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Reif für die Leseinsel

Eindrücke von der Leipziger Buchmesse

Fröhliche Buchhändler, diskutierende Dichter und (niedersächsische) Verlage, die keine Angst vor dem E-Book haben: Eindrücke von der Leipziger Buchmesse.
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Stapelware, aber begehrt: Zur Halbzeit sind mehr Besucher nach Leipzig gekommen als 2009.

Stapelware, aber begehrt: Zur Halbzeit sind mehr Besucher nach Leipzig gekommen als 2009.

© dpa

Leipzig probt die Charmeoffensive: In zahlreichen Straßenbahnen steht Servicepersonal, das seinem Namen alle Ehre macht. Älteren Fahrgästen helfen die Mitarbeiter beim Ein- und Aussteigen, mittelalten hieven sie schon mal den Koffer in die Bahn, und manchmal fragen sie sogar, ob der Fahrgast Informationen zum Streckennetz brauche.

Die meisten Leipzig-Besucher können sich im Moment auch ohne Servicekräfte leicht orientieren: Am Hauptbahnhof rein in die Linie 16 und dann einfach weiter bis zur Endhaltestelle „Messegelände“, wo noch bis morgen Abend die Buchmesse geöffnet ist. Die Anfahrt bereitet den Besucher gut darauf vor, was ihn in den Hallen erwartet. In den Straßenbahnen ist es voll, laut und stickig – dennoch scheinen die meisten Fahrgäste gelöster Stimmung zu sein.

Ähnlich geht es in den Hallen zu, wo 2100 Verleger ihre Neuheiten präsentieren und renommierte und junge Schriftsteller, Comiczeichner und Comedians, Kochbuchautoren und allerhand Fernsehprominente lesen, signieren und auf blauen, roten oder schwarzen Sofas sitzen und auf Fragen antworten.

Der Spruch, dass auf der Frankfurter Messe die Geschäfte gemacht und auf der Leipziger die Kontakte geknüpft werden, hat einen wahren Kern. Leicht kommen Messebesucher hier mit Autoren und Verlegern ins Gespräch. Etwa an der „Leseinsel“, einer Plattform der jungen Verlage. Auf der quietschgrünen „Insel“ kann man jungen Autoren zuhören, aber auch entspannt plaudern. Ähnlich wie am „Stand der Begegnung“, auf dem sich die niedersächsischen Literaturbüros vorstellen und der für viele Aussteller ein fester Anlaufpunkt ist, um sich mit Autoren oder Geschäftspartnern zu treffen.

Doch trotz des gut gelaunten Gewimmels auf der Messe herrscht bei vielen auch Sorge: Die Buch- und Verlagsbranche verändert sich unaufhaltsam, und dabei gibt es nicht nur Gewinner. Diskussionsthema auch in diesem Jahr sind die E-Reader und E-Books, die elektronischen Lesegeräte und digitalen Bücher. Bislang erreichen sie in Deutschland erst einen Marktanteil von unter einem Prozent. Die gesamte Verlagsgruppe Random House zum Beispiel habe im vergangenen Jahr 100 000 E-Books in Deutschland verkauft, berichtet Verlagsmitarbeiter Frank Sambeth. Doch wenn Ende April das neue Lesegerät von Apple, der iPad, auf den deutschen Markt komme, werde die Zahl der heruntergeladenen Bücher abrupt steigen, meint Sambeth.

Im Bereich der wissenschaftlichen Fachbücher jedoch ist das E-Book nahezu etabliert. Im vergangenen Jahr seien weltweit 41 Prozent der Texte aus dem Springer Wissenschaftsverlag am Computer heruntergeladen worden, sagt Mitarbeiterin Dagmar Laging. Springers Geschäftsmodell sieht so aus, dass der Verlag vor allem Verträge mit Bibliotheken abschließt. Studenten können an Bibliotheksrechnern Fachbücher und wissenschaftliche Zeitschriften lesen, herunterladen oder auch ausdrucken.

Verlage wie Springer, aber auch Reisebuchverlage arbeiten daran, ihre digitalen Büchern anzureichern. Leser können demnächst als Zusatzangebote auf Videoeinspielungen zugreifen, auf aufwendig gemachte Landkarten und 3-D-Animationen von Sehenswürdigkeiten. Digitale Kinder- und Jugendbücher könnten die Verlage etwa mit Spielen anreichern.

Die niedersächsischen Verlage stehen dem E-Book-Markt aber eher abwartend gegenüber. Der Merlin Verlag aus Gifkendorf hat in Leipzig das Kinderbuch „Nina und Paul“ von Thilo Reffert vorgestellt, der in diesem Jahr den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhält. „Nina und Paul“ bildet den Auftakt einer Reihe mit „anspruchsvollen, gut gemachten Kinderbüchern“, sagt Verlagssprecher Andreas Schmitt. E-Books seien für einen kleinen Verlag wie Merlin derzeit noch nicht interessant.

Der Göttinger Wallstein Verlag bietet zwar herunterladbare Bücher an und will, so Verleger Thedel von Wallmoden, die Kundenwünsche nach technischen Neuerungen erfüllen. Doch bei der Belletristik und dem erzählenden Sachbuch hält Wallmoden die erreichbaren Marktanteile fürs E-Book für sehr überschaubar – und außerdem: „Wir verkaufen weiterhin Inhalte. Über die Verpackung reden wir erst an zweiter Stelle.“

Den Buchhandel hingegen interessiert diese „Verpackung“ zwangsläufig stärker. Händler mit kompetentem Verkaufspersonal und finanzstarken Stammkunden haben’s gut. Wer jedoch vor allem die Bestseller im Laden gestapelt hat, die sich als digitale Bücher schneller, günstiger und bequemer vom heimischen Rechner aus ordern lassen, muss sich künftig einiges einfallen lassen, um Kunden ins Geschäft zu locken.

Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, appellierte auf der Eröffnungsfeier der Messe daran, dass der Handel sich auf seine Kompetenzen besinnen müsse. Er müsse sortieren, beraten, dem Käufer Orientierung bieten, dann öffne er in Zukunft neue Märkte für sein eigenes Tun.

Der Beruf des Buchhändlers scheint jedenfalls noch ziemlich beliebt zu sein. Auf dem „Karrieretag Buch und Medien“ informierten sich gestern auf der Messe Hunderte von jungen Leuten über berufliche Perspektiven im Buchhandel. Sonderlich zerknirscht wirkten sie nicht.

[Martina Sulner]

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