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Weltweit Die zweite Frau von Theodor Storm
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11:27 13.09.2017
Bild aus der Verfilmung der Storm-Novelle „Der Schimmelreiter“. Quelle: epd
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Kiel

Jeden Morgen klopft sie an das Barometer, folgt der Bewegung des Zeigers. Stehen die Zeichen auf schön oder auf Sturm? Und das fragt die junge Doris Jensen im Husum Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus im doppelten Sinn. Für das Wetter hat sie sich schon immer interessiert, aber in dem Wetterglas scheinen sich auch die schwankenden Stimmungen des Lebens zu spiegeln. Und einer Liebe, die auf ihre Erfüllung lange warten muss. Der Schriftsteller Jochen Missfeldt erzählt sie in seinem neuen, zum 200. Geburtstag Theodor Storms am 14. September erscheinenden Roman „Sturm und Stille“.

Es muss eine seltsame, innige Geschichte gewesen sein zwischen Theodor Storm und Doris (Dorothea) Jensen, die 1867, zwei Jahre nach dem Tod von Constanze Storm, die zweite Frau des Husumer Dichters wurde. Mehr Dreieck als Zweisamkeit und eine Belastungsprobe für alle drei. Begonnen aber hat sie viel früher, schon in den Vierzigern und der Verlobungszeit Storms mit seiner Cousine Constanze aus Segeberg. Die junge Doris, Tochter des Husumer Holzhändlers Jensen, geht damals im Hause Storm ein und aus, besucht Storms Schwester Cäcilie, singt in seinem Chor und bemerkt bald, wie der smarte Anwalt sie erst beachtet, dann umflirtet. Natürlich genießt der Teenager die Aufmerksamkeit des elf Jahre Älteren, fühlt sich erst unschuldig geschmeichelt ob der Komplimente und Blicke und wird bald süchtig nach seiner Gesellschaft.

Theodor Storm Quelle: epd

Ein bisschen unbehaglich ist einem schon, wie Missfeldt so vorbehaltlos in die jugendliche weibliche Seele eintaucht, seine Heldin unmittelbar aus der Ich-Perspektive – wenn auch im Rückblick der 75-Jährigen – erzählen lässt. Aber der 1941 in Sartrup geborene Schriftsteller, der schon 2013 in seiner Storm-Biografie die unmittelbaren Bezüge zwischen Leben und Werk Theodor Storms herausgearbeitet hatte, tut das so erstaunlich unbekümmert und einer luftigen Prosa, dass man dieser Doris ihre unverbrauchte Backfisch-Naivität locker abnimmt.

Missfeldt ist in Briefe und Werk eingetaucht, hat sie als Gerüst und Inspiration genommen für ein geradliniges Frauenporträt, das auch als lebhaftes Zeitbild funktioniert – und nebenbei (für die Eingeweihten) vielfältig mit den Gedichten und Novellen Theodor Storms spielt. Zum Teil in wörtlicher Übereinstimmung, etwa wenn sich die Novelle „Wenn die Äpfel reif sind“ zu Doris‘ Erinnerung verdichtet. Das Gefühl für Natur und Wetterstimmungen teilt Missfeldt ohnehin mit dem Dichter; seine Schilderungen sind so sinnlich anfassbar, dass man das Spätsommerwetter zu Storms Hochzeit zu riechen meint oder die braunen Kuchen, die so nur Doris‘ Großmutter Mummy zu Weihnachten bäckt. Und auch das Spökig-Geheimnisvolle, das durch Storms Novellen wabert und die Realität ins Schwimmen bringt, greift Missfeldt auf und spürt ihm nach. So wird die nordfriesische Heide für die sturzverliebte Doris zum Dickicht, in dem sie sich ihrem Theodor hingibt.

Ob die Affäre der Gattin und der Husumer Gesellschaft irgendwann doch zuviel wurde? 1848 jedenfalls verlässt Doris die Stadt, um zunächst ausgerechnet in Segeberg bei den Eltern Constanzes eine Stellung anzutreten. Den damit beginnenden Wanderjahren seiner Protagonistin folgt der Autor im zweiten Teil. Nach Fobeslet und Neumünster. Aber auch nach Solsbüll, in jenes fiktive Dorf, dessen Gemeinschaft und Geschichten er seinen gleichnamigen, eben neu erschienenen Debütroman ausbreitet. Hier entdeckt Doris den Spaß am Kühemelken, fließen Impressionen aus Immenhof ein. Mit spürbarer Fabulierlust dröselt Missfeldt die Geschichte auf. Zwischen den Polen, die der Titel beschwört. Der Sturm mag nach ihrer Abreise vorüber sein, Doris‘ und Storms Liebe ist es nicht.

Jochen Missfeldt: Sturm und Stille. Roman. Rowohlt Verlag, 346 Seiten, 22 Euro.

Von Ruth Bender

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