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Weltweit Behaarte Orangen und bissige Zimtschnecken
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18:45 11.02.2018
Alltagsobjekte mit Irritation: Fotografien von Torbjørn Rødland. Quelle: 1996-98 Rodlnad/CO
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Berlin

Der Kamerablick fällt ins Innere eines Autos, auf schlanke weibliche Beine und den Saum eines Minirocks. Samtige Chillout-Klänge kommen nicht etwa aus dem Autoradio, sondern aus den Lautsprecherboxen im Ausstellungshaus C/O, Berlins Liebhabermuseum für moderne und zeitgenössische Fotografie. Dort läuft Torbjørn Rødlands siebenminütige Videoarbeit „I Am Linkola“ in Endlosschleife.

Kaarlo Pentti Linkola ist ein finnischer Umweltschützer, Tiefenökologe, Amateurbiologe und Fischer. Die junge Frau im Auto lässt ein Spielkartenset zu Boden gleiten, der Autoreifen fährt über die Karten, eine skandinavisch anmutende Uferlandschaft zieht hinter dem Autofenster langsam vorüber. Die nächste Einstellung zeigt das Innere des fahrenden Autos. Die junge Frau ist auf dem Lenkrad eingeschlafen; vielleicht ist sie auch tot.

Mit wenigen Einstellungen erzeugt der norwegische Künstler rätselhafte und psychisch dichte Atmosphären wie aus Filmen von Ingmar Bergman oder Alfred Hitchcock, jedoch ohne erkennbare Plots. Mit seiner eigenwilligen Bildersprache hat der 1970 im norwegischen Stavanger geborene Künstler internationale Beachtung erlangt.

Wie viele Beine und Arme sind das jetzt? Quelle: 1996-98 AccuSoft Inc., All right1996-98 AccuSoft Inc., All right

Bekannt wurde er durch Präsentationen der einflussreichen Londoner Serpentine Gallery. Seine Werke wurden unter anderem im Outside-the-Box-Programm des Whitney Museum of American Art und im PS1 des Museum of Modern Art in New York gezeigt, im Pariser Centre Pompidou und auf der Kunstbiennale in Venedig.

Die Ausstellung im C/O ist die erste deutsche Einzelpräsentation des seit Ende der 1990er-Jahre aktiven Künstlers, der seinen Wohnsitz wohl nicht zufällig in Los Angeles hat, in der Nähe von Amerikas Traumfabrik Hollywood. Die Berliner Ausstellung trägt den Titel „Back in Touch“. Die Kuratorin Ann-Christin Bertrand gibt Einblick sowohl in Rødlands Filmschaffen wie auch in seine Fotominiaturen.

Der Fotograf bringt Dinge zusammen wie Oktopus und Frauenhand

In sorgfältig inszenierten und mit Analogkamera aufgenommenen Fotoarbeiten bringt Rødland in Berührung („in touch“), was irgendwie zusammenzupassen scheint und irgendwie auch wiederum nicht oder höchstens in vertrackter Weise, beispielsweise eine Zimtschnecke und ein künstliches Gebiss oder einen Oktopus und eine schlanke Frauenhand.

Rødlands Werke werden als rätselhaft beschrieben. Sie zielen auf tiefenpsychologische Wirkung und sind in dieser Hinsicht mit Werbebildern vergleichbar.

Sieht lecker aus – oder doch eher beängstigend? Quelle: Rodland/C/=

Gleichzeitig – und das unterscheidet sie vom Werbedesign – legen sie manipulative Bildwirkungen offen. Besonders deutlich wird das bei einem weiblichen Porträt mit dem Titel „Goldene Tränen“. Es ist vollkommen klar, dass die junge Frau auf dem Foto nicht weint, dass dicke Tränen vielmehr ihrem Gesicht aufgeschminkt wurden; dennoch umkreist man als Betrachter unwillkürlich die Frage, ob die Frau nicht doch traurig ist – und sucht in ihrem ruhigen Gesicht nach Zeichen der Bestätigung.

Manche Motive und Sujets begegnen dem Besucher mehrfach: Zähne, Hände, Landschaften. „Ich kombiniere gesehene Dinge und finde heraus, was sie heute bedeuten könnten“, sagt der Künstler.

Mit seinen Bildern, die an der Kohärenz von Wahrnehmung und am Wirklichkeitssinn rütteln, steht Rødland in der Tradition surrealer Bildfindungen à la Meret Oppenheim („Pelztasse“). Auch mit Jeff Walls poetischen Light Boxes (Leuchtboxen) wird Rødlands Kunst verglichen. Mit Künstlern wie Louise Bourgeois, Tony Oursler oder Douglas Gordon verbindet ihn das Interesse an tiefenpsychologischen Codierungen.

Diese Arbeit ist ganz „konfabulös“

Einen Hinweis auf Quellen, aus denen sich sein künstlerisches Denken speist, gibt eine 2016 erschienene Publikation mit dem Titel „Confabulation“. Was wie eine poetische Wortneuschöpfung klingt, ist ein Schlüsselbegriff aus der Neurowissenschaft. Konfabulieren bezeichnet den menschlichen Hang, Kausalitäten zu benennen, Erinnerungsbruchstücke zu erfundenen Episoden zusammenzusetzen, zeitliche und kausale Zusammenhänge zu verwechseln oder auch Erlebnisse vorzutäuschen, die gar nicht stattgefunden haben. Konfabulation ist teilweise unlogisch, häufig unglaubwürdig, sie ist aber im Unterschied zur Lüge keine bewusste Irreführung, sondern eher Selbsttäuschung. „Kindliche“ Lügen sind zum Beispiel konfabulöse Ausreden, die häufig von Wunschdenken geleitet sind.

Ähnlich wie beim Syndrom der Konfabulation Erinnerungsbruchstücke zu fiktiven Geschichten kombiniert werden, verknüpft Rødland Brocken von Erinnertem und Halberinnertem, Eindrücke aus der Werbewelt, Fantasien aus Kindertagen und aus Träumen.

Wenn man sich einlässt auf die bildliche Geisterbahnfahrt, begegnet man dem eigenen, unablässigen Hang zur Konfabulation, zur Deutung und Sinnerzeugung. Es kann außerdem geschehen, dass sich die eine oder andere von Rødlands Figuren ins eigene Traumleben schleicht und darin herumgeistert, zum Beispiel eine bucklig-verdrehte Gestalt, die mit weißen Sneakern an den Händen statt an den Füßen im Wald steht.

Bis zum 11. März im C/O Berlin. Parallel werden dort Fotoarbeiten von Joel Meyerowitz gezeigt. Hardenbergstraße 22–24; www.co-berlin.org, Öffnungszeiten täglich 11 bis 20 Uhr, Eintritt 10 Euro, ermäßigt 6 Euro.

Von Johanna Di Blasi/RND

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