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Sprache

Viele Schriftsteller pfeifen auf die Rechtschreibrefom

Wenn Schriftsteller sauer werden, zieht das meist verbitterte, doch durchaus interessante Zeilen nach sich. Wenn es dann auch noch um ihr tägliches Arbeitsmaterial geht, die Sprache, wird diese meist mit großer Vehemenz eingesetzt, um den Ärger des Autors zu unterstreichen.
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Sloterdijk Grass Rechtschreibrefom Enzensberger Rowohlt

Schätzt die alten Regeln: Judith Hermann.

© Martin Steiner

So könnte man sich zum Beispiel das genüsslich-ausschweifende Zetern eines Thomas Bernhard zur Rechtschreibreform und deren Folgen vorstellen. Erst mal in Rage hätte er sich vielleicht sogar als Österreicher vor drei Jahren an dem Appell zahlreicher Schriftsteller, Rechtswissenschaftler und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gegen die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung beteiligt. Dann wäre das Schriftstück mit dem Titel „Die Sprache kennt keine Kompromisse“ vielleicht noch etwas drastischer ausgefallen.

Aber auch ohne den längst verstorbenen Bernhard fanden sich darin Sätze, die in gebotener Deutlichkeit Reformkritik formulieren und die Kompetenz der Reformer infrage stellen: „Die Sprache kennt keine Kompromisse, jedenfalls nicht solche, wie sie in nicht öffentlichen Sitzungen seit über zwanzig Jahren zwischen ein paar Dutzend Didaktikern, Linguisten und Ministerialbeamten sowie Verbands- und Wirtschaftsvertretern ausgehandelt werden“, hieß es damals. Unterzeichnet wurde der Appell von Autoren wie Daniel Kehlmann, Christian Kracht, Judith Hermann und Iris Hanika. Und hätte man sich damals beim Slogan „Die Sprache kennt keine Kompromisse“ für den Singular entschieden, hätte man beim Wort Kompromiss mit einem „ß“ ein noch deutlicheres Zeichen setzen können.

Der Schriftstellerappell beschreibt den letzten Höhepunkt der langwierigen Debatte um die Rechtschreibreform. Seit sich 1996 die deutschen Bundesländer, Österreich und die Schweiz verpflichteten, eine reformierte Orthografie einzuführen, hagelte es Kritik. Autoren wie Günter Grass, Martin Walser und Siegfried Lenz zeterten, „Der Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ verkündeten die Rückkehr zur alten Rechtschreibung, und in Schleswig-Holstein wurden die neuen Rechtschreibregeln per Volksentscheid direkt wieder abgeschafft – auch wenn die Landesregierung dies ein Jahr später wieder aufhob.

Vor genau zehn Jahren setzten die Schulen und die meisten Verwaltungen die Rechtschreibreform um. Auch die meisten Nachrichtenagenturen und die meisten Zeitungen – darunter die Hannoversche Allgemeine Zeitung – verwenden seitdem weitgehend die neuen Rechtschreibregeln. Doch erst am 1. August 2006, nachdem die Reform erneut reformiert wurde, beruhigte sich die Debatte. Der Schriftstellerappell von Kehlmann und Kracht konnte die Rechtschreibreform nicht aufhalten.

Doch gehören Autoren wie Siegfried Lenz („Die Rechtschreibreform führt zur Verflachung der deutschen Sprache“), Hans Magnus Enzensberger („Die sogenannten Regelwerke sind Ersatzhandlungen, mit denen die kulturpolitische Impotenz kaschiert werden soll“) und Harry Rowohlt („Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie“) nicht zu den Menschen, die sich von Politikern vorgeben lassen wollen, wie sie mit ihrem Arbeitsmaterial umgehen. Und oft gelesene Schriftsteller haben Verbündete: ihre Verleger.

So veröffentlicht zum Beispiel Judith Hermann ihre Bücher beim S. Fischer Verlag und lässt dem unterzeichneten Appell Taten folgen: Ihre Bücher „Alice“, das in diesem Jahr herausgekommen ist, und „Nichts als Gespenster“ (2004) erschienen in alter Rechtschreibung. Für den Verlag kein Problem: „Wir werden uns nicht dem Willen unserer Autoren widersetzen“, sagt Verlagssprecherin Petra Baumann-Zink. Auch wenn die Autoren ausschließlich Kleinschreibung bevorzugen, würde der Verlag gute Bücher veröffentlichen.

Die im März erschienene große Abhandlung „Du mußt dein Leben ändern“ des Philosophen Peter Sloterdijk erschien beim Verlag Suhrkamp ebenfalls im unreformierten Rechtschreibungszustand. „Wir richten uns da nach unseren Autoren, und viele bevorzugen die alte Rechtschreibung“, sagt Sprecherin Tanja Postpischil. Insgesamt werde sogar der überwiegende Teil der Suhrkamp-Bücher in alter Rechtschreibung publiziert. Nur selten komme ein Verlagsautor auf die Idee, nach den neuen Rechtschreibregeln zu schreiben.

Eines der prominentesten Bücher in alter Rechtschreibung ist das 2005 erschienene „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. 2007 war der Roman auf Platz zwei der „New York Times“-Liste der weltweit meistverkauften Romane. Für die deutsche Version fanden sich schon mehr als 1,4 Millionen Käufer. Pikanter Nebenaspekt: Das Buch wird im Unterricht eingesetzt und ist in Mecklenburg-Vorpommern im kommenden Jahr für den Abiturjahrgang Prüfungsstoff.

Für den Verlag Rowohlt ist es eine Entscheidung der Schule, ob ein Buch in alter Rechtschreibung im Unterricht genutzt wird, so Sprecherin Ursula Steffens. „Wir veröffentlichen die Bücher nicht primär, damit sie im Unterricht eingesetzt werden“, sagt Steffens. Auch Rowohlt orientiere sich an den Wünschen der Autoren.

Die Geschäftsführerin vom Rat für deutsche Rechtschreibung, Kerstin ­Güthert, sieht in der täglichen Verlags­praxis keinen Affront gegen ihre jahrelange Arbeit. „Autoren genießen auch in der Rechtschreibung eine stilistische Freiheit“, sagt Güthert. Die Schüler können mit Büchern in alter Rechtschreibung schon umgehen. „Sie lesen ja auch Schiller-Schriften aus dem 18. Jahrhundert mit einer noch ganzen anderen Orthografie.“ Man solle eine gewisse Gelassenheit walten lassen.

Drei Jahre nach Inkrafttreten der reformierten Rechtschreibreform sieht Güthert die Arbeit des Rats als Erfolg. „Der Rat wurde eingesetzt, um einen tragfähigen Konsens herzustellen“, sagt Güthert. Die Hausorthografien der Medien orientieren sich sehr stark am neuen Regelwerk, die Rechtschreibvorschriften der „Frankfurter Allgemeine“ zum Beispiel unterscheiden sich nur durch 13 Wörter von der Ratsrechtschreibung. Auch die Entwicklung im Verlagsbereich beschreibt Güthert als positiv. Die Aufregung scheint sich damit gelegt zu haben. „Rechtschreibung ist wieder ein Mittel zum Zweck – die Menschen wenden sich endlich wieder den Inhalten zu“, meint Güthert.

Vor zehn Jahren schrieb der HAZ-Redakteur Jörg Kallmeyer zur Umsetzung der neuen Rechtschreibreform bei der HAZ: „Man kann sich noch ein paar Tage über den Sinn und Unsinn der neuen Formen streiten. Dabei sollte man es dann aber auch belassen. Wir haben wichtigere Probleme als die Rechtschreibung.“ Manchmal dauert es offenbar Jahre, bis sich eine Erkenntnis durchsetzt.


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