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Ensemble Naya im Welfenschloss Hann. Münden

Abend- und Morgenland vereint Ensemble Naya im Welfenschloss Hann. Münden

Orient heißt das Thema der Händel-Festspiele – im Orient liegen die Wurzeln der abendländischen Musik: Die frühchristliche Musik speist sich aus dem jüdischen Syna­gogalgesang und Elementen der antiken griechischen Musik.

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Ein wenig angestrengt: Countertenor Yaniv d’Or.

Quelle: Schäfer

Hann. Münden. Solche Zusammenhänge will das Ensemble Naya deutlich machen, das am Mittwoch im gut besuchten Rittersaal des Mündener Welfenschlosses gastierte. Kopf des Ensembles ist der englisch-jüdische Countertenor Yaniv d’Or. Schon die Zusammensetzung des Instrumentariums zeigt das Beieinander von Orient und Okzident.

„Westliche“ Instrumente sind Cembalo und Orgel, Viola da gamba, Theorbe und Mandoline, die Oud – die arabische Laute – stammt aus dem Orient, ebenso die indische Sitar und die Schlaginstrumente.

In seinem Programm führte das Ensemble europäische Barockmusik mit sephardischer Musik – Gesänge der spanischen Juden – und Gesängen der jüdischen Liturgie zusammen. Da gab es Arien aus Händels Oratorien „Esther“ und „Israel in Egypt“, Motetten von Monteverdi, von Grandi oder Campra.

Dazu setzten die in spanischer Sprache gesungenen sephardischen Lieder und die jüdischen Gebete bemerkenswerte Kontraste – bemerkenswert vor allem deshalb, weil nach ersten Momenten der Fremdheit Gemeinsamkeiten aufzuleuchten begannen.

Spannung aus der Strebekraft der Töne

So ist beispielsweise die orientalisch anmutende Verzierungspraxis der sephardischen Lieder gar nicht so verschieden von der Art und Weise, wie barocke Arien mit kleinen Trillern oder Schleifern Schmuckornamente bekommen.

Noch ferner klingen Improvisationen auf der indischen Sitar. Doch auch diese Linien folgen ähnlichen Gesetzen wie westliche Melodien. Das Prinzip, Spannung aus der Strebekraft der Töne aufzubauen, ist im Falle der Sitar-Improvisation noch wesentlich deutlicher wahrzunehmen als in den vertrauten europäischen Melodien.

Yaniv d’Or war an diesem Abend stimmlich ein wenig angestrengt, dennoch wurden die Qualitäten seines ausdrucksstarken Gesanges sehr deutlich. Dass er anfangs leichte Intonationsprobleme hatte, war angesichts der Entdeckerfreuden in diesem außergewöhnlichen Programm rasch vergessen.

Musikalischer Genuss trotz Informationsmangel

Dass auch Laurence Cummings an Cembalo und Orgel in dieses Ensemble integriert war, ist ein besonders hübsches Zeichen der Brückenfunktion des Naya-Konzepts.

Schade nur, dass das Programm – dem dankenswerterweise alle Gesangstexte zweisprachig beigegeben waren – keine weiteren Informationen über die Musik enthielt. Aus der Überschrift „Traditional“ geht nicht hervor, dass es sich um Lieder sephardischer Juden handelt.

Wenigstens dieser Hinweis hätte gegeben werden können.

Doch hat der Informationsmangel dem musikalischen Genuss in keiner Weise geschadet, zu dem neben Yanif d’Or die Instrumentalisten – außer Cummings Yair Dalal (Oud), Andres Ericson (Theorbe), Nora Roll (Viola da Gamba), Avi Avital (Mandoline), Erez Mounk (Percussion) und Yotam Haimovich (Sitar) – gleichermaßen beitrugen. Dementsprechend begeistert war der Beifall, der mit Zugaben belohnt wurde.

Von Michael Schäfer

NDR Kultur sendet eine Aufnahme dieses Konzerts am 23. Juni um 22.05 Uhr in der Sendereihe „Soirée“.
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