Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Händel-Festspiele 2013 Händel-Festspiele: Großes Galakonzert in der Göttinger Stadthalle
Nachrichten Kultur Themen Händel-Festspiele Händel-Festspiele 2013 Händel-Festspiele: Großes Galakonzert in der Göttinger Stadthalle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 23.05.2013
Erstklassiger Ersatz: die englische Sopranistin Lucy Crowe mit dem Festspiel-Orchester. Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Doch niemand im fast ausverkauften Saal der Stadthalle dürfte irgendwann das Gefühl gehabt haben, mit einem zweitrangigen Ersatz abgespeist worden zu sein.

Gewiss genießt die englische Sopranistin Lucy Crowe noch nicht den weltweiten Ruf ihrer erkrankten französischen Kollegin, aber mit Auftritten an der Met, beim Glyndebourne Festival oder im Royal Opera House Covent Garden gehört die 34-Jährige schon jetzt in die vordersten Reihen der Sopranistinnen-Garde.

Drei Elemente bestimmten das Programm des Abends, die alle etwas mit dem Thema „Traum vom Orient“ zu tun hatten: Arien aus Opern und Oratorien Händels, die im Orient spielen („Alexander Balus“ und „Giulio Cesare in Egitto“), barocke Orchesterwerke mit orientalischem Sujet (Händels „Belshazzar“-Ouvertüre und sein Concerto grosso aus „Alexander’s Feast“ sowie Musik von Lully und Fux), dazu Musik mit dem Ensemble Naya, dessen Sänger Yaniv d’Or sowohl in der europäischen Barockmusik als auch in der sephardischen Musik zu Hause ist.

Dem hohen Anspruch, der mit dem Wort Galakonzert verbunden ist, entsprach die vokale Kunst von Lucy Crowe in vollem Umfang. Ihr lyrisch weich getönter Sopran entfaltet sich federleicht, ist aber auch ohne erkennbare Anstrengung dazu fähig, ein voll besetztes Orchester zu dominieren.

Schmetternde Trompeten und dröhnendes Schlagzeug

Vielfältig sind ihre Ausdrucksnuancen, glasklar ihre Koloraturen, bisweilen aberwitzig ihre virtuosen Fähigkeiten, die sie in ihren Kadenzen – augenzwinkernd, nicht etwa auftrumpfend – vorführt.

Ihre finale Arie „Da tempeste il legno infranto“ aus Händels „Cäsar“ dürfte sich den meisten Hörern unvergesslich eingebrannt haben, nicht nur deshalb, weil sie sie als Zugabe („Ich versuche es noch einmal“) zum Entzücken des Publikums wiederholte.

Ein nicht ganz uneingeschränktes Lob gebührt dem Festspielorchester. Es glänzte vor allem in der aufregenden „Turcaria“ von Johann Joseph Fux, einer wirkungsvollen, virtuos-brillanten „musikalischen Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683.“

Da schmetterten die Trompeten und dröhnte das Schlagzeug, dass er eine wahre Lust war – und auch die Streicher beteiligten sich mit Feuer an diesem wohlgeordneten, kultivierten, nicht etwa martialischen Klangrausch.

Stimmlichen Fähigkeiten von Yaniv d’Or

Dagegen fiel das Concerto grosso aus „Alexander’s Feast“ etwas ab, hier gab es kleinere Intonationsschwächen in den Solopartien.

Mit dem Ensemble Naya war das Klangspektrum dieses Abends um eine besonders reizvolle Farbe bereichert: Die indische Sitar und die arabische Ud sind für einen „Traum vom Orient“ bestens geeignet.

Schade nur, dass die stimmlichen Fähigkeiten von Yaniv d’Or an das sonstige Niveau dieses Abends nicht heranreichten.

Leichte Rauigkeiten und Intonationsschwächen trübten den Eindruck immer wieder. Am schönsten gelang ihm das sephardische Lied „Nani Nani“ zur Sitarbegleitung – wobei eine Information darüber wünschenswert gewesen wäre, wie groß der Anteil der Improvisation in dieser Art zu singen ist.

Lautstarke Begeisterung

Dass sich Giuseppe Verdi bei dem – nach Yaniv d’Ors Ansage aus Thessaloniki stammenden – Lied „Adio querida“ Anregungen für seine Oper „La Traviata“ geholt haben soll, wird übrigens kontrovers diskutiert. Es gibt auch die Theorie, der Vorgang sei umgekehrt gewesen.

Einerlei: Hier war das Sängerterzett aus d’Or mit Laurence Cummings (Cembalo und erste Oberstimme) und Nora Roll (Gambe und zweite Oberstimme) besonders vergnüglich.

Einen ganz besonderen Schlusspunkt setzte Lucy Crowe mit ihrer letzten Zugabe. Wie ihre schwedische Kollegin Anne Sofie von Otter zwei Abende zuvor am selben Ort sang sie zum Ausklang das „Göttingen“-Chanson von Barbara.

Das war eine zu Herzen gehende Reverenz an die Festspielstadt, die von den Zuhörern mit lautstarker Begeisterung quittiert wurde.

Von Michael Schäfer

NDR Kultur sendet eine Aufnahme dieses Konzerts am 30. Juni um 11.03 Uhr.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Oft sind es charismatische Musikerpersönlichkeiten, die auch unscheinbare Musikinstrumente in den Fokus des Interesses rücken – man denke nur an die Stars der Blockflöte.

23.05.2013

Traditionell ist fast durchweg die Operninszenierung der Höhepunkt der Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen. Aber es gibt Aufführungen, die der Oper diesen Rang streitig machen können, jedenfalls mindestens gleichrangig sind – dazu gehört auf jeden Fall das Oratorium „Joseph and his Brethren“ (Joseph und seine Brüder) am Freitag in der voll besetzten Stadthalle.

23.05.2013

Ein Publikum aus Kennern zu überzeugen, ist schon eine Kunst. Aber Kinder für barocke Arien zu begeistern und ihnen eine Handlung näher zu bringen, die nicht unbedingt für junge Gemüter erdacht worden ist, bedarf schon eines besonderen Gespürs für Musikvermittlung.

23.05.2013
Anzeige