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Literaturherbst Frank Witzel beim Göttinger Literaturherbst
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12:36 18.10.2015
Von Christiane Böhm
Quelle: Heller
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Einen Marathon an Interviews und Gesprächen hat Witzel in den vergangenen Tagen hinter sich gebracht. Gleich nach der Preisverleihung warteten 15 Kamerateams und mindestens eben so viele Journalisten auf ihn. Und so ging es weiter. Trotzdem erzählt er hier im Alten Rathaus ganz entspannt. Die Freude darüber, dass er als Außenseiter den Preis bekommen hat, hält an.

Über die Rote Armee Fraktion, so stellt Witzel gleich klar, erfahre der Leser in seinem Buch wenig. Sie spiele eine Rolle, aber eigentlich sei sie für ihn eher eine Chiffre dieser Zeit in der Bundesrepublik. Einer Zeit, die etwas gemeinsam habe für uns: „Etwas Bleiernes, Graues, Bedrückendes.“

Den Rahmen seines Buches bildet die Geschichte eines fast 14jährigen Teenagers in der hessischen Provinz. Er wächst in einem sehr katholischen Milieu auf, hat psychische Probleme. Eingewoben ist die Geschichte der alten Bundesrepublik, die beginnt, sich vom Muff der Nachkriegszeit zu befreien. Diese Ära des Umbruchs fängt Witzel ein. Autobiografisch sei der Roman nicht. Er habe zwar mit einem Ort in der hessischen Provinz eine Gegend gewählt, die er aus dem Schlaf kennt, aber nur um sich noch einmal in die Stimmung zu versetzen. Es sollte nie ein Entwicklungsroman eines jungen Menschen werden. Er wollte diese Stimmung einfangen, ein Gefühl einer Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln.

Auf über 800 Seiten hat der Autor immer wieder Stücke über philosophische und religiöse Themen, Geschichten und Details    – etwa Markennamen dieser Zeit – eingebunden. Ein im besten Sinne maßloses Konstrukt hat die Jury das genannt. Über zehn Jahre hat Witzel an seinem Projekt gearbeitet. Zunächst habe er nur einzelne Themenaspekte bearbeitet. Er habe versucht, zu trennen, einzelne Bücher daraus zu machen. „Irgendwann  habe  ich dann begonnen, das Buch zu komponieren.“ Auszusortieren, dem Material eine Form zu geben, eine Melodie, einen Fluss, so Witzel, er übrigens auch Musiker ist, Gitarre und Klavier spielt. 

Witzel liest unter anderem ein Stück über philosophisch grundsätzliche Betrachtungen zur Musik: es geht um Nietzsche und die Beatles und ihren Song „Michelle“. Hier passt alles zusammen, ein grandioser Text und ein Autor, der ihn gekonnt, auch an den kompliziertesten Stellen mit einem eindringlichen Rhythmus, vorträgt. Ein Genuss.

Einen Verlag für so ein ungewöhnliches Buch zu finden, war nicht einfach. Einen Fürsprecher hatte Witzel in dem Autor Ingo Schulze („Simple Storys“). „Er war auch der erste, der das Buch gelesen hat. Hätte er gesagt, du hast dich da verrannt, ich hätte es vielleicht geändert.“ Aber Schulze war begeistert. Und jetzt sind auf der Buchmesse schon die ersten Rechte für Übersetzungen verkauft. Interessanterweise auch nach China!s

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