Navigation:
Aktuelle Beilagen Anzeigen- und Abo-Service

Gnade im Roman?

Religiöse Konzepte bei Thomas Mann

Welche religiösen Konzepte finden sich in literarischer Kunst? Bergen literarische Ästhetik und Poetik eine eigene Spielart des Religiösen? Diesen Fragen ging der Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Heinrich Detering am vergangenen Freitag in der vollbesetzten Paulinerkirche nach. Detering sprach im Rahmen einer Tagung der „Jungen Thomas-Mann-Forscher“, die emotionswissenschaftliche Ansätze zur Erforschung des Mannschen Œuvres diskutierte. Detering ist Vizepräsident der Thomas-Mann-Gesellschaft und Mitherausgeber der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“. Derzeit kommentiert Detering Manns späten Roman „Der Erwählte“ (1951); sein Vortrag bot einen Einblick in diese aktuelle Arbeit.

1942 im Exil in Los Angeles: Thomas Mann (1875-1955).

© ap
Lesezeichen setzen:


Anhand zweier früher poetologischer Essays („Bilse und ich“, 1905, und „Versuch über das Theater“, 1908) zeichnete Detering Manns Verständnis von Kunst und Religion nach. Durch „Erfindung und Beseelung“ glückt dem Künstler eine „Erlösung“ bedeutungsarmen Lebens durch bedeutungsvolle Kunst. Im kunstästhetischen Diskurs mit Nietzsche, Wagner und Schopenhauer vermag ein seinsmäßiger Vorsprung der Kunstfigur vor dem Leben gedacht zu werden, sodass hier von einer „Kunstreligion“ gesprochen werden kann.

Im Theater-Essay beansprucht Mann für den Roman, was dem Theater zugeschrieben wurde: Konnte das Drama als heilige Handlung verstanden werden, sieht Mann das poetische Erlösungspotenzial auf den Roman übergegangen. Indem der Dichter diesen schreibt, erfährt er sich als leidenden Erlöser. Unter „Schmerz“ geschieht derlei „Emanation des dichtenden Ich“. „Böse und stumme Dinge werden gut gemacht“, indem sie geschrieben und verfasst werden.

Dem Dichter kommen so Aspekte von Schöpfer, Erlöser und Priester zu, wobei sich Mann selbst auch als Reformator dünkt. In seinem Verständnis des Romans verrät sich noch das reformatorische „sola scriptura“, das evangelische Prinzip der dem Glauben vorgegebenen Schrift. So skeptisch Mann gegenüber den überlieferten Konfessionen war, so sehr respektiert er Religion, die er als im wesentlich deckungsgleich mit seiner Ästhetik versteht.

Detering unterließ es, Manns frühe Ästhetik in den theologischen Diskurs etwa des liberalen Kulturprotestantismus einzuzeichnen, wie er auch die späteren Aussagen nicht ins Gespräch brachte mit der in den 1950er Jahren dominierenden Schule des Schweizer Theologen Karl Barth, der dem in Zürich Wohnenden auf den Geist gegangen sein mag. 1953 gewährte Papst Pius XII. dem Literaten eine Audienz – oder war es umgekehrt und der hohepriesterliche Schriftsteller beliebte es, den Pontifex maximus zu empfangen? Jedenfalls zeigte sich Mann beeindruckt, insofern er hier ein ironisches Spiel von „Frömmigkeit und Fiktion“ erlebt hatte.

Wichtiger als derlei Anekdoten sind freilich die poetologischen Weiterführungen Manns, in denen Detering eine Überwindung neuromantischer Kunstreligion und eine Annäherung an jüdisch-christliche Tradition sieht. Das biblische Motiv der „Gnade“ gewinnt im Vortrag „Meine Zeit“ (1950) und im Roman „Der Erwählte“ (1951) an Bedeutung: Der Mensch erlebt sein Leben als schuldhaft und sich selbst als rechtfertigungsbedürftiges Geschöpf.

Um der Aporie einer Selbsterlösung durch Kunst zu entgehen, fügt der späte Mann seiner Poetologie den Begriff der Gnade hinzu. Die Kunst, der Roman ist ein Forum der Gnade, Erlösung ereignet sich nicht durch das Werk, sondern in diesem. Diese „Idee von Sünde und Gnade“ sei „sein Christentum“, so Manns Replik auf den Vorwurf mangelnder Christlichkeit. Gleichwohl mied er jeden bekenntnishaften Bezug etwa auf Christus, weil er erzählen und nicht behaupten wollte. Diesen Erwägungen zum Autor könnten sich Fragen nach dem Leser anschließen: Wie wird eigentlich dem Romanleser die Gnade zugespielt? Ist, rezeptionsästhetisch weitergesponnen, Lesen ein sakramentaler Akt?

Auch insofern Thomas Mann mit seiner Strenge gegen sich und andere calvinistische Züge zeigte, gut lutherisch von Rechtfertigung und Vertrauen sprach, dann allerdings die Gnade in katholischer Tradition additiv verstand, nämlich die Bemühungen des Glaubenden, die „guten Werke“ ergänzend, zeigt sich – so Detering – eine religiös komplexe Schriftstellerpersönlichkeit.

Von Karl Friedrich Ulrichs


Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Anzeige

Tageblatt-Trauerportal




Anzeige

Unsere digitalen Beilagen

Geschichtswerkstatt

Göttinger Zeitreise

Wir laden Sie herzlich zu einer Reise in die Vergangenheit ein und würden uns auch freuen, wenn Sie uns helfen, weitere Dokumente zu finden. Ein Film über die 1960er Jahre in Göttingen wird daraus entstehen. mehr


 

Branchenführer

Handwerk regional

Sie suchen qualifizierte Handwerker aus Südniedersachsen? Dann testen Sie unseren neuen regionalen Handwerkerführer: Hier finden Sie schnell und einfach den passenden Handwerksbetrieb für Ihr Vorhaben! mehr


 

Leser werben Leser

Prämien-Shop

Werben Sie einen neuen Abonnenten, und wählen Sie Ihre Wunsch-Prämie aus über 2.500 Top-Prämien. mehr


 

Schuldatenbank




Ticketservice

Ganz vorne mit dabei

Egal ob regionale Veranstaltung oder internationaler Top-Show-Act. In unserem Tageblatt-Ticketshop können Sie bequem am Bildschirm die gewünschten Eintrittskarten kaufen. mehr


 

So entsteht das Tageblatt...

Dieses Video zeigt Ihnen die Arbeit von Redaktion, Rotation und Vertrieb im Druckhaus Göttinger Tageblatt. mehr


 

E-Shop

Göttinger Tageblatt Mediengruppe

Das Unternehmen im Überblick

Die Göttinger Tageblatt Mediengruppe ist das führende Medienhaus in Südniedersachsen – ein moderner Dienstleister für Kommunikation, Nachrichten, Werbung und Druck. mehr


 

Veranstaltungen

Tipps rund um die Uhr

Haben Sie Lust auf Nachtleben oder Oper? Darf eine Lesung sein oder eine Ausstellung? Hier finden Sie alle Termine. mehr