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Glanz der Abwesenheit

Staatsoper Hannover Glanz der Abwesenheit

Tanzen? Zu Bob Dylan? Unmöglich. Darin sind sich Georg Reischl, David Blázquez und Yaron Shamir einig. Sie müssen es wissen. Tanzen ist ihr Beruf. Mittlerweile kreieren sie eigene Stücke. Das Ballett der Staatsoper unter Leitung von Jörg Mannes hat sie eingeladen, einen Dylan-Tanzabend zu entwerfen.

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Junge Choreografen zu Gast bei Ballettchef Jörg Mannes (am Bildschirm): Georg Reischl (links), David Blázquez, Yaron Shamir (ganz rechts).

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Der Titel des Abends lautet „Don’t Think Twice!“ nach dem gleichnamigen Song von Bob Dylan und stand bereits schon vor dessen Ehrung fest. Jörg Mannes hatte ihn wortspielerisch ersonnen. Doch mit der Entscheidung des Stockholmer Nobelpreiskomitees haben Dylans Songtitel und auch seine Person eine neue Aufmerksamkeit erfahren. „Als ich die Nachricht gehört habe, war meine erste Reaktion: Jetzt ist die Erwartungshaltung des Publikums erst recht groß. Mir hat das erst mal Angst gemacht“, sagt David Blázquez.

Doch der Druck fördere auch den kreativen Prozess, sagt der Spanier, der selbst Mitglied des Staatsballetts ist. Er und der in Berlin lebende Israeli Yaron Shamir haben als ausgewählte Teilnehmer von „Think Big“ bereits gezeigt, dass sie das Zeug haben, abendfüllende Produktionen zu präsentieren.

Der Österreicher Georg Reischl, ehemals Tänzer bei John Forsythe, hat unter anderem bereits für das Ballett Frankfurt und das Scapino Ballett Rotterdam choreografiert. Gastchoreografen hatte Mannes schon häufiger eingeladen. Doch dass er gleich drei Newcomern die Bühne überlässt, ist neu. Als Experiment will er das nicht verstanden wissen. Vielmehr sei es eine Konsequenz aus der angestoßenen Nachwuchsförderung, dass junge Choreografen Gelegenheit bekommen, ihr Können auf großer Bühne zu zeigen. Er gebe dabei Hilfestellungen, ohne sich in den Probenprozess einzumischen.

Auch untereinander tauschen sich die Choreografen aus. Allerdings wissen sie nur wenig über das Stück der jeweils anderen, obwohl sie alle nicht mit eigenen, sondern mit jeweils 20 Tänzern des Staatsballetts arbeiten. Erst bei der Generalprobe werden sie sehen, wer was aus dem Titel gemacht hat. Mit der Angst vor gegenseitigem Ideenklau hat das nichts zu tun. „Dafür sind unsere Tanzstile auch viel zu unterschiedlich“, sagt Georg Reischl.

Im Grunde sind es alles Motive, die auch Bob Dylans Werk bestimmen. Doch der größte gemeinsame Nenner in diesem dreigeteilten Tanzprojekt ist die für Dylan so charakteristische Eigenschaft, dass er immer und überall gern durch Abwesenheit glänzt: In keiner der Choreografien wird seine Stimme zu hören sein, keine der Arbeiten nimmt sich auch nur eines Teils seiner Biografie an. Nicht mal sein Name oder sein Konterfei tauchen auf. „I’m Not There“, der Dylan-Song, der auch titelgebend für Todd Haynes preisgekrönte Filmbiografie war, wäre womöglich passender gewesen.

Von Kerstin Hergt

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