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Weltweit „Ich würde den Text restlos entfernen lassen“
Nachrichten Kultur Weltweit „Ich würde den Text restlos entfernen lassen“
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12:50 31.01.2018
Mit dem Gedicht ihres Vaters um die Welt: Beiträge zur Instagram-Guerilla-Aktion von Nora Gomringer. Quelle: Gomringer
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Sie haben das Vorwort zum Band „Lautstärke ist weiblich“ geschrieben, der Texte von 50 Slampoetinnen versammelt. Darin heißt es, dass Poesie von Frauen bislang als „Mädchenlyrik“ abgetan wurde. Haben Sie als deutsche Slam-Poetry-Meisterin und Bachmann-Preisträgerin solche Erfahrungen gemacht?

Nein. Ich hatte Glück. Wenn jemand das über mich dachte, wurde es hinter meinem Rücken gemurmelt. Obwohl, Kollege Thomas Kunst hat mal eine Persiflage geliefert zu einem meiner Texte über den Holocaust. Ob er mich als Mädchenlyrik-Fabrikantin sieht, weiß ich nicht. Ist auch nicht wichtig. Ein kluger Mann in Japan hat mir gesagt: „Es ist jedem gestattet, seine Welt aus eigenen Missverständnissen zu bauen.“ Allerdings warne ich Nachwuchskolleginnen, dass man auch auf Bedrohungen gefasst sein muss. Weiblich und im TV, das löst viele Aggressionen aus, die sich dann Bahn brechen im Netz. An manchen Tagen nehme ich es auf mit den Trollen in den sozialen Netzwerken, an anderen Tagen wünschte ich, sie blieben unter der Brücke, unter der sie wohnen.

Nora Gomringer. Quelle: Picasa

Es brennt eine Debatte über ein Gedicht Ihres Vaters, das von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernt werden soll. Sie sind selbst feministische Lyrikerin, haben ein Gedicht namens „Abschied vom emanzipierten Rock“ geschrieben. Was waren Ihre Gedanken, als ausgerechnet Ihrem Vater Sexismus unterstellt wurde?

Ich bin mit einer Art Haushaltsfeminismus aufgewachsen. Es wäre niemandem in meiner Familie nach sieben Söhnen eingefallen, mich als weniger wertvoll zu behandeln. Meine Eltern waren stets viel mit sich selbst beschäftigt, ich war ein Dorfkind und habe irre viel ferngesehen und Gedichte gelesen. Dazu habe ich gerne und viel gegessen und schlecht Klavier gespielt. Feminismus bedeutet für mich auch, sich Zeit lassen zu dürfen, „Frau“ zu werden. Biologisch, soziologisch, rollenspielerisch. Seit ich das Künstlerhaus Villa Concordia leite, ist mir erst bewusst geworden, welche Wege die Emanzipation zu gehen hat. Mein Vater war 27, als er das Gedicht „Avenidas“ geschrieben hat, und ich denke heute, wie revolutionär es damals im Jahr 1953 war, so einen Text vorzulegen, und wie wenig weit vom geistigen Fleck wir gekommen sind, dass dieser Text immer noch so viel Aufregungspotenzial hat. Heutzutage aber so im Grundnegativen und nicht wegen seiner bahnbrechenden Form, sondern seines Inhaltes.

In der Debatte werden nun diejenigen, die den Protest gegen das Gedicht initiierten, als eben jene feministischen Krawallnudeln verschrien, die Sie im Vorwort des Sammelbandes „Lautstärke ist weiblich“ als Schwestern im Geiste beschwören. Wie fühlt sich das an, wenn Ihnen plötzlich AfD-Politiker auf die Schulter klopfen?

Das ist zum Kotzen. Und besorgt und amüsiert mich und zeigt, wie schnell man – obwohl das sicher keiner wollte an der Hochschule, die haben ja selbst sehr böse und verletzende Dinge erfahren – „Opfer“ einer nicht selbst auf den Plan gerufenen Kampagne wird. Ich feixe, dass sich die AfD da einsetzt für das Gedicht eines Immigranten.

Zur Person und zur Debatte

Die Tochter des bolivianisch-schweizerischen Autors Eugen Gomringer wurde 1980 geboren und ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen. Sie erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis 2015. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet. Zur Debatte: Seit sechs Jahren prangen an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule die 20 spanischen Worte des Gedichts „Avenidas“ von Eugen Gomringer. Sie lauten übersetzt: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. Den Asta der Hochschule erinnert das Gedicht an sexuelle Belästigung. Der Akademische Rat beschloss jüngst, ab Herbst jährlich die Hausfassade zu erneuern, mit einem Gedicht des aktuellen Lyrikpreisträgers der Schule. Kritiker sehen darin ein Beispiel für überzogene politische Korrektheit.

Sie haben eine Instagram-Protestaktion gestartet. Wie sieht die aus?

Ich habe Schablonen und Sticker des Gedichts angefertigt, zusammen mit dem Grafiker Sebastian Magnus. Ich nehme sie mit auf meine Lesereisen ins In- und Ausland, verschenke sie und bitte darum, dass die Leute das Gedicht quasi statt eines Spray-Tags nutzen. Hunderte von Menschen haben die Sticker schon bei mir bestellt. So wächst die Instagram-Galerie #avenidaswall. Ich liebe solche Guerilla-Poesie-Aktionen. Ich bin ein altes Hip-Hop-Girl, für mich ist tagging Kunst und Selbstverstärkung in der Welt. Weil ich aber son altes Girl bin, hab ich den Sticker auf Rückstandslosigkeit geprüft. Es soll kein Gebäude an diesem Gedicht leiden.

Was sagt Ihr Vater zu der Debatte?

Er ist gewandelt von amüsiert, irritiert, zu kampfeslustig. Derzeit sind wir gehetzt und k.o. allesamt. Die Hochschule-Leute und wir. Wenn es eine Debatte unter Vermieter, Mieter, Wandbesitzer und Dichter gegeben hätte, wäre alles anders gelaufen. Ich wäre da übrigens wohl eitler als mein Vater, würde den Text restlos entfernen lassen.

Plötzlich analysieren die Feuilletons das Gedicht bis ins Mark, sinnieren etwa wie die „Süddeutsche“ über ein „fehlendes lyrisches Ich“. Ist das ein positiver Nebeneffekt, dass Gedichtinterpretation plötzlich titelfähig ist?

Die Konkrete Poesie steht seit den Siebzigerjahren im Schulbuch. Sie ist die einzige Erfindung in der deutschsprachigen Literatur seit 1945. Eugen Gomringer hat vor dem Alice-Solomon-Lyrikpreis vor sechs Jahren keine einzige Auszeichnung für sein Werk durch eine Literatur-Jury erhalten. Das Unwissen rund um dieses literarische Vermächtnis, das ihn zu einem weltweit bekannten Lyriker gemacht hat, ist sträflich. Wir Lyriker sind nicht so leicht zu erstaunen. Wir wissen, wie stark das Material ist, mit dem wir täglich umgehen. Dass die anderen das immer wieder auftun und sich dann Entdecker wähnen, amüsiert uns, macht aber wenig Welle in unserem Werk. Wir müssen ja schreiben, arbeiten mit der Sprache, so oder so.

Eins Ihrer Gedichte aus dem Lyrikband „Moden“ widmen Sie der Clutch. Was tragen Sie in Ihrer Handtasche stets mit sich herum?

Meinen Mann (eine kleine schwarze, behaarte Kreatur mit Krawatte, mit der ich Filme und Fotos aufnehme). Dazu im Matroschka-System weitere Taschen: eine für Kosmetika und Medizin, eine für Stifte und einen Mac-Adapter, Lektüre (Gedichte!), einen Geldbeutel, Schlüssel. In eine Clutch passt mein Mann nicht. Ich achte darauf, dass selbst Abendgarderobe bei mir Hosentaschen aufweist.

Von Nina May/RND

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