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Im magischen Reich der sprechenden Hände

Händel-Festspiele Im magischen Reich der sprechenden Hände

Was für ein Zauber! Einmal den magischen Stab geschwungen, schon fällt Amadigi in totengleichen Schlaf. Oder es entsteigen der Unterwelt grausige Monster. Oder es plätschert ein Hexenbrunnen, in dessen Wasser sich Trugbilder spiegeln. Melissa besitzt Zauberkräfte fast wie Harry Potter – nur gegen treue Liebe ist sie so machtlos, dass sie sich am Ende selbst den Tod geben muss.

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Göttingen. Mit der Premiere von Händels Oper „Amadigi in Gaula“, komponiert 1715, also in den frühen Londoner Jahren des Komponisten, haben die Göttinger Händel-Festspiele am Freitag nach dem Oratorium „Esther“ einen zweiten Glanzpunkt gesetzt. „Amadigi“ ist sicher nicht Händels stärkstes Bühnenwerk. Die Oper kommt etwas langsam in Gang, wirkt zunächst brav und konventionell, sie bedient mit Liebes- und Rachearien die Erwartungen des barocken Publikums.

Doch in Richtung Finale kommt viel Schwung auf, die Handlung spitzt sich zu, auch wenn das glückliche Ende samt Deus ex machina für den Kenner des Genres vorhersehbar ist.

Wer hier mutmaßt, das Publikum habe sich zunächst gelangweilt, irrt. Denn Ausstatter Stephan Dietrich hat sehr, sehr viel fürs Auge getan mit einfallsreich verspielten, farbenprächtigen Kostümen und der ganz in Blau gehaltenen Welt der Zauberin Melissa. Dazu hat Regisseurin Sigrid T’Hooft, Spezialistin für barocke Gestik, dem Ensemble die graziöse Kunst der sprechenden Hände perfekt anerzogen und im übrigen der originalen Handlung den gebührenden Raum gegeben – ohne irgendwelche Aktualisierungsversuche, die in diesem Kontext an den Haaren herbeigezogen wären.

Das I-Tüpfelchen dieser Produktion ist „Corpo Barocco“, die achtköpfige barocke Tanz-Compagnie der Regisseurin: So bezaubernd hüpfende, grinsende oder zähnefletschende Monster sieht man selten. Sie beleben die Szene ungemein.

„Amadigi“ ist mit nur vier Protagonisten plus Deus ex machina beinahe eine Kammeroper. In der Titelrolle macht die in Hannover und London ausgebildete Mareike Braun eine ausgesprochen gute Figur mit ihrem runden, weichen Mezzosopran, der nur gegen Ende des Premierenabends in wenigen Koloraturen leichte Ermüdungsspuren zeigte. Die französische Sopranistin Judith Gautier ist eine hinreißende Melissa, die mit schier unglaublicher Energie Amadigi zu zwingen versucht, ihre Leidenschaft zu erwidern.

Gezielt setzt sie auch dort, wo es notwendig ist, vokale Schärfe ein, präsentiert glitzernde Koloraturen und ergreifend sanfte Töne, als sie sich am Ende verzweifelt den Tod gibt.

Der Rolle der Oriana, der echten Geliebten Amadigis, verleiht die aus Kanada stammende Sopranistin Stefanie True mit federleichtem Timbre stimmliche Anmut. Ebenfalls verliebt in Oriana ist Dardanao, gesungen von Markéta Cukrová. Dieser Partie hat Händel nur wenige Arien gegönnt, doch macht die tschechische Mezzosopranistin daraus sehr glaubhaft gezeichnete Porträts von Seelenzuständen, in denen sie die Vorzüge ihrer kernigen, sicher geführten Stimme unter Beweis stellen kann.

Komplettiert wird das Solistenensemble durch die junge Sängerin Johanna Neß. Mit ihrem kraftvollen, hell timbrierten Sopran, auf einer Wolke herabschwebend, bewirkt sie die Wendung zum glücklichen Ende, dem Melissas Tod den Weg bereitet hatte.

Dirigent Andrew Parrott sorgte vorzüglich für die Koordination zwischen den Sängern und dem sehr lebendig musizierenden Festspielorchester Göttingen. Vielleicht hätte man sich hier und da noch eine Spur mehr federnde Kraft und Temperament gewünscht. Doch arbeitete er die Reize dieser Händel-Partitur sehr einfühlsam heraus – von dem ergreifenden „Lascia, ch’io pianga“-Zitat in Dardanos Arie „Pena tiranna“ bis hin zu dem unbeschwert fröhlichen, staunenswert folkloristischen schottischen Tanz, den „Corpo Barocco“ in stilisierten Kilts vorführte. Sieben Minuten lang rauschte der Premierenapplaus.

Weitere Aufführungen der Oper „Amadigi di Gaula“ am 21., 22. und 26. Mai um 19 Uhr sowie am 28. Mai um 15 Uhr. Karten in Göttingen beim GT-Ticketservice, Jüdenstraße 13c, im Festivalzentrum im Apex, Burgstraße 46, unter der Telefonnummer 0 18 05 / 44 70 000 (14 Cent pro Minute) oder unter haendel-festspiele.de.

Von Michael Schäfer

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