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Weltweit Isolation Berlin entfacht musikalisches Inferno
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00:20 08.05.2018
Sang sich förmlich in Ekstase: Isolation-Berlin-Sänger Tobias Bamborschke. Quelle: Linnhoff
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Göttingen

Als Support, der eigentlich keiner war, spielte die sechsköpfige Hamburger Band Swutscher um den Sänger und Gitarristen Sascha Utech das Publikum warm. Zur Einstimmung lassen sie Kinderlieder aus den Boxen kommen. Utech steigt ein mit „Meine Püppi und ich bis ans Ende der Welt....“ und nach kurzem Anzählen geht die Band mit „Drahtesel“ und einem Hauch von Western-Flair richtig ab. Auch „Im Westen“ von dem neuen Album „Wilde Deutsche Prärie“ rumpelt und schunkelt druckvoll vor sich. Diese großartig aufspielende Band sollte unbedingt eine zweite Chance als Hauptact bekommen. Das Zeug dazu hat sie allemal.

Wut, Melancholie, Sehnsucht, Verzweiflung und Desillusion

„Berlin schmerzt“ hat schon vor vielen Jahren der durch einen Suizid 2001 verstorbene niederländische Rockmusiker Herman Brood festgestellt. Das ihr heutiges Berlin nicht nur Party, Fortschritt und Tourismus ist, sondern auch viele dunkle und hässliche Seiten hat, lassen die vier Musiker von Isolation Berlin deutlich raus. Wut, Melancholie, Sehnsucht, Verzweiflung und Desillusion rufen auch in ihrem zweiten Album „Vergifte Dich“ nach Gehör.

Sänger und Gitarrist Tobias Bamborschke beschreibt seine Texte „als Collage aus ganz vielen Sätzen und Worten, die zusammen ein Gefühl geben“. Gemeinsam mit Gitarrist und Keyboarder Max Bauer, den er in einer Kneipe kennenlernte, hat Bamborschke die Band ins Leben gerufen. Die beiden wurden unzertrennlich, komponierten erste Songs und fanden in Schlagzeuger Simeon Cöster und Bassist David Specht die passenden Musiker für ihr Projekt.

Mit „Annabelle“ rocken sie sich ein

Ihre Musik wollen sie in keine Kategorie gefasst sehen. Der Begriff „Indie-Rock“ ist ihnen zu sinnentleert und abgegriffen und sie geben an, kein Konzept zu haben, weil Konzepte nur einschränken würden. Ihre Musik bewegt sich irgendwo zwischen der Emotionalität und Kraft von Rio Reisers Ton, Steine, Scherben, dem düsteren Post-Punk-Feeling Joy Divisions und der Melancholie Element Of Crimes, für die sie auch schon den Support gegeben haben.

Mit „Annabelle“ rocken sie sich ein, mit „Serotonin“ und dem schönen „Antimaterie“ folgen Songs vom neuen Album. In „Marie“ arbeitet Bamborschke eine vergangene Beziehung auf. „Deine Worte trüben nur die Quelle meine Gedanken, aus der, seit du gegangen bist, wieder ein klares Bächlein fließt...“.

Zermürbend, berauschend und inspirierend zugleich

„Wenn ich eins hass’, dann ist das mein Leben, und wenn ich noch was hass’, dann ist das mein Zustand...“ singt er anschließend selbstkritisch, klagend mit nöliger Stimme zu düsteren Drums und heulender Gitarre. Bamborschke kam als Kind nach Berlin, ist dort aufgewachsen und ist nach eigener Aussage letztendlich an der Stadt zerbrochen, empfindet aber die Isolation und Anonymität Berlins zermürbend, berauschend und inspirierend zugleich.

Mit dem „gut gemeinten Tipp“ „Vergifte Dich“ ist die Warmlaufphase vorbei und die Band steigert sich langsam mit krachendem Rock hin zu einem lautstarken Inferno. „Die Leute“ wird begleitet von knüppelharten Drums und zuckendem Stroboskoplicht. Bamborschke windet sich um sein Mikrofon, während er Zeilen wie „... Die Leute reden mir zu viel, die Leute sagen mir zu wenig...“ gebetsmühlenartig wiederholt.

Bamborschke singt sich förmlich in Ekstase

Den letzten Song widmet Bamborschke sich selbst „weil er sich so lieb hat“, um dann hoffnungslos in der Isolation Berlins zu versinken. Und wenn er sich in der Zugabe „Alles Grau“ mit Zeilen wie „...ich hab´ wirklich keine Hoffnung mehr...ich hab´ wirklich keine Tränen mehr...“ förmlich in Ekstase singt, ist er auch Rio Reiser sehr nah.

Am Boden liegend ruft Bamborschke dann mit letzter Kraft und Megafon-Stimme selbstironisch „Hier spricht die Polizei, machen Sie bitte sofort diese Musik aus“! Trotz aller Trostlosigkeit und Kälte versprühen die Songs von Isolation Berlin eine unglaubliche Kraft und Energie.

Von Jörg Linnhoff

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