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Weltweit Gemälde Künstlicher Intelligenz: Edmond de Belamys Porträt bringt 432.000 Dollar
Nachrichten Kultur Weltweit Gemälde Künstlicher Intelligenz: Edmond de Belamys Porträt bringt 432.000 Dollar
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10:07 26.10.2018
Kunst aus dem Computer: Ein Algorithmus hat das Porträt von Edmond de Belamy entworfen. Quelle: Christie’s
New York

Edmond de Belamy scheint sich zu ducken. Die Formen von Nase und Wangenknochen verlieren sich in der fleischigen Breite seines Gesichtes. Seine Augen sind dunkle Schatten, der Mund schmal und klein, die Lippen sind schüchtern geschürzt. Es sieht fast so aus, als ob er sich aus dem Bild zurückziehen wolle. Schließlich verschmilzt der breite Rücken mit dem dunklen Hintergrund.

Plötzlich bricht das Schwarz auf der Bildfläche ab, das Helle der Leinwand tritt am Bildrand hervor. Über allem liegt eine Art Hahnentrittmuster, das unverkennbare Zeichen des Künstlers – bunt schillernde digitale Schlieren. Beim Auktionshaus Christie’s steht dieses Neulingswerk bis Donnerstag in New York zum Verkauf. Der Schätzpreis: 7000 bis 10.000 Dollar – ein solider Einstiegspreis.

Am Donnerstag kam das Gemälde am Ende der zweitägigen Auktion von Christie’s unter den Hammer. Fünf Bieter trieben den Preis dann aber heftig in die Höhe. Den Zuschlag bekam ein anonymer Bieter am Telefon bei gut 432.000 Dollar, was etwa 380 000 Euro entspricht.

Schafft Künstliche Intelligenz den Künstler ab?

Doch Edmond de Belamy hat nie existiert. Und der Künstler? Auch der hat nie gelebt. Es ist ein Algorithmus, der das Bild geschaffen hat. Computerkunst. Schafft künstliche Intelligenz hier den Künstler ab? Mitnichten. Denn hinter der Erfindung der Belamys steht das junge französische Künstlerkollektiv Obvious. Das sind drei Freunde, die spielerisch mit künstlicher Intelligenz experimentieren. Pierre Fautrel, Hugo Caselles-Dupré und Gauthier Vernier haben ein Computerprogramm mit 15.000 Bildern aus der Kunstgeschichte gefüttert. Ein Algorithmus entwirft, basierend auf der Bilderdatenbank, ein neues Bild, ein zweiter Algorithmus prüft dieses Bild: Entspricht es den anderen Bildern aus der Datenbank? Die beiden Algorithmen lernen dabei, welche Merkmale Kunst ausmachen. Sie üben so lange, bis sie feststellen: Das ist Kunst – zumindest nach technischen Parametern. Diese Fähigkeit zum Selbstlernen macht das Computerprogramm zur künstlichen Intelligenz.

Es ist nicht das erste Mal, dass KI in der Kunst eingesetzt wird. Die App Deep-Art etwa ist imstande, beliebige Fotos in ein Bild im Stil eines Gemäldes wie van Goghs „Sternennacht“ umzuwandeln. Die Bilder des Programms Painting Fool (zu Deutsch: malender Narr) sind nicht ohne Weiteres als maschinengemacht erkennbar. Der Entwickler dahinter, der Londoner Informatiker Simon Colton, hofft, dass der „Fool“ einmal als eigenständiger Künstler akzeptiert wird. Durch die Versteigerung bei Christie’s bekommt die KI-Kunst nun eine neue Dimension.

Die Belamy-Serie zeigt Spuren der Kunstgeschichte

Es gibt noch zehn weitere Porträts aus der Belamy-Serie. Die Gesichter sind verwischt, die Gesichtszüge verschoben, das erinnert an den Stil von Gerhard Richter. Die elf Familienmitglieder der angeblich adeligen Belamys wirken wie Figuren, die einem im Traum begegnet sind und an deren Formen man sich nach dem Aufwachen nur schwach erinnert. Das Porträt von Edmond de Belamy mutet an wie aus der Spätzeit des Impressionismus, als der Expressionismus schon heraufdämmerte.

Die Serie der elf Belamy-Bilder trägt Spuren der Kunstgeschichte: In einem Bild fühlt man sich an die Porträts von Otto Dix erinnert, ein anderes zeigt Züge aus Picassos kubistischer Phase. Die Schritte, die die Maschine machen muss, um zu solchen Bildern zu gelangen, sind technisch komplex. Doch sind sie auch kreativ?

Der künstlerische Schaffensprozess besteht aus dem Machen, Wiedermachen, Falschmachen, Scheitern, auch mal Verzweifeln, Neumachen und Andersmachen. Dahinter steht eine selbst entwickelte Fragestellung, ein Antrieb, ein Wille. Während dieses Prozesses gleicht der Künstler das künstlerische Produkt mit seiner Intention ständig ab.

Der Antrieb des Algorithmus: Äußerlichkeiten

Der Algorithmus wägt ebenfalls ab, allerdings rein nach Äußerlichkeiten. Sieht das Bild schon nach Kunst aus – wie die anderen Bilder aus der Datenbank? Er speist seine Erfahrung aus der Kunstgeschichte, nicht aus dem Leben. Kein Antrieb von innen, sondern ein Befehl von außen.

Hinzu kommt die Autorenschaft: Denn die Bildwerdung funktioniert bei Obvious nicht ohne menschliches Zutun. Zunächst haben die drei Herren des Kollektivs Obvious die Auswahl aus der Datenbank getroffen. Außerdem haben sie ihrem Algorithmus eine Aufgabe gestellt: Kreiere ein Porträt, das sich an Herrschaftsbildern orientiert. Damit liegt die wesentliche Gestaltung des Werkes bei ihnen. Hinzu kommt die Präsentation, ein Aspekt, der für Künstler grundlegend ist: Das Künstlerkollektiv wählte die Größe der Leinwand aus, auf die das Bild gedruckt wird, und den Rahmen – golden und üppig.

Wenden sich Künstler durch den Einsatz künstlicher Intelligenz stärker dem Konzept zu?

Der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Kunst steht erst ganz am Anfang. Ein Zukunftsszenario: Durch ihren Einsatz könnten die Möglichkeiten der Gestaltung erweitert und datenbankbasiertes Arbeiten könnte erleichtert werden. Auch die Entwicklung der Fotografie hat den künstlerischen Ausdruck erweitert – nicht nur als eigenes Genre. Weil die Malerei nicht mehr den Anspruch haben musste, die oberflächliche Wirklichkeit abzubilden, wendeten sich die Maler von dem realen Abbild ab und der Abstraktion zu.

Analog dazu könnten sich Künstler in Zukunft den künstlerischen Konzepten zuwenden und die Ausführung einem Algorithmus überlassen. Künstliche Intelligenz würde so nicht selbst zum Künstler, sondern zu dessen Werkzeug.

Von Geraldine Oetken / RND

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