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Kultur Waldschlösschen: Lesung über die Aids-Geschichte der BRD
Nachrichten Kultur Waldschlösschen: Lesung über die Aids-Geschichte der BRD
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19:07 26.10.2018
„Zahlreiche emotionale Verkapselungen, die in der Zeit des Sterbens entstanden sind“: Martin Reichert. Quelle: Jürgen Bauer
Göttingen

Während der LesBiSchwulen Kulturtage Göttingen liest Martin Reichert am 28. Oktober in der Akademie Waldschlösschen aus seinem Buch „Die Kapsel“. In dem Haus zwischen Reinhausen und Bremke stellt Reichert (Jahrgang ’73) die individuelle und gesellschaftliche Isolation Betroffener seit Anfang der ’80er-Jahre vor; schildert, wie die Krankheit Aids „ihren Weg ins Bewusstsein der Bundesrepublik fand“.

Im Tageblatt-Interview spricht der Historiker, Buchautor und Redakteur der „taz.am wochenende“ über das Motto der Kulturtage „simply queer“, über die Recherche für das Buch und über Homophobie.

Herr Reichert, kennen Sie die LesBiSchwulen Kulturtage in Göttingen?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich weiß aber, dass es in Göttingen eine große schwullesbische „Kompetenz“ gibt, viele engagierte Menschen, insbesondere im Umfeld der Universität.

Wie gefällt Ihnen das diesjährige Motto „simply queer“? Menschen mit queeren Identitäten (insbesondere Lesben, Schwule, Bi- und Pansexuelle, Trans*Personen, Inter*Personen – kurz: LSBTIQ) „wollen über ihre Lebensweisen nicht mehr diskutieren. Keine Rechtfertigung für Vielfalt und Selbstbestimmung“, betonen die Veranstalter. Genau Ihre Meinung?

Es kann in der Tat ermüdend sein, wenn man über bestimmte Dinge immer wieder neu diskutieren muss. Aber es ist nun mal so, dass die Gegenaufklärung stets durch die Hintertüre wieder hereinspaziert kommt, wenn man gerade geglaubt hat, dass man wieder einen Schritt weitergekommen ist. Nehmen Sie die Eheöffnung – die Gegner der Liberalisierung werden so schnell keine Ruhe geben.

Martin Reichert: Reportagen über schwules Leben in Moskau und Beirut

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, Ihr politischer Schwerpunkt liegt auf LGBT-Themen – heißt was genau?

In meinem Hauptberuf bin ich Redakteur bei der taz, in der Wochenendausgabe – in dieser Aufgabe muss man Generalist sein. Politisch-inhaltlich fokussiert habe ich mich aber in meinem Berufsleben häufig auf Themen, die mit LGBTI zu tun hatten. Ich habe zum Beispiel Reportagen über schwules Leben in Beirut, im Irak oder auch in Moskau geschrieben. Und immer auch Essays und Kommentare für schwul-lesbische Publikationen, die allerdings zunehmend aussterben.

Wie schätzen Sie den Stellenwert der LesBiSchwulen Kulturtage in Göttingen ein?

Solche Veranstaltungen sind ungeheuer wichtig, weil sie sowohl den Austausch innerhalb der Community befördern als auch in die Gesellschaft hineinwirken. Die Kulturtage zeigen auch, dass queere Menschen mittlerweile ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft geworden sind – auch wenn diese Fortschritte weiterhin verteidigt werden müssen.

Im Waldschlösschen lesen Sie aus Ihrem aktuellen Buch „Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik“. Wann begannen Sie mit welchem Plan zu recherchieren? Wie viel Zeit haben Sie für die Recherche und für das Schreiben des Buches benötigt?

Das Projekt hat mich ungefähr zwei Jahre in Anspruch genommen. Ich musste mich zum einen in die Materie einarbeiten – es gibt relativ wenig Literatur zur Situation in Deutschland, da ist man in den angelsächsischen Ländern weiter. Und dann habe ich sehr viele Gespräche geführt, habe diverse Veranstaltungen besucht. Unter anderem auch die „Positiven Begegnungen“ hier im Waldschlösschen.

GRID: Gay Related Immune Deficiency – oder schlicht „Schwulenkrebs“

Wie weit zurück reichen die Geschichten in Ihrem Buch „Die Kapsel“ – bis zum Anfang der 80er?

Ja, das Buch beginnt mit den frühen Achtziger Jahren, zu Anfang wusste man ja noch gar nicht, um welche Krankheit es sich bei diesem „Schwulenkrebs“ aus den USA handelt – war es ein Virus? GRID war der erste Fachbegriff – Gay Related Immune Deficiency.

Um welche Geschichten geht’s. Wie weit rücken Sie mit den Geschichten vor – bis heute?

Ich spreche im ersten Teil des Buches mit Menschen, die ihre Partner und Freunde durch Aids verloren habe – und auch mit Akteuren wie der seinerzeitigen Gesundheitsministerin Rita Süßmuth (aus Göttingen) und dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker. Der zweite Teil des Buches reicht dann in der Tat bis in die Gegenwart des „Neuen Aids“, einer chronischen Krankheit, die nicht mehr zwingend tödlich ist.

Welche Bedeutung hat der Titel?

Der Titel hat eine Mehrfachbedeutung. Einerseits sind die Medikamente gemeint, die alles verändert haben: Infizierte können ein normales Leben führen, sie sind auch nicht mehr ansteckend. Und andererseits steht der Titel für die zahlreichen emotionalen Verkapselungen, die in der Zeit des Sterbens entstanden sind.

„Gib Aids keine Chance“, der Slogan der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (1987), ist heute vielen noch geläufig – die persönliche, familiäre, berufliche Bedeutung ist jedoch un- oder allenfalls abstrakt bekannt. Ist die Aufarbeitung der Aids-Geschichte in der BRD das Anliegen des distanzierten Historikers oder mussten Sie die Qual der Betroffenen, auch aus persönlicher Betroffenheit, bekannt machen.

Persönlich hatte ich das große Glück, niemanden verloren zu haben. Ich hatte in dieser Hinsicht, frei nach Helmut Kohl, tatsächlich so etwas wie die „Gnade der späten Geburt“ - mein Coming Out als schwuler Mann fiel mit der Einführung der neuen Medikamente zusammen, das war 1996. Aber die Angst war trotzdem noch da – als Schwuler ist man sozusagen dichter dran an dem Thema. Man gehört ja zu einer „Risikogruppe“.

„Die Kapsel“: Die Geschichte von Aids in der Bundesrepublik Deutschland

Ihr Verlag schreibt, „Die Kapsel“ sei die „Annäherung an eine Katastrophe, die viele Menschenleben forderte“. Inwiefern ist die Aids-Geschichte der BRD eine Katastrophe?

Menschen sind unter erbärmlichen Qualen gestorben, ohne dass ihnen geholfen werden konnte. Seit Beginn der Epidemie waren es in Deutschland 28 000. Die Gesellschaft war gefordert, einen zivilisierten Umgang mit dieser Situation zu finden. Sollte man die Betroffenen „absondern“ wie man es in Bayern erwog? Oder sollte man die Menschen aufklären und ihnen zeigen, wie man sich schützt? Der vernünftige Weg hat sich am Ende durchgesetzt, auch dank Rita Süßmuth. Einer gläubigen Katholikin, die sich gegen ihren Papst stellen musste, weil es ohne Kondome zu einer viel größeren Katastrophe gekommen wäre.

Wie viele Menschen mussten in welchem Zeitraum sterben?

Seit Beginn der Epidemie waren es in Deutschland 28100

Wie stark waren persönliche Verluste durch Isolation?

Die Kapsel hat noch eine dritte Bedeutung. Denn viele Betroffene, Sterbende haben sich damals abgekapselt von ihren Freunden und Familien – oder wurden ausgegrenzt, starben einsam.

Wer hat ihnen geholfen? Wie hat die Schwulenbewegung reagiert – von wem wurde sie wie unterstützt?

Umgekehrt gab es auch eine große Welle der Solidarität – von Pflegekräften, Freiwilligen. Häufig waren es Frauen, die sich solidarisch zeigten. Hospize entstanden. Prominente wie Alfred Biolek, Inge Meysel, Lea Rosh solidarisierten sich. Teile der Zivilgesellschaft kümmerten sich – und auch wenn man kein Freund der Homosexuellen war, dachte man auch in konservativeren Kreisen: Sterben müssen sie jetzt aber doch nicht alle. Die Schwulenbewegung selbst setzte im Lauf der Krise ungeheure Kräfte frei – aus ihr heraus entstanden die Aids-Hilfen, die später dann auch staatlich unterstützt wurden. Paradox ist, dass die Homosexuellen in ihrer Bedrängnis und Not sichtbarer wurden, was dann zu ihrer Emanzipation beigetragen hat.

Fortschritte ja – aber Homophobie ist präsent / Gewalt gegen queere Menschen

Heute scheint es so, als würden Schwule in der Gesellschaft (fast) so akzeptiert wie Heteros – oder ist das eine mediale Fata Morgana?

Es hat einen ungeheuren Fortschritt gegeben, darüber kann man sich freuen. Andererseits sind die Zeiten gerade nicht gut für Minderheiten – das Fieberthermometer kann hinsichtlich der Homophobie jederzeit wieder ansteigen. Ist es auch schon, die Zahl der Gewalttaten gegen queere Menschen ist gestiegen.

Inwieweit hat die Schwulen/Lesbenbewegung den Weg für „Vielfalt und Selbstbestimmung“ (vor-)bereitet?

Die Schwulenbewegung hat Ende der Siebziger Jahre einen politische Agenda gesetzt, mit dem Ziel, einen völlige Gleichstellung zu erreichen. Und das ist einige Jahrzehnte später mit der Öffnung der Ehe für alle auch geglückt. Die Schwulen und Lesben haben vorgemacht, dass man sich als Minderheit emanzipieren kann, seine Rechte einfordern kann.

Das komplette Programm der Kulturtage auf www.lesbischwule-kulturtage.de; die Lesung: www.waldschloesschen.org

Von Stefan Kirchhoff

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