Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Händel-Festspiele 2017 Premiere für Beyond Doubt: Lotario
Nachrichten Kultur Themen Händel-Festspiele Händel-Festspiele 2017 Premiere für Beyond Doubt: Lotario
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 07.05.2017
Von Christiane Böhm
Quelle: Reimar de la Chevallerie
Anzeige
Göttingen

Die junge Königin Adelaide hat nicht nur ihren Mann verloren, sondern auch ihr Volk, das statt anstrengender sozialer Verantwortung und komplizierten, wenn auch einigermaßen fairen Regeln, lieber einfache Antworten haben will. Matilde, die mit ihrem Mann Berengario Adelaides Reich übernehmen will, hat das erkannt und das Volk auf ihre Seite gezogen. Adelaide soll Berengarios Sohn Idelberto heiraten. Mit Hilfe von Lotario, einem König  aus der Fremde, widersetzt sich Adelaide. Es wird ein blutiger Krieg geführt, den schließlich Adelaide und Lotario gewinnen.

Info

Nächste Vorstellungen: 11. und 12. Mai um 18 Uhr, 27. Mai um 16 Uhr und am 28. Mai um 15 Uhr im Jungen Theater.

Was sagt so eine barocke Oper den Jugendlichen heute, welche Konflikte können sie nachvollziehen, wie lässt sich die Musik modernisieren. Mit diesen Fragen hat sich ein großes Ensemble mit 40 Darstellern und Tänzern unter der künstlerischen Leitung von Nina de la Chevallerie vom Boat People Projekt beschäftigt. Jugendliche ab 14 Jahren von der IGS Bovenden, dem Hainberg-Gymnasium  und junge Flüchtlinge haben ihre Lotario-Fassung erarbeitet.

Und die Jugendlichen haben sich einiges einfallen lassen, um Modernität in die Oper zu bekommen. So zeigt eine Videoleinwand im Hintergrund beispielsweise Twitter-Einträge mit denen das Geschehen kommentiert wird, ganz im Stile eines amerikanischen Präsidenten. Der Machtkampf zwischen Adelaide und Matilde wird mit Filmaufnahmen unterstützt, die in Göttingen gedreht wurden. Und das Geschehen auf der Bühne wird permanent gefilmt.

Die Verbindung zwischen Händels Arien, modernen Songs  und Musik aus den Heimatländern der Geflüchteten, die Hans Kaul wunderbar neu arrangiert hat, macht Händels Barockmusik nahbar, auch für die weniger Klassikbegeisterten. Das interkulturelle Orchester der Musa spielt das schwungvoll und zuverlässig. Und natürlich sind unter den Sängern nicht alle musikalisch auf der selben Ebene. Es ragen einige heraus, etwa Abdullah Saba mit einem berührenden Solo,  und der mitreißende Balen Abbas, der auch mit der richtigen Dosis Pathos und Nachdenklichkeit eingeschobene Texte zum Thema Krieg spricht. Auch unter den Schauspielern – die Rollen von Adelaide, Berengario, Lotario und Matilde wurden mehrfach besetzt – zeigen sich einige besondere Talente, etwa Jan-Erik Heilmann und Nick Loewen als Clodomiro, oder Lene Weiß als gierige und Gülschän Abkulova als herrlich arrogante Matilde. Aber das sind eigentlich Randnotizen, das Ensemble als Ganzes agiert überzeugend und begeistert.

Einfach toll sind die Kostüme, die eine eigene Gruppe zusammen mit Sonja Elena Schröder entwarf. Voller Anspielungen auf Händels barocke Oper, aber sehr modern oder zum Teil vollkommen irre, wie bei Clodomiro.

Vielleicht ist diese Jugendoper nichts für Händel-Puristen, für alle anderen gilt: das sollte man gesehen haben! Frischer Wind in sperrigen Opernlibrettos, ansteckende Musik und Enthusiasmus. Den wunderbaren Schlusschor sang, spielte und tanzte das Ensemble als Zugabe ein zweites Mal vor dem Publikum, das Standing Ovations spendete.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige