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Weltweit „Die Nashörner“ hat Premiere
Nachrichten Kultur Weltweit „Die Nashörner“ hat Premiere
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00:26 02.05.2018
Kraftvoll und überzeugend: „Die Nashörner" von Eugène Ionesco feiert im DT-1 eine gelungene Premiere. Quelle: Aurin
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Göttingen

Denn das, worauf der Zuschauer in der Inszenierung von Thomas Dannemann schaut, ist doch das Reale: Die Fassade des Deutschen Theaters mit den Bistrotischen davor. Sogar die Bedienung erkennt der erfahrene Bistrogänger. Was soll sich hier schon zutragen, in diesem hell ausgeleuchteten, frühlingshaft vertrauten Ambiente, über dem eine gewisse Lethargie liegt?

„Angst ist irrational. Vernunft kann sie überwinden.“

Aber genau hier geschieht das Unglaubliche: Während sich der dem Alkohol zugetane Schauspieler Behringer (Marco Matthes) und sein wahnsinnig erfolgreicher Freund Hans (Sebastian Grünewald) im Bistro treffen und Hans Behringer die Leviten der Leistungsgesellschaft liest, werden Bühne und Bühnenraum von ohrenbetäubenden Geräuschen erschüttert. Staub wirbelt vom (Bühnen)wall auf die Bühne, alle Passanten sind entsetzt und sich einig: Das war ein Nashorn. Lebhafte Parallelgespräche entspinnen sich. Den dort sitzenden Logiker (in wunderbar stoischer Heiterkeit: Paul Wenning) kann nichts erschüttern, denn: „Angst ist irrational. Vernunft kann sie überwinden.“ Während Hans den depressiven Einzelgänger Behringer weiter aufmischt: „Einsamkeit oder Gesellschaft, entscheide dich“, kommt es zu einem Todesfall. Die geliebte Muschi der blasierten Hausfrau, von Gaby Dey herrlich überspitzt und dümmlich gespielt, wird von einem zweiten Nashorn zertrampelt. Eine schreiende Komik hat es, als Dey das plattgewalzte Tier anklagend dem Publikum präsentiert.

Florian (Florian Eppinger) entfacht eine Rassismus-Debatte

Die riesige Fassade dreht sich und das zweite Setting ist eine Probe des DT-Ensembles, sehr nahbar auch dadurch, dass die Schauspieler sich selbst spielen. Man diskutiert die Geschehnisse und ihre Glaubwürdigkeit. War das Nashorn nun ein- oder zweihornig und überhaupt da? Florian (Florian Eppinger) entfacht eine Rassismus-Debatte. Er äfft seine Kollegin nach: „Bloß eine Katze ist gestorben? Bloß ein Flüchtling?“

Hier bricht sich die Aktualisierung des Stückes Bahn, das seit seiner Uraufführung im Jahr 1959 immer wieder in neuen Gewändern glänzte, denn sein Thema ist ein zeitloses. Die Macht und Anziehungskraft der Massen, die Menschen Dinge sagen und tun lassen, weil es geduldet wird. Und die Masse in Gestalt der massigen Tiere ist auf einmal bedrohlich unter der Probebühne zu hören. Kollege Ochs ist zum Nashorn mutiert. Die Situation gipfelt beim Durchbruch der Türen im vorderen Parkett und lässt den Adrenalinspiegel des Publikums vor der Pause merklich ansteigen. Ein wunderschönes, majestätisches Tier zeigt sich außerdem auf der Bühne und Nashörner sind doch „von natürlicher Unschuld“. Oder?

in unter die Haut gehender Theaterabend

Der Sog der Masse wird stärker, was durch die nach hinten offene Bühne überzeugend realisiert wird. Immer mehr Menschen werden zu Nashörnern und tauchen in der angenehmen, verantwortungsbefreiten Mehrheit unter. Zurück bleiben Behringer und Kollegin Daisy (Judith Strößenreuther), die einen Moment lang nicht nur Behringers Retterin zu sein scheint. Dieser ruft fast wie der Schillersche Ferdinand aus: „Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt.“ Aber die zarte Romanze ist schnell zerstört. Es geht ihnen wie den meisten Liebespaaren der Weltliteratur: Keine Liebe ohne die Akzeptanz der Gesellschaft. Sowieso ist Daisy schon infiziert und reckt sich umkränzt von ihren langen blonden Locken dem Himmel entgegen, während sie an der Rampe eine flammende, wunderschön anzusehende und schrecklich anzuhörende, nationalistische Rede über die Schönheit eines rein deutschen Lebens und Todes hält.

Behringer bleibt allein zurück. Nicht ganz. Seine Zweifel und sein Menschsein leisten ihm Gesellschaft. Ein unter die Haut gehender Theaterabend über eine in Parallelrealitäten abdriftende Gesellschaft, an der das Wort und die Sprache scheitern.

Von Marie Varela

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