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Literaturherbst Silvio Blatter liest in der Kunsthalle HGN
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00:26 14.10.2015
Quelle: Eckermann
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Duderstadt

Still sitzen kann Blatter nicht. Gerade 15 Minuten hält er es im Ohrensessel und im Gespräch mit Stephan Lohr vom Göttinger Literaturherbst aus, dann muss er aufstehen. Er sei ein Körpermensch, erklärt er, jemand, der manchmal „wie eine Rakete“ hochspringen möchte. Jemand, der seine Zeit nicht nur mit über der Tastatur schwebendem Kopf verbringen könne. Aus diesem Grund beschäftige er sich ebenso wie Literatur und mit Malerei, sagt Blatter. „Malen ist Arbeit mit Farbe, aus dem Körper heraus“, sagt er selbstverständlich dahin. Ebenso wie „Ich beginne auf der ersten Seite.“ Und tut genau dies. Im Stehen.

Eine Hand am Buch, eine in der Tasche der Jeans liest er aus der Geschichte der Radiomoderatorin Isa und ihres Mannes Severin Lerch. Beide stehen sie am Ende eines Lebensabschnitts. Isa vor der Rente, Severin vor dem Abschied von der Kiesgrube, in der er als Bildhauer arbeitet. Seiner „Mondlanschaft“, in die er sich zurückziehen kann, um mit der Kettensäge Figuren aus Holz zu schaffen. Doch dann dringen Fremdlinge in sein Reich ein. Wie Außerirdische kommen sie und tragen Waffen, mit denen sie seine Kunst mit Farbpatronen beschießen. Severin muss gehen. Weg von diesem Ort, weiter aufs Land. Und er muss sich von seiner Kettensäge trennen, die ihm zu schwer wird. Und von seiner Frau, die ihm zu urban wird.

Isa wird schon an ihrer Stimme erkannt, ein bisschen ist sie eine Berühmtheit. Der heimliche Schwarm ihres Vaters sei sie, sagt die Verkäuferin im Bekleidungsgeschäft. Mit dem Ende ihrer Karriere droht Isas Stimme zu verhallen. Damit kommt sie nicht zurecht. Auch für sie wird es Zeit für einen Neuanfang. Doch sie kann sich nicht in eine andere Kunstform flüchten wie ihr Mann.

Blatters Thema in „Wir zählen unsere Tage nicht“ ist die Zeit. Der Wandel, die Veränderung, die manchmal schmerzhaft ist. „Früher war alles besser“ zu sagen, sagt er, sei zu einfach. Nur anders. Ein junger Künstler habe ihm beispielsweise von der Sinnlichkeit des Streichens über einen Monitor beim Erschaffen eines digitalen Kunstwerks berichtet, sagt Blatter. Es klingt ehrlich, wenn er sagt, er wolle das nicht bewerten.

Blatter scheint Eindrücke aus seiner Umgebung aufzusaugen, auf der Stelle zu hinterfragen und in seine Kunst einzuarbeiten. In seinem Buch wird dies deutlich an den vielen Verweisen auf Texte aus der Vergangenheit. Am Sonntag ist es daran zu sehen, dass er mitten in der Lesung beginnt, über die Kunst in „Blue Moon“ zu sprechen. Und über das Textband, das im Ausstellungsraum installiert ist. „Das verdammte Licht am Ende des Tunnels“ steht darauf. „Warum ist es verdammt?“, fragt er ins Publikum. Und fügt wie zur Entschuldigung an: „Diese Dinge, die so im Kopf umschwirren, die Assoziationen, die man dann so hat, die ergeben solche Romane.“ Gut so. Denn mit seinem Roman hat er 100 Besuchern des Erdhauses der Kunsthalle einen wundervollen Abend bereitet.

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