1942 im Exil in Los Angeles: Thomas Mann (1875-1955).
Anhand zweier früher poetologischer Essays („Bilse und ich“, 1905, und „Versuch über das Theater“, 1908) zeichnete Detering Manns Verständnis von Kunst und Religion nach. Durch „Erfindung und Beseelung“ glückt dem Künstler eine „Erlösung“ bedeutungsarmen Lebens durch bedeutungsvolle Kunst. Im kunstästhetischen Diskurs mit Nietzsche, Wagner und Schopenhauer vermag ein seinsmäßiger Vorsprung der Kunstfigur vor dem Leben gedacht zu werden, sodass hier von einer „Kunstreligion“ gesprochen werden kann.
Im Theater-Essay beansprucht Mann für den Roman, was dem Theater zugeschrieben wurde: Konnte das Drama als heilige Handlung verstanden werden, sieht Mann das poetische Erlösungspotenzial auf den Roman übergegangen. Indem der Dichter diesen schreibt, erfährt er sich als leidenden Erlöser. Unter „Schmerz“ geschieht derlei „Emanation des dichtenden Ich“. „Böse und stumme Dinge werden gut gemacht“, indem sie geschrieben und verfasst werden.
Dem Dichter kommen so Aspekte von Schöpfer, Erlöser und Priester zu, wobei sich Mann selbst auch als Reformator dünkt. In seinem Verständnis des Romans verrät sich noch das reformatorische „sola scriptura“, das evangelische Prinzip der dem Glauben vorgegebenen Schrift. So skeptisch Mann gegenüber den überlieferten Konfessionen war, so sehr respektiert er Religion, die er als im wesentlich deckungsgleich mit seiner Ästhetik versteht.
Detering unterließ es, Manns frühe Ästhetik in den theologischen Diskurs etwa des liberalen Kulturprotestantismus einzuzeichnen, wie er auch die späteren Aussagen nicht ins Gespräch brachte mit der in den 1950er Jahren dominierenden Schule des Schweizer Theologen Karl Barth, der dem in Zürich Wohnenden auf den Geist gegangen sein mag. 1953 gewährte Papst Pius XII. dem Literaten eine Audienz – oder war es umgekehrt und der hohepriesterliche Schriftsteller beliebte es, den Pontifex maximus zu empfangen? Jedenfalls zeigte sich Mann beeindruckt, insofern er hier ein ironisches Spiel von „Frömmigkeit und Fiktion“ erlebt hatte.
Wichtiger als derlei Anekdoten sind freilich die poetologischen Weiterführungen Manns, in denen Detering eine Überwindung neuromantischer Kunstreligion und eine Annäherung an jüdisch-christliche Tradition sieht. Das biblische Motiv der „Gnade“ gewinnt im Vortrag „Meine Zeit“ (1950) und im Roman „Der Erwählte“ (1951) an Bedeutung: Der Mensch erlebt sein Leben als schuldhaft und sich selbst als rechtfertigungsbedürftiges Geschöpf.
Um der Aporie einer Selbsterlösung durch Kunst zu entgehen, fügt der späte Mann seiner Poetologie den Begriff der Gnade hinzu. Die Kunst, der Roman ist ein Forum der Gnade, Erlösung ereignet sich nicht durch das Werk, sondern in diesem. Diese „Idee von Sünde und Gnade“ sei „sein Christentum“, so Manns Replik auf den Vorwurf mangelnder Christlichkeit. Gleichwohl mied er jeden bekenntnishaften Bezug etwa auf Christus, weil er erzählen und nicht behaupten wollte. Diesen Erwägungen zum Autor könnten sich Fragen nach dem Leser anschließen: Wie wird eigentlich dem Romanleser die Gnade zugespielt? Ist, rezeptionsästhetisch weitergesponnen, Lesen ein sakramentaler Akt?
Auch insofern Thomas Mann mit seiner Strenge gegen sich und andere calvinistische Züge zeigte, gut lutherisch von Rechtfertigung und Vertrauen sprach, dann allerdings die Gnade in katholischer Tradition additiv verstand, nämlich die Bemühungen des Glaubenden, die „guten Werke“ ergänzend, zeigt sich – so Detering – eine religiös komplexe Schriftstellerpersönlichkeit.
Von Karl Friedrich Ulrichs