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Händel-Festspiele 2017 Fülle des Wohllauts
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00:17 29.05.2017
Rupert Charlesworth (links), Ana Maria Labin und David Erler. Quelle: r
Göttingen

Dieser Beifall galt einem exquisiten Solistenensemble, dem blendend disponierten Chor des NDR (einstudiert von Bart Van Reyn) und dem Festspielorchester Göttingen (FOG), das einen bezaubernden Klangfarbenreichtum entfaltete. Cummings, der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feierte, hat dem Publikum und sich selbst ein wunderbares Geschenk gemacht.

„Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ lautet der Originaltitel der von Händel vertonten Dichtung von Barthold Heinrich Brockes, einem der bedeutendsten Lyriker des Barockzeitalters. Manche der Texte dürften den Zuhörern bekannt vorgekommen sein: Auch Bach hat in den Arien seiner Passionen diese Gedichte von Brockes verwendet.

Sprachlich ist Brockes kompromisslos. Wenn er ein Gefühl ausdrücken will, tut er es mit drastischen Worten, was zur Ästhetik seiner Zeit gehörte. So heißt es bei Brockes, als nach der Kreuzigung die Erde bebt: „Ja, ja, es brüllet schon in unterird’schen Grüften; es kracht bereits der Erden Grund; des finstern Abgrunds schwarzer Schlund erfüllt die Luft mit Schwefeldüften.“

Händel enthält sich in seiner Vertonung solcher Drastik. Sein Oratorium besitzt auch viele sanfte Passagen, ist bisweilen kammermusikalisch transparent, spendet balsamischen Trost. Angst und Schmerzen haben einen eher intimeren Ton. Die Musik ist zwar randvoll mit Affekt geladen, bleibt aber stets kultiviert und schicklich.

Zu diesem Eindruck trugen alle Mitwirkenden gleichermaßen bei. Sebastian Kohlhepp (Evangelist) bestach mit seinem hellen, flexibel geführten Tenor. Sehr virtuos und gestochen scharf in den Koloraturen sang die Sopranistin Johanette Zomer. Ihre ebenso ausdrucksstark singende Kollegin Ana Maria Labin (Maria und weitere Rollen) konnte mit noch mehr Wärme im Timbre aufwarten.

Der edle, volltönende Bariton von Tobias Berndt war perfekt geeignet für die Worte Jesu. Gegen ihn setzte der Tenor Rupert Charlesworth eine gewisse Schärfe, die zur Rolle des Petrus in dieser Dichtung passt. Einzig sein bisweilen leicht nasaler Ton trübte das Bild. Kompetent komplettiert wurde das Solistenensemble durch den Countertenor David Erler.

Wunderbar homogen und ausdrucksstark sang der NDR-Chor, aus dessen Reihen auch mehrere weitere kleine Solopartien zuverlässig besetzt waren. Die Instrumentalisten des FOG sorgten – ein Sonderlob für die deliziösen Soli von Elizabeth Blumenstock (Violine) und Phoebe Carrai (Violoncello) – für samtene Geschmeidigkeit, für einen warmen Grundton, der den ganzen Abend bestimmte, für die Fülle des Wohllauts.

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