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Händel-Festspiele: Großes Galakonzert in der Göttinger Stadthalle

Unvergesslich eingebrannt Händel-Festspiele: Großes Galakonzert in der Göttinger Stadthalle

Die Wendigkeit einer Festspielorganisation zeigt sich an ihrer Fähigkeit, auf unerwartete Pannen rasch und kompetent zu reagieren. War schon die späte Absage von Kirsten Blaise in der Oper „Siroe“ nicht eben leicht zu bewältigen – was dem Team hervorragend gelang –, so war sicherlich auch die Absage von Sandrine Piau für das Galakonzert am Sonnabend eine besondere Herausforderung.

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Erstklassiger Ersatz: die englische Sopranistin Lucy Crowe mit dem Festspiel-Orchester.

Quelle: Heller

Göttingen. Doch niemand im fast ausverkauften Saal der Stadthalle dürfte irgendwann das Gefühl gehabt haben, mit einem zweitrangigen Ersatz abgespeist worden zu sein.

Gewiss genießt die englische Sopranistin Lucy Crowe noch nicht den weltweiten Ruf ihrer erkrankten französischen Kollegin, aber mit Auftritten an der Met, beim Glyndebourne Festival oder im Royal Opera House Covent Garden gehört die 34-Jährige schon jetzt in die vordersten Reihen der Sopranistinnen-Garde.

Drei Elemente bestimmten das Programm des Abends, die alle etwas mit dem Thema „Traum vom Orient“ zu tun hatten: Arien aus Opern und Oratorien Händels, die im Orient spielen („Alexander Balus“ und „Giulio Cesare in Egitto“), barocke Orchesterwerke mit orientalischem Sujet (Händels „Belshazzar“-Ouvertüre und sein Concerto grosso aus „Alexander’s Feast“ sowie Musik von Lully und Fux), dazu Musik mit dem Ensemble Naya, dessen Sänger Yaniv d’Or sowohl in der europäischen Barockmusik als auch in der sephardischen Musik zu Hause ist.

Dem hohen Anspruch, der mit dem Wort Galakonzert verbunden ist, entsprach die vokale Kunst von Lucy Crowe in vollem Umfang. Ihr lyrisch weich getönter Sopran entfaltet sich federleicht, ist aber auch ohne erkennbare Anstrengung dazu fähig, ein voll besetztes Orchester zu dominieren.

Schmetternde Trompeten und dröhnendes Schlagzeug

Vielfältig sind ihre Ausdrucksnuancen, glasklar ihre Koloraturen, bisweilen aberwitzig ihre virtuosen Fähigkeiten, die sie in ihren Kadenzen – augenzwinkernd, nicht etwa auftrumpfend – vorführt.

Ihre finale Arie „Da tempeste il legno infranto“ aus Händels „Cäsar“ dürfte sich den meisten Hörern unvergesslich eingebrannt haben, nicht nur deshalb, weil sie sie als Zugabe („Ich versuche es noch einmal“) zum Entzücken des Publikums wiederholte.

Ein nicht ganz uneingeschränktes Lob gebührt dem Festspielorchester. Es glänzte vor allem in der aufregenden „Turcaria“ von Johann Joseph Fux, einer wirkungsvollen, virtuos-brillanten „musikalischen Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683.“

Da schmetterten die Trompeten und dröhnte das Schlagzeug, dass er eine wahre Lust war – und auch die Streicher beteiligten sich mit Feuer an diesem wohlgeordneten, kultivierten, nicht etwa martialischen Klangrausch.

Stimmlichen Fähigkeiten von Yaniv d’Or

Dagegen fiel das Concerto grosso aus „Alexander’s Feast“ etwas ab, hier gab es kleinere Intonationsschwächen in den Solopartien.

Mit dem Ensemble Naya war das Klangspektrum dieses Abends um eine besonders reizvolle Farbe bereichert: Die indische Sitar und die arabische Ud sind für einen „Traum vom Orient“ bestens geeignet.

Schade nur, dass die stimmlichen Fähigkeiten von Yaniv d’Or an das sonstige Niveau dieses Abends nicht heranreichten.

Leichte Rauigkeiten und Intonationsschwächen trübten den Eindruck immer wieder. Am schönsten gelang ihm das sephardische Lied „Nani Nani“ zur Sitarbegleitung – wobei eine Information darüber wünschenswert gewesen wäre, wie groß der Anteil der Improvisation in dieser Art zu singen ist.

Lautstarke Begeisterung

Dass sich Giuseppe Verdi bei dem – nach Yaniv d’Ors Ansage aus Thessaloniki stammenden – Lied „Adio querida“ Anregungen für seine Oper „La Traviata“ geholt haben soll, wird übrigens kontrovers diskutiert. Es gibt auch die Theorie, der Vorgang sei umgekehrt gewesen.

Einerlei: Hier war das Sängerterzett aus d’Or mit Laurence Cummings (Cembalo und erste Oberstimme) und Nora Roll (Gambe und zweite Oberstimme) besonders vergnüglich.

Einen ganz besonderen Schlusspunkt setzte Lucy Crowe mit ihrer letzten Zugabe. Wie ihre schwedische Kollegin Anne Sofie von Otter zwei Abende zuvor am selben Ort sang sie zum Ausklang das „Göttingen“-Chanson von Barbara.

Das war eine zu Herzen gehende Reverenz an die Festspielstadt, die von den Zuhörern mit lautstarker Begeisterung quittiert wurde.

Von Michael Schäfer

NDR Kultur sendet eine Aufnahme dieses Konzerts am 30. Juni um 11.03 Uhr.
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