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Kabale und Liebe am DT

Von den Katastrophen unglücklicher Liebe

Bildungsgut heißt (unter anderem) all die Literatur, aus der sich Bildungsbeflissene mit Zitaten versorgen, damit man sie als gebildet einstufen kann. Doch in den wenigsten Fällen wurde diese Literatur geschaffen, um solchen Zwecken zu dienen. In ihr kann sich beispielsweise die Verzweiflung über bestehende Verhältnisse artikulieren, der brennende Wunsch, dem Leser oder dem Theaterbesucher die Augen zu öffnen. Einen solchen Brand versucht die Regisseurin Alice Buddeberg mit ihrer Inszenierung von Schillers „Kabale und Liebe“ am Deutschen Theater in Göttingen zu entfachen.

Ausweglos verzweifelt: Luise (Marie-Isabel Walke) und Ensemble in „Kabale und Liebe“.

© Winarsch
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Buddeberg weiß, dass mit der bloßen Darstellung des ursprünglichen Textes nach 225 Jahren keine wirkliche Nähe zu seinen Intentionen zu erreichen ist. Dabei geht sie wahrlich nicht zimperlich mit der Vorlage um. Sie bricht den Text auf („dekomponieren“ heißt das auf Feuilletondeutsch), kürzt ihn, verändert den Schluss, fügt Texte von Sloterdjk und Barthes hinzu, lässt sogar an einer Stelle kurz die „Titanic“-Katastrophe anklingen. Warum? Weil sie – wie Schiller – etwas von der Liebe erzählen will. Das irritiert, verstört, stört auch bisweilen, ist befremdlich. Aber es rührt an, macht Angst.

Sehr nass ist diese Inszenierung. Gut anderthalb der zwei Stunden Spieldauer regnet ein Wasservorhang auf die Bühne hernieder. Von einem Meer von Tränen ist im Schiller-Text die Rede, Tränen als Attribut der unglücklich Liebenden. Am Ende ist die gesamte vordere Bühne ein See, in dem die Akteure glitschen, spritzen, untergehen, aus dem sie triefend auftauchen und in dem sie stellenweise extremes Körpertheater exerzieren. Das hat Dorothea Ratzel sauber choreografiert: Fast meint man als Zuschauer die Schmerzen der handelnden Personen selbst zu spüren.
Ausstatterin Sandra Rosenstiel steckt die meisten Darsteller, Männer wie Frauen, von der Taille abwärts in Krinolinen, was deren Eingebundenheit in feste gesellschaftliche Strukturen allerliebst bebildert. Die einzigen, die emotional dieses System in Frage stellen, sind Luise (Marie-Isabel Walke) und Ferdinand (Alois Reinhardt) – freilich ohne Aussicht auf Erfüllung ihrer Liebe. Diese Liebe muss der Kabale, der teuflisch-bösen Intrige, unterliegen. Schillers Finale wird von der Regisseurin erheblich: verschärft: Hier misslingt Ferdinands Selbstmordversuch, und von einer Verzeihung für den Vater ist in Buddebergs Version nicht die Rede.

Herausragend im Ensemble: Marie-Isabel Walke, die ihre Rolle nicht nur mit hoher Sprechkultur, sondern auch mit anrührender Emotionalität und klugen Brüchen gestaltet (und die zudem sehr schön singen kann). Alois Reinhardt als Ferdinand reicht nicht ganz an sie heran. Weshalb er in seinem Spiel zwischen innerer Anteilnahme und einer etwas distanziert wirkenden Textdeklamation wechselt, ist nicht immer nachvollziehbar. Die Lady Milford lässt Buddeberg pfiffigerweise von einem Mann spielen: Philip Hagmann macht daraus ein Paradestück der Affektmöglichkeiten. Benjamin Berger führt gewandt und gewinnend als Conferencier durch die fröhlichere erste Stunde des Abends, um dann dem Hofmarschall von Kalb seine Züge zu leihen. Wunderbar fies ist Paul Wenning als Präsident von Walter, angemessen schleimig und durchtrieben Daniel Sellier als Wurm. Als glaubhaft leidender Vater Miller komplettiert Nikolaus Kühn das Ensemble.

Das Premierenpublikum ließ sich von der dichten Atmosphäre dieses Abends spürbar gefangennehmen. Proteste gegen die Veränderungen des Bildungsgutes Schiller-Drama waren jedenfalls nicht zu vernehmen.
Nächste Termine: 9., 18., 26. und 29. März um 19.45 Uhr im Deutschen Theater in Göttingen. Karten an der DT-Theaterkasse, Telefon 05   51   /   49   69   11.

Von Michael Schäfer


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