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Fantasie und Widerspruchsgeist

Doppelausstellung in der Kestnergesellschaft Fantasie und Widerspruchsgeist

Ja, ist denn ein Unglück geschehen? Vielleicht ein Mord? Gehört das Dinnerjacket, das in trübem Wasser treibt, vielleicht dem Gast von einer jener New Yorker Vernissagen, die Rochelle Feinstein als so unerträglich oberflächlich empfindet?

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Rochelle Feinstein vor „Love Your Work“.

Quelle: Behrens

Hannover. Aber wo ist dann die Leiche? Etwa von jenem Krokodil verschluckt, das sich wenig später träge aus dem Bild bewegt?

Vor allem aber: Darf man so abgründig wild drauflos spekulieren, im Angesicht von zeitgenössischer Kunst? Schließlich taucht das Krokodil in der Videoarbeit „Crossing“ auf, in der zuvor das untergetauchte Dinnerjacket zu sehen ist. Schließlich hat dieses Video, das im Erdgeschoss des einstigen Goseriedebades läuft, erstmal nichts mit Rochelle Feinstein zu tun, deren Arbeiten ein Stockwerk höher gezeigt werden - in der neuen Doppelschau der Kestnergesellschaft: „Make It Behave“ heißt die Feinstein-Ausstellung, „Abyss Film“ ist der Titel der Sound- und Videoinstallationen der US-Experimentalfilmerin Leslie Thornton und des Briten James Richards - die Werke der drei Künstler im Gefolge der Konzeptkunst laden zu einem assoziativen Umgang ein.

Immerhin heißt Abyss ja Abgrund, und auch Rochelle Feinstein gefallen wilde Spekulationen zweifellos besser als die oberflächlichen Komplimente, die Künstler in Manhattan oft zu hören bekommen. „Wonderful“ oder „Love Your Work“, das sind Bekenntnisse, auf die sie gut und gern verzichten kann. Die New Yorkerin Feinstein dreht den Spieß in vielfachem Sinne um: Sie zitiert die Floskeln, gibt sie gespiegelt zurück, schneidet den Artigkeiten dabei oft einfach das Wort ab. Das lässt sich in der Kestnergesellschaft anhand von mehreren Werkgruppen beobachten, die „Love Your Work“ heißen oder auch „Wonderful“ und die mit Collagen, Drucktechnik oder Malerei irgendwo zwischen Minimal Art und Arte Povera jedem konventionellen Schönheitsverständnis Hohn sprechen. Überhaupt, die Konvention: „Make It Behave“, ein Appell zu honettem Benehmen, ist auch der Titel eines Bildes, dessen leicht verrutschte Linien auf weißem Quadrat einerseits auf Kasimir Malewitsch verweisen, andererseits die Frage aufwerfen, ob Avantgarde-Ansprüche nicht selbst zur konventionellen Pose geronnen sind. Und dass Feinstein genau 40 Jahre nach „Flag“, der Sternenbanner-Ikone von Jasper Johns, ein Ölbild mit aufgenähtem schmuddeligem Geschirrtuch wiederum „Flag“ nennt, ist in den USA als Provokation verstanden worden.

„Rochelle Feinstein lotet aus, wie die Kunst durch den Alltag, durch das Leben und Erleben beeinflusst ist“, sagt Christina Végh, die Direktorin der Kestnergesellschaft, „und sie setzt auf den Dialog mit dem Publikum, appelliert an dessen Fantasie und Widerspruchsgeist gegenüber den herrschenden Benimmregeln.“

In vielfältigen Dialogen ist auch die Doppelausstellung entstanden, mit der sich Christina Végh als Netzwerkerin erweist - in diesem Fall sogar zwischen sechs Ausstellungshäusern: Die Feinstein-Schau war schon im Genfer Centre d’Art Contemporain und dem Münchner Lenbachhaus zu sehen und wird 2018 im Bronx Museum of the Arts gezeigt. Die Ausstellung des Medienkünstlers James Richards wird in Kooperation mit der Bergen Kunsthall und dem Institute of Contemporary Arts in London präsentiert. Das mit Leslie Thornton erarbeitete Video „Crossing“ hat seine Deutschland-Premiere in der Kestnergesellschaft. Es ist 19 Minuten, zwölf Sekunden lang und so genau eine Sekunde kürzer als Richards reine Soundarbeit „Crumb Mahogany“.

Und wie war das mit dem Mordverdacht? Nun, „Crumb Mahogany“ heißt auf Deutsch zwar „Krümel Mahagoni“, doch mit Kleinkram hält sich Richards bei dieser Sechskanalinstallation nicht auf: Die Melange aus Chorgesang und Straßengeräuschen, natürlichen und elektronischen Klängen ist teils mörderisch laut.

2 Rochelle Feinstein: „Make It Behave“ und Leslie Thornton, James Richards: „Abyss Film“. Bis 5. Februar 2017 in der Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11.

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