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13:40 07.10.2018
Chor, Vokalsolisten und das Göttinger Barockorchester mit dem Dirigenten Antonius Adamske Quelle: Michael Schäfer
Göttingen

Es war kein Zufall, dass Adamske für dieses Konzert ausgerechnet die Johanniskirche gewählt hatte. Denn Rudorff (1749-1796) wurde 1780 Göttinger Stadtkantor, seine Kantaten wurden also in St. Johannis aufgeführt. Auch das übrige Programm des Abends war auf Göttingen zugeschnitten. Bachs Sohn Wilhelm Friedemann hat Reisen nach Göttingen unternommen, um hier den Musikdirektor Johann Nikolaus Forkel zu besuchen. Mit Forkel pflegte Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel – von dem das Orchester eine kurze, aber durchaus kühne C-Dur-Sinfonie beisteuerte – eine lebhafte Korrespondenz. Johann Joachim Quantz schließlich, der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, wurde in Scheden bei Göttingen geboren. Dessen G-Dur-Flötenkonzert spielte Dorothee Müller-Kunst mit warmem Ton, großer Virtuosität und feinen Ausdrucksnuancen.

Leistungsfähiges Ensemble

Für den Vokalpart der Kantaten hatte Adamske ein kleines, leistungsfähiges Ensemble zusammengestellt: vier Solisten und einen achtköpfigen Chor, der von den Solisten verstärkt wurde. Der dadurch erzielten gesanglichen Transparenz entspricht das Klangideal des Göttinger Barockorchesters, das für den Instrumentalpart zuständig war.

Aufregende Bach-Kantate zu Beginn

Mit der Kantate „Ach, dass du den Himmel zerrissest“ von Wilhelm Friedemann Bach begann der Abend geradezu aufregend. Denn der barock-drastische Text, in dem von zitternden Teufeln, stürmenden Feinden und zersplitternden Pfeilen die Rede ist, hat den Komponisten zu einer entsprechend lebhaften musikalischen Sprache angeregt. In zwei großen Arien konnten sich der junge australische Tenor Jacob Lawrence und der renommierte Bariton Henryk Böhm virtuos bewähren. Schon in den wenigen Rezitativ-Zeilen, die in dieser Kantate dem Solosopran zugedacht sind, ließ Hanna Zumsande den Glanz ihres kraftvollen, gleichwohl ganz unangestrengt geführten Soprans erkennen. Ausdrucksvoll sang die Solo-Altistin Nicole Pieper; im Orchester strahlten die beiden Hörner klangprächtig, in der Tenor-Arie war Müller-Kunst eine ideale Partnerin für den Gesangssolisten.

Zeitalter der Empfindsamkeit

Rudorffs Musik gehört wie die der Bach-Söhne zum anbrechenden Zeitalter der Empfindsamkeit: Der strenge Stil der Barockmusik ist abgelöst durch einen wesentlich galanteren Ton. Der Satz ist längst nicht mehr streng polyphon, sondern mehr auf die Oberstimme hin orientiert, die von den übrigen Stimmen in gefälligen Harmonien begleitet wird. Die musikalische Sprache dieser Zeit benutzt Wendungen, die schon Mozart ahnen lassen – Rudorff, im selben Jahr wie Goethe geboren, ist nur sieben Jahre älter als Wolfgang Amadeus.

In Rudorffs Kantate „Lobet ihr Himmel den Herrn!“ ist vor allem die mit feinen Koloraturen verzierte Sopranarie „Mein Glück von Gott mir hier beschieden“ hervorzuheben, die Hanna Zumsande ganz zauberhaft gestaltete. Auch die Kantate „Herr, thue meine Lippen auf“ – die bereits 2014 einmal in Göttingen aufgeführt wurde – besitzt einen Eröffnungschor und einen Schlusschoral, die solistische Stücke umrahmen. In diesen Chorsätzen zeigten die Vokalisten beachtliche stimmliche Homogenität und vokale Kraft, was bei einer derart geringstimmigen Besetzung keineswegs selbstverständlich ist. Das Schlussstück des Abends war Rudorffs Kantate „Lobet den Herrn, lobet ihr Knechte“, abwechslungsreich durch ständig neue Kombinationen von Solostimmen und zwei Tutti-Passagen aller Vokalisten.

Kein zweiter Mozart

Sicherlich ist Rudorff kein zweiter Mozart. Doch diese lebhafte, abwechslungsreiche, feine Musik hat es nicht verdient, im Staub der Archive weiter zu schlummern. Orchester, Chor, Solisten und Adamske mit seinem inspirierenden, energischen Dirigat haben eindrucksvoll für diese Wiederbelebung Rudorffs gesorgt, was durch den lang anhaltenden, begeisterten Beifall des Publikums nachhaltig unterstrichen wurde.

Aufnahme wird auf NDR Kultur gesendet

Eine Aufnahme dieses Konzerts wird am Sonntag, 6. Januar, um 11 Uhr auf NDR Kultur gesendet.

Auch bei den Nikolausberger Musiktagen hatten Rudorff-Kantaten im Mittelpunkt gestanden. Darüber berichtete das Tageblatt hier.

Von Michael Schäfer

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