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Händel-Festspiele 2013 Die internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2013 sind eröffnet
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00:18 15.05.2013
Reife Leistung:  „European Union Baroque Orchester“ unter der Leitung von Lars Ulrik Mortensen mit Sopranistin Maria Keohane. Quelle: Heller
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Am Sonnabend wurde mit dem Familienfest in Göttingen das junge Publikum auf die Lebenszeit und Musik des Komponisten Georg Friedrich Händel eingestimmt. Ausgewählte Konzerte der Festspieltage Freitag und Sonnabend haben Jonas Rohde und Michael Schäfer rezensiert:

Lautenlieder im Rittersaal

Burgkonzert: Aleksandra Zamojska, Anna Dennis, David Tayler (v.l.).

Adelebsen. Seit zehn Jahren gehen die Händel-Festspiele aufs Land. An den Spielstätten der Region erhalten sie eine Atmosphäre, die Göttingen nicht bieten kann – so etwa im Rittersaal der Burg Adelebsen.

Wer die 43 steinernen Treppenstufen erklommen hat, wird belohnt mit einem hellen, lichten, großzügigen Raum mit mächtigen Eichenbalken und rustikalem Dielenboden, der beste akustische Voraussetzungen für Kammermusik bietet, speziell für Musik des Barock: der Kaminsims trägt die Jahreszahl 1643.

Ursprünglich sollte dort die Sopranistin Kirsten Blaise auftreten, die kurzfristig ihre Mitwirkung bei den Händel-Festspielen absagte.

An ihrer Stelle kamen am Sonnabend zwei Sopranistinnen: Anna Dennis und Aleksandra Zamojska. Zusammen mit David Tayler an der Theorbe präsentierten sie ein wunderbares Programm vokaler Kammermusik des 16. bis 18. Jahrhunderts aus England, Schottland und Italien, unter anderem von John Dowland, Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und Claudio Monteverdi.

Anna Dennis machte den Anfang mit englischen Lautenliedern, die mit ihrer berührenden Schlichtheit und ihrer Ausdruckstiefe, die auf jeden artifiziellen Schmuck verzichtet, einzigartig sind. Von schönen Frauen, Nymphen, Seufzern und Tränen ist da die Rede, die Musik ist leise, sanft und zärtlich wie eine Liebkosung.

Das kostete Anna Dennis mit ihrem samtweichen, klaren Sopran wunderbar aus – ganz im Einklang mit Tayler, der auch in seinen solistischen Beiträgen die Kostbarkeit, die in der Einfachheit liegen kann, mit feinster Tongebung und einer auch im Pianissimobereich vielfach nuancierten Dynamik zelebrierte.

Aleksandra Zamojska besitzt (noch) nicht ganz jenen Schmelz, der das Timbre ihrer Kollegin charakterisiert. Aber schon in Caccinis Arie „Amarilli, mia bella“ hatte sie sich rasch freigesungen und konnte nach der Pause unter anderem mit der populären Händel-Arie „Lascia ch’io pianga“ aus „Rinaldo“ glänzen.

Edelsteine in Sachen Ausdruckstiefe waren die Stücke von Monteverdi, mit denen der Nachmittag – nach regnerischem Beginn nun mit strahlender Sonne draußen – ausklang. Krönender Schlusspunkt: das Duett „Pur ti miro“ aus Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“, vom begeisterten Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnt.

Von Michael Schäfer

„Händel auf Hebräisch“ in der Jacobikirche

Zwei Klangwelten verbunden: Sänger von „Profeti della Quinta“ mit der „Academia Daniel“.

Göttingen. Über kulturelle Gräben läuft es sich immer noch am besten auf Brücken aus Musik. Mit der nötigen Sorgfalt aufgebaut und dem richtigen Schwung konstruiert, sorgen sie im besten Falle dafür, dass der Hörer sich wie ein Spaziergänger fühlt.

Das Konzert „Händel auf Hebräisch“ in der Jacobikirche ist so eine Brücke geworden: Ein funktionierendes Konzept, ein schwungvoller Bogen in der dramaturgischen Gesamtanlage und interessante Stücke von Barockmusik, die musikhistorisch reizvoll bereits zum Galanten Stil deuten.

Die Verbindung zweier (Klang-)Welten nahm das  Vokalquintett „Profeti della Quinta“ mit der „Accademia Daniel“, dem Göttinger Knabenchor und der Mezzosopranistin Tehila Nini Goldstein kunstvoll vor. Psalme trafen auf das jüdische Gebet Kaddisch, Oratorien auf Synagogalgesänge.

Arien aus Händels „Esther“ einmal in hebräischer Sprache zu hören, ist nicht nur ein musikalisches Vergnügen: Der bloße Umstand, dass sein erstes Oratorium zeitnah eine Übersetzung durch Rabbi Jacob Raphael ben Simhah Judah Saraval erhielt, zeigt, dass sich Händels unvergleichbar große Wirkung in dieser Gattung nicht auf England beschränkt hat.

Goldstein trat zu dieser Gelegenheit erstmals nach der Pause auf und setzte dank ihres fast schon übermenschlich präzise austarierten Timbres schon in den ersten Takten von „Gili, Tzion“ ein vokales Glanzlicht – eindrucksvoll, aber bei weitem nicht das einzige des Abends.

Schon zuvor hatte der Göttinger Knabenchor gezeigt (Einstudierung: Michael Krause), wie pointiert Chorgesang auch in großer Besetzung sein kann: Die Leistung der jungen Vokalisten wurde von ihren weitaus erfahreneren Mitstreitern, insbesondere aber von einer merklich begeisterten Goldstein, am Ende des Konzerts mit Applaus bedacht.

Louis Saladins „Canticum Hebraicum“ lebte von den triumphierenden „Amen“-Rufen des Chores, aber auch die reizvolle Erweiterung des Gesamtklanges durch Streicher und Blockflöte der „Accademia Daniel“ (Leitung und Cembalo: Shalev Ad-El) hatte hier einen besonderen Reiz.

„Profeti della Quinta“ überzeugte insbesondere in der Psalmvertonung „Lamnastéah al hagitit“ des jüdischen Komponisten und Violinvirtuosen Salamone Rossi. Durch ihren gleich doppelt besetzten Diskant erreichten die Musiker des Ensembles ein ungewöhnlich hohes Maß an transparenter Strahlkraft.

Ob man die Grundlage der christlichen und jüdischen Religion nun Altes Testament oder Tanach nennt: Alle Musiker sind für ihren hochkarätigen Einsatz zu loben. Und auch dafür, dass sie zwei Äste des selben Stammes musikalisch und menschlich so mühelos zu verflechten vermocht haben.

Von Jonas Rohde

Kantaten und Orchesterwerke vom „European Union Baroque Orchestra“ und Maria Keohane

Göttingen. Die Europäische Idee zerstört? Mitnichten. Das „European Union Baroque Orchestra“ (EUBO) wurde von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso als eine „Erinnerung, was wir gemeinsam erreichen können“ bezeichnet.

Im Gegensatz zum durchschnittlichen Staatshaushalt machen es einem die jungen Barock-Talente, die mit der schwedischen Sopranistin Maria Keohane in der Stadthalle auftraten, sehr leicht, sie zu mögen.

Unter dem Titel „Crossing Borders“ präsentierten die Musiker, geführt durch Lars Ulrik Mortensen, ein straffes Programm aus Kantaten und Orchesterwerken Georg Friedrich Händels. Mortensens außergewöhnlicher Führungsstil wurde bereits bei der Ouvertüre B-Dur (HWV 336) überdeutlich. Am Cembalo sitzend dominierte er mit seiner expressiven Gestik optisch das Geschehen.

Die Bewegungen des Dänen mag man, ähnlich wie es anderen berühmten Musikern widerfahren ist, belächeln – doch auf den zweiten Blick stellte sich eine weitere Beobachtung ein: Alle Mitglieder des EUBO verfolgten in höchster Konzentration, wie Mortensen der Musik mit seinem Körper Form verlieh, forderte, wütete und lachte.

Das Ergebnis war ein mit Energie gefülltes, aufmerksames und hoch motiviertes Ensemble, das sich an diesem Abend zu besonderen Leistungen fähig gezeigt hat.

Was angesichts der Tatsache, dass die komplette Besetzung des EUBO jedes Jahr ausgetauscht wird, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Der aktuelle Konzertmeister Huw Daniel jedenfalls kanalisierte die von Mortensen ausströmende Kraft und gab sie gleichmäßig an sein Ensemble weiter.

In der Sonate B-Dur (HWV 288), in verkleinerter Besetzung gespielt, erzeugte der Brite im beschwingten Dialog mit seinen Kollegen im abschließenden Allegro einen stürmischen Höhepunkt. Weder die virtuosen Soloepisoden, noch der komplexe und eng verwobene Satz der Ritornelle stellten Daniel vor große Herausforderungen. Als Gegenpol zu Mortensen agierte er mit planvoller Gelassenheit.

Auch der Sopran Keohanes ließ nichts zu wünschen übrig: Händels Kantate Ero e Leandro stellt für den damals erst 22-jährigen Komponisten einen wichtigen Übergangspunkt vom deutschen zum italienischen Stil dar, dementsprechend reizvoll ist der anmutige Sopranpart gestaltet, dem Keohane auch schauspielerisch die dem düsteren Geschehen angemessene Dramatik verlieh.

Das alles erzeugte eine Gesamtleistung, deren Verantwortliche man gerne wieder wählen würde.

Von Jonas Rohde

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