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Weltweit Leipziger Buchmesse 2019: Ein Rausch der Literatur
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15:39 21.03.2019
Manga und Literatur: Die Leipziger Buchmesse 2019 stößt auf die Manga-Comic-Con. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Leipzig

Auf dem Boden vor der Messehalle 1 kleben Halteverbotschilder. Es ist die Halle der Manga-Comic-Con (MCC), und den Raum davor brauchen Cosplayer, um ihre aufwendigen Kostüme zurechtzuzupfen, sich und einander zu fotografieren, einfach da zu sein. Also verschwinden die Schilder schon bald unter ihren Plateauschuhen und Plüschhufen. Man versucht einiges, um die Koexistenz von MCC und Leipziger Buchmesse so angenehm wie möglich zu gestalten, hat sogar eine Cosplay-Beauftragte als Vermittlerin an Bord geholt.

Von den insgesamt 2547 Verlagen aus 46 Ländern gehören 350 zur Manga-Comic-Con – und 50 zur Antiquariatsmesse, die zum 25. Mal stattfindet. Dort geht es gediegen und ruhig zu, ist nur dieses Summen zu hören, jener Buchmesse-Sound, der in Intervallen zu Applaus anschwillt, der von den Lesebühnen und aus den Leseforen dringt, bevor er weitergeht: mit dem nächsten Autor, der nächsten Begegnung, dem nächsten Stück Literatur – einem Blick auf die Gegenwart, in die Fantasie, die Welt.

Der Ton der Buchmesse: Toleranz und Vielfalt

In diesen Sound mischt sich eine Melodie, die Jahr für Jahr variiert: Das sind die großen oder die wichtigen Themen, die Aufreger oder Trends. Viele Jahre waren es E-Books, Digitalisierung überhaupt, oft das jeweilige Gastland. Den Ton dieser Leipziger Buchmesse hat der Festakt zur Eröffnung am Mittwochabend im Gewandhaus vorgegeben. Dort wurde nicht nur der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung an die Publizistin Masha Gessen verliehen für ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ (Suhrkamp). Dort wurden von allen Rednern Verständigung, Verständnis und Verstehen beschworen. Da sind sich die Vertreter aus Politik und Kultur einig.

Der Stand des Gastlandes Tschechien bei der Buchmesse 2019 in Leipzig. Quelle: Jan Woitas/dpa

Für „Toleranz und Vielfalt“ wirbt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels über den Drehkreuzen an den Eingängen zur Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag ihre Türen geöffnet hat. Bis Sonntag werden rund 280 000 Besucher erwartet. Gastland ist Tschechien, und unter den rund 3600 Veranstaltungen beim Fest „Leipzig liest“ sind auf der Messe und in der Innenstadt viele Diskussionsforen geplant, in deren Zentrum das politische Buch steht. Oder nur das Politische.

Als Marianne Birthler und Adam Michnik auf dem Podium im „Café Europa“ platzgenommen haben, staunt die Moderatorin, dass „so wenig Leute gekommen sind“. Es ist 12 Uhr mittags, die beiden „Ikonen der friedlichen Revolution“ sollen über das Jahr 1989 sprechen – und es ist wirklich jeder Stuhl besetzt. Allerdings bleiben, nachdem die Schulmädchen, die sich nur ausruhen wollten, weitergezogen sind, noch Teppichplätze frei. So hoch also sind die Erwartungen ans Interesse und an ein Thema, das unter der Überschrift „The Years of Change 1989–1991 Mittel-,Ost- und Südosteuropa 30 Jahre danach“ für drei Jahre einen Schwerpunkt bildet. Marianne Birthler, einst Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, gibt den Ton vor, wenn sie als erstes klarstellt, dass nicht der 9. November, der Mauerfall, den Ostdeutschen die Freiheit gebracht hat, sondern der 9. Oktober.

Mehr zum Thema:
Leipziger Buchmesse – Schreiben im Gastland Tschechien

Die Leipziger Buchmesse ist auch unpolitisch

Drumherum geht es in den vier Messehallen auch mal unpolitisch zu, wenn in der Steinbuchwerkstatt die Bücher garantiert schwer wiegen, die edition bodoni den Bleisatz aufleben lässt, der Sellmer Verlag die kommenden Adventskalender ausstellt. Aus dem Musikcafé dringt rhythmisches Klatschen – dort erklärt Ekkehard Vogler ein „Algorithmisches Klanglabor!“. Kurz darauf wird im Congress Center die Frage gestellt: „Den Mathematikunterricht der Schuleingangsphase sprachsensibel gestalten – notwendig oder überflüssig?“ Die Tür steht offen. Entdecke die Möglichkeiten.

Am ersten Tag der Leipziger Buchmesse drängen die Besucher durch die Messehallen – direkt nebenan: eine Mangamesse. Quelle: Sebastian Willnow/dpa

Währenddessen sorgen in den Gängen wippende Hasenohren der Cosplayer für Frühlingsstimmung, an den Ständen der Verlage zeigt sich die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgerufene Aufbruchstimmung in ambitionierten Herbstprogrammen, um die es jetzt schon geht. Die Branche freut sich zum Jahresbeginn über ein Umsatzplus von 4,5 Prozent, und Kristin Rosenhahn von hanserblau über einen Überraschungserfolg. Das neue Imprint des Hanser Verlags ist mit seinem ersten Programm in Leipzig, das „die populäre und bunte Schiene“ bedienen soll. Acht Bücher im Frühjahr, acht im Herbst will das dreiköpfige Team mit Sitz in Berlin herausbringen, wobei die Autoren populär sein sollen oder die Themen, gern „niederschwellig erzählt“. Rocko Schamonis Roman „Große Freiheit“ führt das erste Programm an, für die Überraschung aber hat „Agathe“ gesorgt, das Debüt der dänischen Autorin Anne Cathrine Bomann über einen alternden Psychiater, der noch eine letzte Patientin annimmt. Der Name hanserblau steht für die Blaue Stunde „eine Zeit des Eintauchens, der Inspiration und Zwiesprache“. Da brandet schon wieder irgendwo Applaus auf in der Messehalle 3. Weiter geht’s.

Von Janina Fleischer

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