Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Gewitter

Navigation:
Händel-Festspiele Göttingen: Mehr als 20 000 Besucher aus aller Welt

Positive Bilanz Händel-Festspiele Göttingen: Mehr als 20 000 Besucher aus aller Welt

Nach zwölf Tagen sind die Internationalen Händel-Festspiele jetzt zu Ende gegangen. Nach der finalen Opernaufführung von „Siroe, Re die Persia“ kehrt wieder Ruhe ein – und Zeit, das reichhaltige Treiben Revue passieren zu lassen.

Voriger Artikel
Händel-Festspiele 2013: Letztes Konzert auf dem Rittergut Besenhausen
Nächster Artikel
Händel-Festspiele Göttingen: Regisseur Paul Curran inszeniert „Faramondo“

Umjubelt: Aleksandra Zamojska als Laodice und Antonio Giovannini als Madarse in der Oper „Siroe, Re die Persia“.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Mehr als 20 000 Besucher aus aller Welt fanden ihren Weg in die Universitätsstadt. Die Auslastung der 44 Spielstätten lag bei insgesamt 70 Prozent. Festspielintendant Tobias Wolff zeigte sich zufrieden: „Insgesamt konnten wir mit 12 000 Karten knapp 1000 Tickets mehr verkaufen als im Vorjahr.“

Der traditionelle Mittelpunkt ist seit je her die Opernproduktion. Die Geschichte um Verrat, Rache und Thronfolge wurde erstmals in Göttingen aufgeführt. Die Sänger und Instrumentalisten haben unter Führung vom künstlerischen Leiter Laurence Cummings eine Form der musikalischen Darbietung gefunden, der Respekt gebührt.

Dennoch wird es vor allem die mutige Inszenierung Immo Karamans sein, die dem Publikum im Gedächtnis bleiben dürfte: Statt auf Papierwolken und Pappschlösser zu vertrauen, setzte dieser auf eine heruntergekommene Villa auf einer Drehbühne, die der Oper eine fast cineastische Qualität gab.

Am eindrucksvollsten aber schien die komplette Verkehrung des heute plakativ und künstlich anmutenden Happy-Ends in ein nachdenklich stimmendes Finale. Der Handlung ganz ohne Worte eine eigene Botschaft anheim zu stellen: Das ist die Macht einer gelungenen Inszenierung.

Zahlreiche Veranstaltungen in Göttingen und der Region loteten dagegen die Möglichkeiten ungewöhnlicher Spielstätten und musikalischer Experimente aus: Javanesische Gamelan-Musik in St.-Nikolai, Irish Folk in der Scheune des Guts Sennickerode oder türkisch eingefärbter Jazz in der Musa – die Veranstalter haben sich Mühe gegeben, auch Besucher zu begeistern, die sonst keinen Händel hören.

Die Qualität bestechend

Dass es sich lohnt, diese Zuhörerschaft  anzusprechen, bewies auch das Public Viewing in der Lokhalle, das rund 1 500 Besucher anlockte. Aber auch Barockliebhaber kamen auf ihre Kosten: Künstler wie Violinistin Rachel Podger, Sopranistin Anne-Sofie von Otter, Oboist Albrecht Mayer oder Mandolinist Avi Avital dürften mit ihren Namen viele Besucher nach Göttingen gezogen haben.   

Andere Namen mussten dagegen – oft sehr kurzfristig – zurückgezogen werden. Sandrine Piau konnte das Galakonzert nicht bestreiten, die Oper verlor mit Elisabeth Atherton und Kirsten Blaise gleich zwei Solistinnen. Auch Annika Sophie Ritlewski, die in der Petrikirche eigentlich schon als Ersatz für Atherton gedacht war, musste wieder absagen.

Gut ist es doch, dass sich all diese Umbesetzungen nicht negativ bemerkbar gemacht haben: Die Qualität der Festspiele war dennoch bestechend.

Von Jonas Rohde

► Kommentar: Ein Trugschluss

Viele Formen der abendländischen Kunstmusik leiden an Publikumsschwund. Der erste Reflex besteht leider allzu oft darin, die Gründe dafür in der vermeintlich alten Musik zu suchen – ein Trugschluss.

Vielmehr ist dafür ein verstockter Kulturbetrieb verantwortlich zu machen, der geistlose Etikette mit Musikgenuss zu verwechseln scheint.

Es mag ketzerisch klingen, aber der Mensch ist einfach nicht für stundenlanges Stillsitzen in zu engen Sitzreihen und Anzügen gemacht.

Musik jedweden Genres war und ist ein Weg des künstlerischen Ausdrucks, der kein ehrfürchtig erstarrtes, sondern ein lebhaft teilnehmendes Publikum erfordert.

Den Göttinger Händel-Festspielen ist vor diesem Hintergrund ein dickes Lob auszusprechen: Das Thema „Orient“ war kein bloßes Etikett, sondern Leitmotiv.

Völlig unterschiedliche Musiken und Kulturen begegneten sich hier täglich – und zwar auf Augenhöhe.

Zusätzlich wurde mit Cross­over-Projekten, einer Familienfassung der Oper und einem Public Viewing ein Publikum gewonnen, das Händel ansonsten nicht aktiv gesucht hätte.

Die Organisatoren der Festspiele haben damit eines erkannt: Statt sich innerhalb der schützenden Mauern einer zu oft heraufbeschworenen Hochkultur zu verschanzen, muss sich die Kunstmusik noch weiter für ihr Publikum öffnen.

Dafür braucht es nicht ständig Schlips und Kragen, sondern begeisternde Kreativität.

Jonas Rohde

Jonas Rohde

Quelle: Hinzmann
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Barockmusik im Schafstall
Trio mit Gast: „Die kleien Nachtmusik“ und  M. Übellacker am Hackbrett.

Spätestens seit Erfindung des Schleswig-Holstein-Festivals sind Scheunen als Konzertstätten medienwirksam entdeckt worden. Nun haben auch die Händel-Festspiele den Weg dorthin gefunden.

mehr
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag