt gemacht ist“.

Dazu gehören die Schrift, das Papier, der Druck und Bindung, dazu so schöne altmodische Dinge wie Lesebändchen oder Schuber. Als Schrift haben Grass und Steidl die Bodoni gewählt, eine klassische Antiqua, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert in Italien entwickelt wurde und bis heute in Gebrauch geblieben ist. Das Papier ist ein spezialgeglättetes, holzfreies, bläulichweißes Papier ohne optischen Aufheller, es stammt aus der Papierfabrik Schleipen in Bad Dürkheim. Gedruckt wird auf Steidls Roland 700 in Göttingen – im Bogendruck, nicht von der Rolle. Und die Bindearbeiten übernimmt die Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei: fadengeheftet, mit Gaze hinterklebt, Leineneinband mit Schutzumschlag, Lesebändchen und Kartonschuber. Damit ist das Erlebnis Buch rundum inszeniert: Es „muss gut riechen, muss sich gut anfühlen“, sagt Grass.

Einzig bei Steidl gebe es für den Autor die Möglichkeit, den Entstehungsprozess vom Anfang bis zum Ende zu begleiten: Das ist für Grass der Grund, einzig mit diesem Verleger zusammenzuarbeiten. Fast zärtlich legt Steidl den eben fertig gewordenen Schutzumschlag um das Blindbuch mit leeren Seiten, das in Format und Papier der Endfassung entspricht. Autor und Verleger sind mit dem Resultat schon recht zufrieden. Grass merkt allerdings an: „Das E ist viel zu grün­stichig“, worauf Steidl beruhigend antwortet: „Das korrigieren wir beim Ausdruck.“

[Michael Schäfer]

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