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Literatur

Finnischer Autor Matti Rönkä ist ein Wiesel zwischen den Fronten

Der finnische Autor Matti Rönkä feiert Erfolge mit einem grenzgängerischen Krimihelden. Das jetzt erschienene Buch „Russische Freunde“ ist bereits sein dritter Roman.
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Der finnische Autor Matti Rönkä

Der finnische Autor Matti Rönkä

© Favre/Lübbe

Unwillkürlich hält man nach dem Schild Ausschau: „Osthandel schon seit zwei Jahrhunderten“, müsste über einer Tür hier am Hakaniemi-Marktplatz in Helsinki stehen. So wird es im Krimi „Russische Freunde“ beschrieben.

Hinter der Tür befindet sich in dem Buch des finnischen Autors Matti Rönkä ein schäbiges Büro, in dem ein gewisser Viktor Kärppä sitzt und auf Aufträge aller Art wartet, auf legale und nicht ganz so legale. Zwischendurch scheucht Kärppä seine aus Sankt Petersburg stammende Sekretärin Oksana rüber in die Markthalle. Essiggurken muss Oksana holen, Kochschinken, Brot, Hering, ein Fläschchen Wodka, warum nicht, und ganz gewiss „Munkki“ zum Nachtisch, die kleinen Berliner mit Quarkteig, die Kärppä so gerne isst – wenn ihm nicht gerade zwei miese russische Ganoven im Anzug den Appetit verderben, die in seinem Büro auftauchen.

„Russische Freunde“ ist bereits der dritte Roman Rönkäs. Doch auch wenn Viktor Kärppä nur zwischen Buchdeckeln existiert, wäre einer wie er gut vorstellbar in einer Stadt wie Helsinki. Der russische Einfluss über die Jahrhunderte ist in der finnischen Hauptstadt unübersehbar: Weit übers Meer leuchten die goldenen Zwiebeltürmchen der Uspenski-Kathedrale, im 19. Jahrhundert als Symbol der russischen Herrschaft erbaut. Die einstigen Satellitenstaaten der Sowjetunion sind nahe: Bis nach Tallinn dauert es mit der Schnellfähre eine gute Stunde. Am Morgen bricht man auf, um in Estland Geschäfte abzuwickeln, am Abend ist man zurück. Allerlei illegale Mitbringsel lassen sich auf dem Wasserweg schmuggeln.

In so einer Umgebung hat ein Spezialist für Osthandel viel zu tun. Ein Schnellboot aus russischen Armeebeständen gefällig? Vielleicht auch kostbare Kirchenikonen zum günstigen Preis? Oder sollen umgekehrt ein paar deutsche Luxuslimousinen nach Russland geschafft werden? Womöglich auch ein paar dubiose Mikrofilme? Kärppä ist der richtige Mann für solche Jobs. Er kennt sich aus im Osten. Er kommt von dort.

„Du kannst alles verkaufen, aber nicht deine Vergangenheit, die kehrt immer zu dir zurück“, sagt Autor Matti Rönkä über seinen Krimihelden. So ergeht es Kärppä, der immer wieder mit seiner Biografie konfrontiert wird. Kärppa ist um die 40, finnischer Abstammung, wuchs jedoch im russischen Karelien auf. Er war Leistungssportler und Elitemilizionär, bevor er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Finnland auswanderte – als „Rückkehrer“, wie Leute mit seiner Familiengeschichte dort heißen.

Weniger freundlichere Zeitgenossen nennen ihn kurz „den Russen“ oder, ganz böse, das „Kind aus dem Archipel Gulag“. Willkommen ist er bei den Finnen nicht unbedingt. Zu viele Jahrhunderte haben sie in einer geschlossenen Gesellschaft gelebt.

Einer wie Kärppä steht immer zwischen den Fronten – genauso wie Finnland, das sich über die Jahrhunderte zwischen übermächtigen Nachbarn behaupten musste. Immer wieder mal zwingen die alten russischen Freunde Kärppä zu kriminellen Diensten. Das ist gefährlich, aber er hat Talent fürs Durchschlängeln, das sagt schon sein Name: Kärppä bedeutet Wiesel.

Allerdings hat das Wiesel Prinzipien. Wenn es um harte Drogen oder Zwangsprostitution geht, steigt Kärppä aus. Dann kommt sein schwatzhafter Kumpel Korhonen von der Polizei ins Spiel, der ihm schon lange empfiehlt, sich allmählich an ein legales Leben zu gewöhnen.

„Grenzgänger“ hieß treffend der erste Roman aus der Reihe, mit dem Rönkä in Skandinavien und in Deutschland Ehrungen einheimste. „Russische Freunde“ wurde mit dem Nordischen Krimipreis gekürt. „Depressive Polizisten in den besten Jahren gibt es genug in skandinavischen Krimis“, sagt Autor Rönkä. „Mein Protagonist ist ein bisschen anders.“ Es fließt auch weniger Blut als in vielen anderen skandinavischen Schauerstücken. In Finnland sind fünf Kärppä-Bände erschienen, allesamt Bestseller, so weit das in einem Land mit gut fünf Millionen Einwohnern möglich ist.

Für Rönkäs Landsleute kam dessen Karriere als Krimischriftsteller überraschend. Sie kennen den 50-Jährigen als Nachrichten-Anchorman aus dem Fernsehen. Rönkä ist sozusagen der finnische Ulrich Wickert. 27 Jahre war Rönkä Journalist. Dann nutzte er eine Auszeit, um sich als Autor zu versuchen.

Durch die Augen eines Außenseiters wirft er Blicke auf die finnische Gesellschaft. Nicht immer fallen diese freundlich aus, egal ob es um mangelnde familiäre Solidarität oder den langsam zerbröckelnden Sozialstaat geht. Einer wie Kärppä setzt drastische Methoden ein, um zu seinem Recht zu kommen.

Gelegentlich ähnelt Kärppä einem verirrten Humphrey Bogart. Dann wirkt er nur großkotzig. Finnland ist eben nicht Amerika, aber man verzeiht ihm die übertriebene Coolness gern. Über Kärppä lernt man ein Volk am Rande Europas ein bisschen besser kennen.

Der dritte Kärppä-Krimi „Russische Freunde“ ist im Lübbe Verlag erschienen (14,99 Euro, 189 Seiten). „Der Grenzgänger“ und „Bruderland“ sind bei Grafit erhältlich. Autor Matti Rönkä kommt im Frühjahr nach Deutschland. Am 22. April liest er in Hamburg.

[Stefan Stosch]

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