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Premiere: Händels Oper „Siroe, Re di Persia“ im Deutschen Theater Göttingen

Missgunst, Lüge und Verrat Premiere: Händels Oper „Siroe, Re di Persia“ im Deutschen Theater Göttingen

Orientalischer Zauber? Barocke Pracht? Fehlanzeige. In Händels Oper „Siroe“, mit deren Premiere am Freitag die Händel-Festspiele in Göttingen gestartet sind, geht es um andere Dinge. Da ist König Cosroe, der in Lebensgefahr schwebt, weil Emira – incognito in Männerkleidern am Hof – ihn umbringen will, um den Tod ihres Vaters zu sühnen.

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Böse Gesellschaft: Giovannini (Medarse), Abadie (Cosroe), Zamojska (Laodice), Dennis (Emira) und Fritsche (Tanz/Das Volk).

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Da ist der Titelheld Siroe, der Sohn von Cosroe, dem der eigene Vater nach dem Leben trachtet. Denn Cosroe muss einer Fehlinformation wegen annehmen, dass Siroe ihn töten will. Überdies ist Medarse, Siroes jüngerer Bruder, gierig nach dem Königsthron, den er dem Erstgeborenen abjagen möchte.

In diesem gewaltbereiten Milieu gibt es noch zwei Liebesbeziehungen, die auch nicht recht für ein Happy End geeignet scheinen: Laodice, eine der vielen Geliebten, die sich Cosroe gönnt, schwärmt für Siroe. Der aber ist für Emira entbrannt, was wiederum mit Emiras Plan, Cosroe zu töten, nicht gut zusammenpasst.

Eine derartige Konstellation will mit barocker Prachtenfaltung nicht recht harmonieren. Regisseur Immo Karaman nimmt die Oper, wie sie ist: nämlich als die Geschichte abgefeimter, machtgieriger, rücksichtsloser Menschen, die sich am liebsten alle gegenseitig umbringen würden. Er siedelt die Handlung Mitte des 20. Jahrhunderts an.

Was bei Händel ein Palast ist, wird in Timo Dentlers Bühnenbild zu einer heruntergekommenen, früher wohl herrschaftlichen Villa. Der alte Glanz ist dahin, die Tapeten sind zum Teil schon abgerissen, die Spiegel halb blind, die Möbel zerschlissen. Dank der Drehbühne im Deutschen Theater können wir in alle Zimmer sehen – keines ist schöner als das andere.

Bei dem hervorragenden Ensemble in besten Händen

In diesem Rahmen, der an Szenerien aus alten Edgar-Wallace-Filmen erinnert – auch die viel genutzte Treppe in den ersten Stock gehört dazu –, entwickelt Karaman die Handlung, schürzt er den Knoten aus Missverständnissen und Missgunst, Lüge und Verrat, dass es nur so knistert. Im Verlauf der drei Akte – spannungssteigernd in zwei Teilen mit nur einer Pause vorgeführt werden – müsste die Geschichte konsequenterweise in eine Katastrophe münden.

Doch dagegen steht die Tradition der italienischen Opera seria, die wie die heutigen Soap Operas im Fernsehen zum Happy End finden muss. Metastasio, Autor der Libretto-Vorlage, lässt die Bösewichter am Ende zur Einsicht kommen. Sie plädieren nun für verzeihende Güte statt Hass, weisen Verzicht statt Machtgier und Liebe statt Rache. Wollen wir es ihnen glauben?

Abwarten und Tee trinken: Tatsächlich lässt Karaman Tee und Kuchen auffahren. Und in den Schlussakkorden der Musik sieht man hinter der Glastür, wie die Akteure schon wieder miteinander zu prügeln beginnen.

Dass diese Oper, weit entfernt von barocker Dutzendware, noch nie auf dem Spielplan der Göttinger Händel-Festspiele stand, nimmt auch angesichts der Qualität ihrer Musik wunder. Die ist bei dem hervorragenden Ensemble in besten Händen.

Yosemeh Adjei gestaltet die Titelrolle sängerisch wie darstellerisch auf höchstem Niveau, auch unter erschwerten körperlichen Bedingungen beim Robben oder in verkrümmter Lage am Boden.

Sein Countertenor besitzt Weichheit und Kraft, Geschmeidigkeit und Strahlglanz. Ins Schwärmen gerät man, wenn die Sopranqualitäten von Anna Dennis beschreibt: Die samtene Weichheit ihres Timbres, der perfekte Registerausgleich, die makellose Intonation und Artikulation, die Tiefe des Ausdrucks – all dies machen diese Stimme zu einem Hochgenuss.

Das gilt auch für den prächtigen, volltönenden Bass von Lisandro Abadie (Cosroe) und für den virtuosen, beinahe schon ins Sopranfach reichenden Countertenor von Antonio Giovannini (Medarse).

Musikalische Vielfalt im Orchestergraben

Sehr schöne Soprantöne steuert Aleksandra Zamojska in der Rolle der Laodice bei, auch wenn bei ihr die Höhenlagen nicht immer ohne Anstrengung und die tiefen Lagen manchmal etwas roh klingen. Komplettiert wird das Solistenensemble von dem warm timbrierten Bass von Ross Ramgobin (Arasse).

Karaman hat das Ensemble um eine stumme Rolle bereichert: die Tänzerin Bettina Fritsche, die in vielen Passagen die Stimmungslagen der Szenen in Körpersprache übersetzt. Bisweilen, vor allem gegen Ende, sorgt sie für komödiantisches Beiwerk, das die Düsternis der Handlung mit einem Schuss britischen Humors aufhellt.

Dazu dienen auch die zahllosen Kleiderwechsel Laodices, mit denen Kostümbildnerin Okarina Peter farbige Akzente setzt.

Der Farbigkeit der Szene entspricht die musikalischen Vielfalt im Orchestergraben. Dirigent Laurence Cummings produziert mit dem virtuosen Festspiel-Orchester Göttingen einen lebhaft durchpulsten, beschwingten Händel-Klang, in dem die musikalischen Phrasen die gleiche Spannung besitzen, die das Geschehen oben auf der Bühne ausstrahlt.

Nach knapp vierstündigem Genuss brach das Premierenpublikum in brausenden Beifall aus, der ebenso, ganz ohne Proteste, dem Regieteam galt.

Von Michael Schäfer

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Ausgewählte Konzerte

Die internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2013 sind eröffnet. Sie haben mit einer Vielzahl von Konzerten und Veranstaltungen in Göttingen und in der Region begonnen. Im Mittelpunkt der Festspiele steht die Oper „Siroe, Re di Persia“ im Deutschen Theater und für deren weitere Vorstellungen am 14., 15., 19. und 20. Mai noch Eintrittskarten erhältlich sind.

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