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11:29 07.09.2018
Immer noch verdammt gut nach all den Jahren: Paul Simon (v. l.), Paul Weller und Paul McCartney veröffentlichen dieser Tage neue Alben. Quelle: dpa/Collage: Schinck
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London

Bahnhofsgeräusche, die mählich verklingen und einer strahlenden Engelstimme Platz machen. Schon ist ein Rahmen gesetzt, und man kann „Konzeptalbum“ dazu sagen. Ein Wort, das in der songorientierten Streamingwelt von heute niemand mehr hören will. Fünf Jahre nach dem neonkühlen „New“ kehrt Paul McCartney (76) mit dem in jeder Hinsicht kunterbunten (das Cover erinnert an George Harrisons Flop „Gone Troppo“ von 1982) „Egypt Station“ zurück.

McCartney zeigt die Bandbreite seines Könnens

Ein kunterbuntes Summa Summarum all dessen, was dieser wohl berühmteste Popmusiker der Welt draufhat, der seit seinem witzigen und anrührenden Auftritt in James Cordens kultiger „Carpool Karaoke“-Show wieder einen Stein in Millionen neuen Fanbrettern hat. Und natürlich kann man die Songs auch konzeptignorierend einzeln und durcheinander hören. Das ging sogar bei „Sgt. Pepper“ ganz prima, dem Überkonzeptalbum der Beatles.

Was „Macca” kann: Pop, Soul, Psychedelik, Pianoballaden, neue Beats in „Back to Brazil“, Mutter-Natur-Folk in „Happy With You” und „Confidante”, Rock-’n’-Roll-Falsett zu knurrigen Gitarren in „Who Cares”. „Fuh You“ singt McCartney ohne „c“ sein Beischlafbegehr in sonniger Altersdirektheit und der coldplayesk produzierte Song klingt überaus bombastisch. Dann erhebt er pop-populistisch gegen alle Rechten das Wort und hat natürlich recht: „People Want Peace“.

In „Despite Repeated Warnings“ spricht er schließlich Klartext zum Brexit: „Was können wir tun, um diesen dummen Plan zu stoppen?“ heißt es im Song. Und wenn der Paul aller Pauls das sagt, sollten seine Briten doch noch mal in sich gehen. Wie bei „Sgt.Pepper“, kommt hinter dem Bahnhofsausklang noch eine kleine Songcollage. Dieses Stück namens „Hunt You Down/Naked/C-Link“ hält allerdings trotz der verträumten David-Gilmour-Gitarre am Ende dem Vergleich mit „A Day in The Life“ oder der „Abbey Road“-Suite der Beatles nicht stand.

Paul Simon holt seine Mauerblümchensongs aus dem Schatten

Der Amerikaner Paul Simon, ebenfalls 76, hat auf seinem neuen Album eine Befreiung eigener Lieder vorgenommen. Was er auf „In the Blue Light“ präsentiert, sind Abgleiche, Revisionen, Neudeutungen von Songs, denen damals, wie er sagt, „noch der letzte Feinschliff fehlte oder die ob ihrer Skurrilität wenig Beachtung fanden.“

In Wahrheit standen sie nur hoffnungslos im Schatten der übermächtigen Hits ihrer Alben. Nun, nebeneinander gestellt, wird ihre wahre Größe offenbar. Dabei ändert Simon auch schon mal Texte. Das beginnt bei einem DJ, der den Platz einer Bluesband eingenommen hat und endet in einer Verdammung des Bürgerkriegs in Syrien. Im Update von „Love“ aus dem Jahr 2000 werden die Flüchtlinge und die „giftige Brise“ der Gasangriffe beklagt.

Viele Stücke hier sind gar keine richtigen Popsongs mehr. Mit „One Man’s Ceiling is Another Man’s Floor“ (im Original von 1973) wird der bluesige, eingängigste Song dieses Albums gleich zu Anfang gesetzt. Schon bald geht es mit „Can’t run, but“ zum Kunstlied. Der perkussiv-gluckernde Xylofon-Sound des Originals wird durch zwitschernde Flöten und wespige Streicher ersetzt.

Eine nervöse Energie, die sich beim folgenden „How The Heart Approaches What It Yearns“ - ursprünglich mit Country-Arrangement - ins Jazzige auflöst. Mit Jazzmusikern wie Wynton Marsalis (Trompete), Bill Frisell (Gitarre), Sullivan Fortner (Piano) oder Jack DeJohnette (Schlagzeug) wird das blaue Licht des Abumtitels (gemeint ist das des Fernsehapparats) zu einer veritablen Blue-Note-Stimmung. Mauerblümchenlieder wie „The Teacher“ oder „Questions For The Angels“ erblühen zu Glanzstückchen eines Glanzstücks - eines der besten Alben in Simons Karriere.

Modfather Paul Weller hängt Pop-Schmuck an Klampfensongs

Eine Woche später erscheint am 14.September das neue Album des dritten, großen (mit 60 deutlich jüngeren) Pop-Pauls: Und auch Paul Weller, der seit den Punkzeiten mit The Jam im Geschäft ist, schiebt mit „True Meanings“ eine unverhofft ruhige Kugel. Der zornige Modfather hat in Ripley/Surrey, ein Stück weg von London in seinem Landhaus auf der Akustikgitarre komponiert und dabei seinen Seelenfrieden gefunden.

Dass ihn die Trump- und Brexit-Welt nicht kaltlässt, weiß man, und er lässt es in dem jazzig-souligen „Old Castles“ auch im Bild fallender Königreiche durchschimmern. Seine Absicht aber war es, „traumhafte, friedliche, pastorale Songs zu schaffen, in denen man sich verlieren kann“.

Und das ist ihm gelungen. Wobei der Weller-Folk niemals spröde ist – in britischer Verspieltheit werden die schönen Melodien mit pittoresken Soli gewürzt, werden Streicher, Bläser, Mellotron, Piano und Chöre hineingetupft. Wellers Gesänge sind wattig, wiewohl leidenschaftlich, erinnern zuweilen frappierend an den späten David Bowie des „Black Star“-Albums, vor dem er sich denn auch mit dem Song „Bowie“ verneigt.

Bei „May Love Travel With You“ (für seine acht Kinder) kippt das Hübsche dann in den Kitsch, aber es ist guter Kitsch, solcher wie ihn die Beatles mit „Good Night“ auf ihr Weißes Album packten. Mit deren Coverversionen begann Paul Weller einst seine Musikerkarriere und der Künstler Sir Peter Blake hat Wellers Konterfei 2012 auf eine neue Version seines „Sgt.Pepper“-Covers genommen. Von den vier Beatles ist darauf übrigens nur noch Paul McCartney zu sehen.

Paul McCartney: „Egypt Station“ (Capitol), erscheint am 7. September Paul Simon: „In The Blue Light” (Legacy),erscheintam 7. September Paul Weller: „True Meanings (Parlophone), erscheint am 14. September

Von Matthias Halbig / RND

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