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Weltweit „Tully“ – Die etwas andere Mary Poppins
Nachrichten Kultur Weltweit „Tully“ – Die etwas andere Mary Poppins
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09:46 30.05.2018
Perfektes Team: Nanny Tully (Mackenzie Davis, l.), Baby, Mama Marlo (Charlize Theron). Quelle: Kimberly French / Focus Features
Hannover

Die ersten Gratulanten stehen schon bei Marlo im Krankenhaus. Ihr Bruder Craig und dessen Frau herzen und küssen das Baby und zeigen sich so begeistert, wie man es gemeinhin tut, wenn neues Leben auf diesem Planeten entstanden ist. Marlo (Charlize Theron) liegt derweil in ihrem Bett, und ihr Gesicht ist – tja, leer, gezeichnet von den Strapazen der Geburt. Vom Glück einer Mutter ist keine Spur zu entdecken.

Die dunklen Seiten des amerikanischen Familienlebens

Könnte aber auch sein, dass Marlo schon ahnt, dass die nächsten Monate noch viel strapaziöser werden dürften mit nun drei Kindern, von denen der mittlere Sohn Jonah autistische Anwandlungen zeigt und sowieso schon ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Als ihr die so schrecklich perfekte Schwägerin das Baby wieder in den Arm drücken will, verweist Marlo auf die Wiege im Zimmer und saugt ungerührt weiter am Strohhalm ihres Drinks. Die paar Momente Ruhe im Krankenhaus gehören ihr.

Von natalen Depressionen wird (nicht nur) im familienseligen US-Kino eher selten erzählt. Wenn aber jemand Spaß daran haben könnte, den dunklen Seiten des Familienlebens nachzuspüren, dann Regisseur Jason Reitman und seine Drehbuchautorin Diablo Cody.

Die beiden verfolgten schon in ihrer Independent-Sensation „Juno“ (2007) und später in der weniger erfolgreichen Komödie „Young Adult“ (2011) die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, ohne über den Ernst der Lage ihren Humor zu verlieren. Das Duo versteht sich darauf, im Deprimierenden die komischen Aspekte zu sehen. Das ist auch in „Tully“ so.

Jason Reitman knöpft sich eine Frau in der Mittlebenskrise vor

Nun knöpfen sich die beiden eben Marlo in der Midlife-Crisis vor. Mit Anfang 40 wollte sie das dritte Kind gar nicht, ihren Job muss sie bis auf Weiteres sausen lassen, und sie hat das Gefühl, dass ihr schwerfälliger Körper nicht zu der Frau gehört, als die sie sich selbst kennt.

Bald schon droht sie im ewigen Einerlei von Wickeln, Stillen, Kinderorganisation unterzugehen. Und gerade jetzt will die Direktorin auch noch Problemsohn Jonah wegen seiner akuten Schreianfälle von der Schule verbannen.

Marlos Mann Drew (Ron Livingston) ist keine große Hilfe. Entweder ist er mit seinem Rollköfferchen verschwunden zum nächsten Jobtermin (beim George-Clooney-Vielfliegerfilm „Up in the Air“ führte Reitman auch Regie), oder er verschanzt sich hinter dicken Kopfhörern und spielt Ballervideos, während seine Frau der permanente Schlafentzug an den Rand des Nervenzusammenbruchs und manchmal auch darüber hinaus bringt. Jederzeit könnte diese fragile Einheit namens Familie kollabieren.

Die „Night Nanny“ – ein „Ninja“ im Dienst der Kinder

Aber da ist ja noch das Angebot von Bruderherz Craig: Er hat Marlo eine „Night Nanny“ geschenkt, die nachts - natürlich bis aufs Stillen – alles übernehmen soll, was Mama Stress und Kummer bereitet. Am nächsten Morgen sei die Nanny – eine Art „Ninja“ in im Dienst der Kinder, wie Craig sagt – wieder verschwunden.

Bislang hat Marlo das Angebot entrüstet abgelehnt. Man muss sich doch selbst um die Liebsten kümmern und kann das Familienleben nicht einfach outsourcen, wie man es mit anderen Dienstleistungen tut! Hausputz und Kindererziehung seien schließlich nicht das Gleiche. Aber dann greift Marlo zum Telefon – und von nun an nimmt ihr Leben eine wundersame Wendung.

Allabendlich taucht Tully (Mackenzie Davis) auf. Mary Poppins ist nichts gegen diese mutmachende Besucherin, die immer genau den richtigen Ton trifft, die passende Hilfe anzubieten weiß und nebenbei auch noch Kekse backt. Tully erinnert Marlo allerdings auch daran, wie sie selbst einmal war – energiegeladen, furchtlos, zupackend. Dann brach der Alltag als Mutter über sie hinein.

Dass mit Tully etwas faul ist, ahnt man früh

Ganz allmählich ahnt Marlo, dass da ein neuer Lebensabschnitt für sie begonnen haben könnte und der Blick zurück sie nicht unbedingt zufriedener macht. Jedenfalls kommt Marlo wieder zu Kräften – und weiß gar nicht mehr, wie sie ohne Tully klarkommen würde.

Dass da etwas faul sein könnte, ahnt man bald. Tully ist einfach eine zu perfekte Erscheinung. Tatsächlich halten der Regisseur und seine Drehbuchautorin eine Pointe parat, die weniger aus dem Komödien- als aus dem Horrorgenre zu stammen scheint.

Aber das ist immerhin eine erfrischende Idee. Auch als Vater Drew endlich Verantwortung übernimmt, ist das nicht restlos überzeugend, dafür aber sympathisch: „We love us“, sagt er seiner Frau, als die Geschichte dann doch noch eine dramatische Wendung genommen hat.

Superbe Vorstellung von Charlize Theron

Aber egal, bis dahin erfreuen wir uns an der superben Vorstellung von Charlize Theron, die Lust hatte, mal wieder ihr Starimage zu konterkarieren – so wie bei ihrem Oscar-Film „Monster“ (2003), in dem sie eine männerkillende Serienmörderin spielte. Viele Kilos hat sich die Schauspielerin für ihren Mutterjob angefuttert, die sie hinterher nur mit größter Mühe wieder los wurde.

Vermutlich werden wir sie jetzt auf ewig als depressive Mama in Erinnerung behalten, die nachts in einer verwüsteten Wohnküche mit Wabbelbauch hockt und aus ihren Brüsten Milch fürs Baby abzapft.

Von Stefan Stosch / RND

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