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Weltweit König will Statuten des Nobelpreis-Gremiums ändern
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10:46 19.04.2018
Der schwedische König Carl XVI. Gustaf ist der Schutzpatron der Schwedischen Akademie. Quelle: dpa
Stockholm

Man dachte ja, mit der Auszeichnung des Musikers Bob Dylan wäre das Schockpotenzial der ehrwürdigen Schwedischen Akademie bereits ausgereizt. Doch jetzt erschüttert eine Affäre die Grundfesten jener Institution, die seit mehr als 100 Jahren den Literaturnobelpreis vergibt.

König Carl XVI. Gustaf höchstpersönlich musste nun als Retter einspringen, er will die jahrhundertealten Statuten des Literaturnobelpreis-Gremiums ändern. Bisher wurden die 18 Sitze in der Jury für den Literaturnobelpreis auf Lebenszeit vergeben. Erst nach dem Tod des Mitglieds konnten sie neu besetzt werden. Die Akademie drohte handlungsunfähig zu werden, weil jüngst fünf Mitglieder im Zuge eines Skandals um sexuelle Belästigung, Geheimnisverrat und Vetternwirtschaft zurücktraten. Der König, der als Schutzpatron der Institution fungiert, hat deshalb die Regeln geändert: Künftig sollen auch die Sitze von Mitgliedern, die zwei Jahre lang nicht aktiv mitgearbeitet haben, neu besetzt werden.

Die Affäre im Überblick: Zunächst nahmen drei Akademie-Mitglieder ihren Hut – die Schriftsteller Klas Östergren und Kjell Espmark sowie der Historiker Peter Englund. Sie protestieren damit gegen die finanzielle Unterstützung einer Kultureinrichtung durch die Akademie. Denn die wird von einem Mann geführt, dem 18 Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen. Akademie-Mitglieder könnten davon gewusst und es geduldet haben, heißt es.

Besonders pikant ist das Gerücht, er habe jungen Frauen die Namen einiger Nobelpreisträger bereits vorab verraten, namentlich die von Wislawa Szymborska, Elfriede Jelinek, Harold Pinter, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Patrick Modiano, Svetlana Alexijewitsch und Bob Dylan. Das berichtet die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ mit Verweis auf den Anwaltsbericht.

Der „Nobelpreis-Leak“ zieht immer weitere Kreise. Die Frau des Beschuldigten, die Lyrikerin Katarina Frostenson, hat einen der Stühle der Akademie. Eine Abstimmung über ihren Ausschluss scheiterte an einem Mitgliedervotum, inzwischen ist sie jedoch selbst zurückgetreten. Auch die Sprecherin der Akademie, die Literaturkritikerin Sara Danius, nahm infolge der anhaltenden Kritik ihren Hut.

Die verwaisten Stühle konnten bislang erst neu vergeben werden, wenn die Inhaber starben. Gleichzeitig müssen mindestens 12 Mitglieder über die Berufung neuer Kollegen abstimmen. Da bereits vor Jahren zwei weitere Mitglieder im Streit ausgeschieden sind, war die Akademie zwischenzeitlich faktisch handlungsunfähig. Die neue Regelung von König Carl XVI. schafft hier nun Abhilfe. Die Vergabe des Literaturnobelpreises folgt übrigens anderen Normen: Dafür muss lediglich die Hälfte aller abgegebenen Stimmen auf einen Kandidaten fallen.

Dieser Bericht über eine Akademie, so könnte man in der Abwandlung eines Kafka-Titels schreiben, steht im krassen Gegensatz zur ostentativ zur Schau gestellten Altehrwürdigkeit der Einrichtung. „Die 18“ werden die Mitglieder ehrfurchtsvoll genannt, das klingt nach einer Mischung aus G-20 und Göttinger Sieben, eine Tafelrunde gottgleicher Literaturheroen.

Die Nobelpreis-Medaille für Literatur, Physik, Chemie und Medizin. Quelle: The Nobel FoundationThe Nobel Foundation

Alljährlich wird die Verkündung des Preisträgers zelebriert – in einem Raum mit Goldintarsien. Ein Ritual der Gediegenheit. Wettbüros leben vom Geschäft mit dem Geheimnis um den nächsten Autor, der den wichtigsten Literaturpreis der Welt sein eigen nennen darf. In den letzten Jahren jedoch gewannen selten diejenigen, auf die alle setzten. Daueranwärter Haruki Murakami aus Japan geht seit Jahren leer aus. Stattdessen trug 2017 sein in Großbritannien lebender Landsmann Kazuo Ishiguro den Preis nach Haus, eine ebensolche Überraschung wie Dylan 2016. Nur 14 der 113 Preisträger sind Frauen – zuletzt wurde 2015 die weißrussische Autorin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch geehrt.

Nun hat also auch die Literaturszene ihre #MeToo-Affäre. Anscheinend verfestigen sich Machtstrukturen besonders hartnäckig in der Welt der Schönen Künste, in der Namen Waren sind. Allerdings war die Literatur bislang weniger verdächtig, die anders als ihr flatterhafter Schauspiel-Bruder weniger das Rampenlicht sucht.

Nun hat die Akademie ein halbes Jahr Zeit, sich für die nächste Verkündung im Goldsaal zu rüsten. Vielleicht setzt sie nach all der Aufregung ja auf eine sichere Bank und kürt tatsächlich Murakami. Was nach all den Jahren aber auch wieder eine Überraschung wäre.

Von Nina May/RND

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