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Händel-Festspiele 2017 Was löst Händels Musik aus?
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00:17 05.05.2017
Kostümentwürfe für die Oper "Lotario" Quelle: Ariana Isabell Unfried
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Göttingen

Carlos Wagner hat vor einigen Jahren die Seiten gewechselt. Er stellte als Schauspieler in London fest, dass ihm die Sicht auf eine Handlung und ihre Darstellung viel wichtiger sind als der Auftritt. Umso mehr ist er zum Akteur geworden, der die Stücke neu formt und die Darstellungsweise vorgibt: Wagner ist Regisseur geworden – in diesen Tagen steht für ihn Händels Oper „Lotario“ im Mittelpunkt, die am Donnerstag, 19. Mai, bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen im Deutschen Theater Premiere haben wird.

Der Regisseur hatte die Wahl zwischen zwei Opern und entschied sich, für die Händel-Festspiele in diesem Jahr die Oper „Lotario“ zu inszenieren. Er sieht sie als „ganz modernes, klar strukturiertes Drama“, erzählt der in Spanien lebende Wagner. Vorbereitet hat er sich wie immer: „Ich gehe gerne sehr naiv daran, ohne akademisches Wissen.“ Und so hat er diesmal das Libretto von Giacomo Rossi gelesen, die Musik von Händel gehört und darauf geachtet, „was das bei mir auslöst“. Mit dem Komponisten und dessen Vorlieben befasse er sich erstmal wenig, sondern damit, wie Händels Barockmusik heute wirke – auf ihn wirke.

In Lotario spielen Krieg und Machtkampf eine große Rolle. Regisseur Wagner geht es vordergründig mehr um den Machtkampf zwischen Menschen als um den Krieg. Und doch wird dieser aufgrund des Bühnenbildes mit Kriegszenen von Wandgemälden aus dem Schloss Versailles nie aus den Augen verloren werden. Der Krieg ist präsent.

„Man vergisst, dass ein Krieg menschliche Wunden verursacht, die weit über das Kriegsereignis hinaus wirken in nachfolgende Generationen“, sagt Wagner. Sein deutscher Vater habe viel vom Krieg erzählt und später auch die gefährliche Entwicklung in Venezuela früh erkannt. Dort ist Carlos Wagner aufgewachsen. In dem südamerikanischen Land herrschen gerade bürgerkriegsähnliche Zustände, die den Regisseur besorgt auf die Ereignisse und die Lage von Freunden und Bekannten dort blicken lassen. Aber auch die Situation in Europa stimmt Wagner mehr als nachdenklich: „Ich bin ein leidenschaftlicher Verteidiger der Demokratie und der Europäischen Union.“ Die passive Haltung vieler Europäer, vor allem die junger Menschen, müsse sich ändern, um demokratische Grundwerte zu erhalten.

Passiv hat auch Idelberto als Sohn seiner machthungrigen Eltern Berengario und Matilde deren Handeln hingenommen. Doch plötzlich wird er zu ihrem Werkzeug im Kampf um die Macht. Er ist hin- und hergerissen zwischen eigener Überzeugung und folgsamer Treuepflicht. Und ihm gegenüber steht der zu Hilfe gerufene deutsche König Lotario. „Der wird wie Deus ex Machina und vorgeblicher Helfer in die Klaustrophobie dieses Stückes hineingesogen“, erläutert Wagner. Und dieses, aber auch die alles bestimmende Kriegsstimmung, betont der Regisseur dadurch, dass er die sechs handelnden Personen in einem Kammerstück agieren lässt. Alles passiert in einem Bild, innerhalb von vier Wänden.

Für die Interaktion der Opernsänger hat Wagner bei der Lotario-Inszenierung erneut auf die Unterstützung von Tadashi Endo gesetzt. Mit dem Butoh-Tänzer arbeitete er 2011 bei den Proben zu „The Fall of the House of Usher“ in München zusammen.

Nun bat er Tobias Wolff, den geschäftsführenden Intendanten der Händel-Festspiele, sei es wieder an der Zeit, mit Endo zu arbeiten. Das war gar kein Problem. „Ein unglaublicher, fantastischer Zufall“, freut sich Wagner, der bei der Gelegenheit erfuhr, dass Endos Butoh-Zentrum seinen Sitz in Göttingen hat. Und bei dem dreitägigen Workshop mit Endo zu Beginn der Proben Anfang April im Göttinger Hotel Central wurde dem Team die besondere Bühnensprache des Butoh nähergebracht.

„Aber ich mache keine Butoh-Oper“, stellt Wagner klar. Vielmehr passe die Technik des Tanztheaters zum Prinzip der Oper mit „minimaler Musik, die immer wieder neue Schattierungen zeigt.“

Cembalo-Konzert von Andreas Staier

Bei den Internationalen Händel-Festspielen in der Zeit vom 11. bis 28. Mai dreht sich alles um Barockmusik – und was sie modern macht. Das Konzert von Andreas Staier am Sonntag, 14. Mai, wird das am Beispiel von Händels Suiten und Bachs Partiten zeigen. Das Konzert beginnt um 11 Uhr in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, erhältlich.

Der 1955 in Göttingen geborene Staier studierte in Hannover und Amsterdam Musik. Er ist seit Jahren als Cembalist erfolgreich und nicht nur mit dem Preis Echo-Klassik ausgezeichnet worden. Nach der Zeit als  Cembalist des Ensembles Musica Antiqua Köln ist Staier seit 1986 als Solist international tätig.

Das Tageblatt verlost fünfmal zwei Eintrittskarten für das Konzert.  

Wer gewinnen möchte, sollte am Mittwoch, 3. Mai, in der Zeit von 17 bis 22 Uhr anrufen unter Telefon 0137/8600273 (0,50 Euro pro Anruf aus dem deutschen Festnetz, Preise aus dem Mobilfunknetz können abweichen) und das Stichwort Staier-Konzert nennen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, die Gewinner werden benachrichtigt.

Die Highlights

Über 100 Veranstaltungen bieten die diesjährigen Händel-Festspiele allen Klassik- und Händelfans oder solchen, die es werden wollen. Im Mittelpunkt steht die Festspieloper „Lotario“, die am Freitag, 19. Mai, Premiere feiert.

Aber worum geht‘s darin eigentlich? „Im Mittelpunkt steht die schöne Adelaide“, erzählt Tobias Wolff, Geschäftsführender Intendant der Händel-Festspiele. Nach dem Tod ihres Mannes sitze sie allein auf dem Thron in Norditalien – auf den es der Herzog Berengario und seine intrigante Frau Matilde abgesehen haben. „Das möchte sich Adelaide aber nicht gefallen lassen und ruft Lotario zu Hilfe“, erzählt Wolff. Es folgen „wahnsinnige Verwicklungen, Geiselnahmen“ und mehr.

Für Händel-Einsteiger empfiehlt der Intendant das „Lotario“-Public-Viewing am Dienstag, 23. Mai, in der Lokhalle. „Die meisten nehmen sich vor, für ein Viertelstündchen zu kommen und bleiben dann doch drei einhalb Stunden.“

Für Familien bietet sich die Familienfassung der Oper am Sonnabend, 27. Mai, mit KiKa-Moderator Juri Tetzlaff in der Stadthalle Göttingen an. Ebenfalls von Jugendlichen für Jugendliche ist die Jugendoper „Beyond Doubt: Lotario“ mit dem Boat People Projekt. Sie hat am Sonnabend, 6. Mai, Premiere im Jungen Theater.

Alles zu den Händel-Festspielen hier

Um den Wettbewerbscharakter geht‘s in der „göttingen händel competition“. Am 12. und 13. Mai treten acht Ensembles in der Alten Mensa gegeneinander an. Das Gewinner-Ensemble spielt am 15. Mai in Hann. Münden ein Konzert.
Bereits erfolgreich ist Dominique Labelle. Sie war über mehrere Jahre die Hauptdarstellerin in den Händel-Opern in Göttingen. Am Sonnabend, 13. Mai, gestaltet sie das diesjährige Galakonzert.

Als weiteren Tipp nennt Wolff „Lucio Cornelio Silla“ am Sonnabend, 20. Mai, in der Stadthalle. „Ein wahnsinnig unangenehmer Typ“, sagt Wolff, und trotzdem habe Händel eine fantastische Oper über ihn geschrieben.
Ebenfalls als „ein fantastisches Stück mit einer wunderbaren Solistenriege“ bezeichnet Wolff die „Brockes-Passion“ am Himmelfahrtsdonnerstag, 25. Mai, in der Stadthalle.

Es gibt übrigens noch für alle Veranstaltungen Tickets, auch die Opern-Premiere ist noch nicht ausverkauft. Einzige Ausnahme: Für „Händel goes Pub“ im Irish Pub gibt es nur noch an der Abendkasse ein Karten-Kontingent für Göttinger Stundenten mit Kulturticket.

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