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Weltweit Chris Dercon tritt zurück
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17:18 13.04.2018
Chris Dercon gibt seinen Posten als Intendant der Volksbühne auf. Quelle: dpa
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Berlin

Das Trauerspiel um den umstrittenen Intendanten Chris Dercon hat ein jähes Ende gefunden: Noch vor dem Ende der ersten Spielzeit kündigte der Nachfolger von Frank Castorf am Freitag seinen Rücktritt als Intendant der Berliner Volksbühne an – mit sofortiger Wirkung. Der designierte Geschäftsführer der Volksbühne, Klaus Dörr, soll zwischenzeitlich kommissarisch die Geschäfte des Intendanten führen. Der Fall steht für das Scheitern eines progressiven Theaterkonzepts an politischen Widerständen und der Last eines übergewichtigen Erbes. Das Trauerspiel begann schon, ehe sich der Vorhang hob, und findet in der Nachfolgerdiskussion seine Fortsetzung.

1. Akt: Exposition

Bereits direkt nach der Berufung des belgischen Kurators rebelliert ein Teil der Theaterszene gegen den damaligen Chef der Tate Modern in London. Aus der Kultbühne solle eine „Eventbude“ werden, hieß es. Prominente Künstler aus dem Umfeld des langjährigen Intendanten Frank Castorf fordern in offenen Briefen und einer Onlinepetition eine Kurskorrektur. Dercon kommentiert gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Theater ist eine kirchenähnliche Community. Die Menschen kommen als Anhänger. 25 Jahre Castorf-Kirche – mir war klar, dass das nicht einfach wird. Aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass es hier mehr Gegenwind geben würde als in der Hafenstadt Rotterdam oder in dem alpennahen München.“

2. Akt: Komplikation

Die Spielzeit beginnt mit einem Tanzspektakel auf dem Gelände des alten Tempelhofer Flughafens, das vom Publikum wohlwollend aufgenommen wird. Der Architekt Francis Kéré – bekannt für sein Operndorf in Burkina Faso mit Christof Schlingensief - entwarf eine Art Ufo-Bühne, die mit dem Raum des Flughafenhangars spielt. Von diesem „Satellitentheater“ wird jedoch zunächst nur eine Tribüne realisiert, Dercon also schon gleich zu Beginn ausgebremst. Die Anwerbung von Schauspielern stagniert, weil die Künstler sich davor scheuen, an ein derart umstrittenes Haus zu gehen. Das erschwert wiederum die Erfüllung der Forderung der Stadt, ein Repertoire- und Ensembletheater zu etablieren. Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), dessen Vorgänger Dercon berufen hatte, zweifelt immer wieder öffentlich an der Qualifikation des Belgiers.

3. Akt: Peripetie

Während im Flughafen Theater gemacht wird, besetzen Aktivisten die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Kunst-Kollektiv „Staub zu Glitzer“ befestigt an der Fassade des Theaters ein Banner mit der Aufschrift „Doch Kunst“. Damit will es ein neues Nachdenken über die Zukunft der Volksbühne erzwingen.

4. Akt: Retardation

Für die ersten Inszenierungen auf der Hauptbühne hagelt es Ende 2017 Verrisse. Eine Performance des deutsch-britischen Künstlers Tino Sehgal gilt als Bestätigung des Vorurteils, der einstige Tate-Manager Dercon sei eher ein Kurator von ausstellungsartigen Gastspielen denn ein Verfechter des Ensemble- und Repertoiretheaters. Und dass bei den Einaktern von Samuel Beckett ein einstiger Weggefährte des Schriftstellers Regie führt, ist vielen zu wenig zukunftsweisend. Die Star-Schauspielerin Sophie Rois verlässt das Haus.

5. Akt: Katastrophe

Dercon kündigt. Und die Spekulationen über seine Nachfolgerschaft schießen ins Kraut. Wird Frank Castorf zurückkommen, der inzwischen am Berliner Ensemble eine neue Theaterheimat gefunden hat? Oder vielleicht dessen Zögling Sebastian Hartmann, der einst am Leipziger Centraltheater ebenfalls die Erfahrung machen musste, wie Publikumsstimmung Kulturpolitik beeinflusst? Bei Twitter witzelte ein User gar, der soeben beerbte Bayern-Trainer Jupp Heynckes ginge jetzt nach Berlin.

Oder wird es gar einen Ringtausch geben? Matthias Lilienthal, der am Berliner Hebbel am Ufer mit seinem interdisziplinären und politischen Theaterkonzept äußerst beliebt und als Intendant der Münchner Kammerspiele zwischenzeitlich ebenso umstritten war, hat jüngst seinen Rückzug zum Jahr 2020 angekündigt. Und Chris Dercon sagte einst dem RND, während seiner acht Jahre als Direktor des Hauses der Kunst in München bis 2011 habe er immer etwas neidisch auf die Münchner Kammerspiele geschaut …

Von Nina May/RND

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