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Sprengelanbau: Außen Schachtel, innen Grandezza

Säle zum Wandeln, Kunst zum Bewundern: Mit der klassischen Raumflucht trifft der geplante Flügel des Sprengel Museums den Zeitgeschmack.

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Raum an Raum an Raum und viel Licht von oben: Der Siegerentwurf für den Sprengelanbau.

Raum an Raum an Raum und viel Licht von oben: Der Siegerentwurf für den Sprengelanbau.

© HAZ

Wäre der Architektenwettbewerb für die Erweiterung des Sprengel Museums vor zehn Jahren ausgeschrieben worden, hätte ein Entwurf wie das jetzt eingereichte, aber ausgeschiedene Gürteltier von Stararchitektin Zaha Hadid gute Chancen auf Realisierung gehabt. Mittlerweile aber haben expressiv-biomorphe oder wild-gezackte Museumsformen merklich an Attraktivität eingebüßt. Sie entsprechen weder dem vom Platzen der Blasen ernüchterten Zeitgeist noch den krisenbedingt klammen Kassen.

Der höhere Preis für spektakuläre Bauten weltbekannter Architekten („Signature-Architektur“) verzinst sich nicht notwendig in Form größerer Touristenströme. Der sagenumwobende „Bilbao-Effekt“ – benannt nach Frank Gehrys 1997 fertiggestelltem, atemberaubendem Guggenheim-Museum für Bilbao, das eine ganze Region vitalisierte und zahlreiche Nachahmer fand – funktionierte so richtig gut eigentlich nur in Bilbao.

Das ist eine gute Nachricht für Museumsdirektoren: Sie bevorzugen nämlich normalerweise gerade Wände zum bequemen Aufhängen von gerahmter Kunst – und das geht am besten in modernistischen Quadern. Minimalistische Raumboxen, das zweite architektonische Prinzip neben dem Dekonstruktivismus, das während der Boomphase des Museumsbaus der vergangenen zwanzig Jahre dominierte, sind daher auf dem Vormarsch.

Als nüchterne Raumbox kommt auf den ersten Blick auch der Entwurf für den neuen Flügel des Sprengel Museums des Schweizer Büros Meili + Peter daher. Umso überraschender ist die geplante Innenraumgestaltung. Man kann geradezu vom Einbruch eines historischen Raumtypus in eine moderne Hülle sprechen. Was entstehen soll, ist nichts weniger als eine klassischen Enfilade, eine Abfolge von Sälen also, wie man sie etwa aus barocken Schlössern kennt.

In den meisten der 65 eingereichten Wettbewerbsentwürfe wird dieses geforderte Prinzip einer Suite von Räumen durchdekliniert. Museumsdirektor Ulrich Krempel hat sich eine solche repräsentative und elegante Raumflucht gewünscht. Das kann man ihm schwer verdenken, wenn man sich das enge, stickige Labyrinth im Untergeschoss des bestehenden Baus ansieht. Museumsintern kursiert der Witz, wonach die Sprengel-Mitarbeiter von Zeit zu Zeit nachsehen müssen, ob in irgendeiner Ecke die Mumie eines Besuchers liegt, der den Ausgang nicht gefunden hat.

Der Sprengel-Anbau liegt mit der Enfilade im Trend: Bei den jüngsten Wettbewerben für das Kunsthaus Zürich und das Kunstmuseum Basel war die klassische Raumfolge ebenso vorgegeben wie beim jüngst fertiggestellten, emphatisch gefeierten Folkwang-Museum von David Chipperfield. In Essen saß der Wettbewerbsgewinner Marcel Meili in der Jury.

In seinem Entwurf für Hannover sind zwölf zu einem Rundgang zusammengefügte Säle plus drei Fotoräume jeweils leicht gegeneinander verdreht. Seine „tanzenden Räume“ (es kursiert auch schon das Bonmot „beschwipste Räume“) betrachtet der Architekt als „zeitgemäße und dynamisierte Fortführung des auf das 19. Jahrhundert zurückgehenden Ausstellungsprinzips der Enfilade.“ Er verweist dabei auf Museumsbauten von Gottfried Semper, Karl Friedrich Schinkel oder Leo von Klenze. Dort seien es „die gigantische Größe, die Kuppeln und farbigen Raumgestaltungen, die trotz starren Grundrasters atmosphärereiche Räume erzeugen“.

In ihrer eigenen Planung versuchen Meili + Peter durch unterschiedliche Raumproportionen, Türgrößen und Oberlichtkästen – an ihnen vor allem wird man die Drehung der Räume erkennen – Ähnliches zu erreichen. Die Saalhöhen in Hannover sollen zwischen knapp fünf und etwa sieben Metern liegen. Manche Säle sollen lang gestreckt und niedrig ausfallen, andere kapellenartig klein und hoch. Durch verschieden große Oberlichtkästen soll gleichmäßig Licht in die Räume geleitet werden. Dass Tageslicht in die Museen geleitet wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Der White Cube, der typische Ausstellungsraum der Moderne, war auf Kunstlicht angelegt. Es hieß, Sonnenlicht schade der Kunst.

Die eigentliche Frage lautet aber: Wie viel Auratisierung verträgt jene moderne Kunst, die sich den Kampf gegen ein bürgerliches Werkverständnis (der vereinzelte Rezipient, der sich andächtig in die Werke von Originalgenies versenkt) auf die Fahnen geschrieben hatte? Oberlicht, großzügige Saalfolgen, die zum meditativen Betrachten erlesener Werke einladen: All das sind Elemente, die der Aufladung von Kunstobjekten dienen und Giorgione, Tintoretto oder Raffael angemessen sein mögen. In Hannover aber sollen Schwitters-Collagen und Werke anderer Avantgardisten in die Weiheräume. Jenen Avantgardisten, die es zu ihrem ästhetischen Prinzip gemacht haben, die Kunst vom Sockel zu holen, baut man nun selbst Sockel.

Man muss das gar nicht retromodernistisch kritisieren. Die Sehnsucht nach Einkehr und Andacht – und sei es in ihrer kunstreligiösen Variante – ist tief im Menschen verankert. Der Wandelgang ist eine sehr alte, tief in unsere Kultur eingeschriebene Form. Was vielmehr stört, ist der Widerspruch: Jene Moderne, die sich so viel auf ihre angebliche Ehrlichkeit einbildete, ist hier zur bloßen Moderne-Fassade degeneriert. Das Äußere ist nicht nur so langweilig geraten, dass es sich gleichsam mit Baumreihen den Blicken entzieht. Es verbirgt zudem die Rückkehr eines klassischen und repräsentativen Architekturelementes – der Enfilade – in ihrem Innern.

Außen Schachtel, innen Grandezza. Das ist halbherzig und widersprüchlich – aber es scheint sich zu bewähren. Die Kritik hielt sich in Grenzen. Der Landtagsentwurf („Säulentempel“) dagegen macht eine Rückkehr zu klassisch-repräsentativen Architekturelementen nach außen hin sichtbar – und wurde dafür prompt heftig gescholten.

[Johanna Di Blasi]

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