Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit Margaret Atwood erhält den Friedenspreis
Nachrichten Kultur Weltweit Margaret Atwood erhält den Friedenspreis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:06 15.10.2017
Die Grande Dame der kanadischen Literatur, Margaret Atwood. Quelle: epd
Anzeige
Frankfurt

„Make Margaret Atwood Fiction Again.“ Dieser Satz stand Anfang des Jahres auf Plakaten von Frauen, die gegen den Sexismus des neuen amerikanischen Präsidenten protestierten. Donald Trump, der sich als Grabscher brüstet und Frauen gern für Abtreibungen bestrafen möchte, schien direkt aus einem Buch der kanadischen Autorin entsprungen zu sein. Als erst zehnte Frau wurde die 77-Jährige am Sonntag mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet, der seit 1950 verliehen wird und mit 25.000 Euro dotiert ist.

In ihren dystopischen Romanen führt Atwood aus, was mit Machtstrukturen geschieht, wenn sie sich verfestigen. Ihr Roman „Der Report der Magd“ wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation und wirkt heute, mehr als 30 Jahre nach der Veröffentlichung, aktueller denn je. In einer totalitären Zukunft ist nach einer Umweltkatastrophe nur noch jede 100. Frau fruchtbar. Sie dienen als Gebärsklavinnen, die Körper der „Mägde“ werden zum Zwecke der Arterhaltung verstaatlicht.

Nach Volker Schlöndorffs Verfilmung von 1990 („Die Geschichte der Dienerin“) sorgt gerade eine neue Fernsehserie des US-Senders Hulu für Furore: Die drastischen Bilder – rituelle Vergewaltigung zum Eisprung – wirken verstörend. Vielleicht gerade deshalb, weil „man es für möglich hält, eines Morgens in dieser Welt aufzuwachen“, wie die Schriftstellerin Eva Menasse am Sonntag in ihrer Laudatio sagt. Atwood greift unterschwellige Entwicklungen auf und steigert sie ins Radikale. Begonnen hat die Kanadierin den Roman 1984 in West-Berlin im Angesicht der Mauer. Heute sei wieder von Mauern die Rede, sagt sie in Frankfurt in Anspielung auf Trumps Pläne mit Mexiko.

Die in Toronto lebende Schriftstellerin mit dem spitzbübischen Lächeln und den grauen Locken ist eine Meisterin vieler Genres. Neben Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten und Kinderbüchern hat sie in dem Essayband „Payback“ (2008) kurz vor der Lehman-Brothers-Pleite beschrieben, dass es in Leben und Literatur oft die wirtschaftlichen und nicht die moralischen Fehltritte sind, welche die Menschen in den Abgrund reißen.

Die üppige Twitter-Gefolgschaft von 1,7 Millionen spricht dafür, dass Atwood neben der 68er-Generation auch von jungen Frauen verehrt wird. Während der Buchmesse war das soziale Netzwerk voll von ekstatischen Berichten über Atwood-Sichtungen in Frankfurt. Per Twitter protestiert die 77-Jährige gegen Polizeigewalt in Katalonien oder Plastikmüll in den Weltmeeren und tritt für Humanität und Gleichberechtigung ein. Eine Aktivistin sei sie aber nicht, sagt sie bei ihrer Dankesrede in der Paulskirche. Denn sie nutze ihre Literatur nicht als Vehikel für politische Zwecke. „Aber Autoren können gar nicht anders, als die sie umgebende Welt zu spiegeln. Selbst, wenn sie über Drachen schreiben.“ Atwood nennt das „spekulative Fiktion“.

Die Verleihung des Friedenspreises an diese Autorin mit rekordverdächtiger Publikationsfülle ist das überfällige Bekenntnis, dass auch phantastische Literatur voller Zeitgeist stecken kann. In Atwoods Texten gibt es reinkarnierte Fledermäuse oder einen gefräßigen Katzengott, zu dessen Füßen sich Engelsflügel sammeln. Die Traumbilder sind von parabelhafter Weisheit.

In zahlreichen apokalyptischen Szenarien lässt die Autorin die Erde von Flut, Wirtschaftscrash oder Pandemie heimsuchen. So macht sie immer wieder deutlich, wie fragil das System der Sicherheiten ist, das wir für selbstverständlich erachten. „Doch es war nicht von Dauer. Das Glück. Die Sicherheit. Das Jetzt“, heißt es in ihrem Roman „Das Herz kommt zuletzt“, dessen deutsche Übersetzung 2017 erschien. Ein gerade noch wohlsituiertes Paar verliert durch den Zusammenbruch des Finanzsystems alles, muss im Auto hausen und sich vor vagabundierenden Banden fürchten. Dann werden die beiden zu einem Sozialexperiment eingeladen: Sie dürfen künftig in einem Traumhaus wohnen – allerdings müssen die dafür die Hälfte ihrer Zeit in einem Gefängnis verbringen. Schon bald entwickeln Mann und Frau eine Obsession für jenes andere Paar, das in ihrer Abwesenheit in ihrem Bett schläft.

Atwood steht in einer Reihe mit großen Dystopisten wie Aldous Huxley und George Orwell. Die Kanadierin ergänzt die Frauenperspektive. „In repressiven Strukturen sind es die Frauen, die als Erste unterdrückt werden“, sagt Atwood in Frankfurt. Ihre Protagonistinnen behaupten sich unter widrigen Umständen. So wie Verna, die Erzählerin aus der Kurzgeschichte „Die steinerne Matratze“ (2014), die im Rentenalter dem Mann wieder begegnet, der sie als Jugendliche vergewaltigte und schwängerte. Weil er sie nicht erkennt, ist sie im Vorteil und sinnt auf Rache. Atwood begegnet ihren Figuren mit einem Augenzwinkern. In der Erzählsammlung „Der Salzgarten“ (1989) ist von Frauen die Rede, die „ihre Schwäche für grässliche Männer mit Furchtlosigkeit verwechselten“. Die Autorin in die Frauenecke zu drängen wäre jedoch verkürzt, mahnt Menasse in der Frankfurter Laudatio. Die Autorin verhandele vielmehr das alte Literaturthema von Macht und Ohnmacht. In ihrem jüngsten Roman „Hexensaat“ – einer Neuerzählung von Shakespeares Theaterstück „Der Sturm“ - etwa ringt ein alternder Theaterdirektor um seine Wirkungskraft.

Krimi, Märchen, Gesellschaftsstudie – all diese Dimensionen finden sich in Atwoods Werk. Und ein sympathischer Humor. Der zeigt sich etwa in ihrer Beschreibung, wie sie als junges Mädchen vom Dichtersein träumte: „Ich wollte eine passionierte Schriftstellerin werden, also so richtig passioniert, mit entsprechenden Lungenkrankheiten, unerfüllten Liebesgeschichten, mit Alkoholsucht und einem höchstwahrscheinlich frühen Tod.“ Mit ihrer unverschnörkelten Sprache und ihrer spitzen Zunge ist Atwood vielleicht wirklich die „coolste Autorin der Welt“, wie der deutsche Berlin-Verlag sie bewirbt. Eine ungewöhnliche Zuschreibung für die Trägerin einer so renommierten Auszeichnung wie dem Friedenspreis.

„Wollen wir in dieser Welt leben?“ Diese Frage sollte man sich laut Atwood beim Lesen ihrer Bücher stellen. Und wenn die Antwort „Nein“ lautet, sollte man vielleicht etwas dafür tun, dass Margaret Atwood wieder Fiktion wird.

Von Nina May/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Weltweit Frankfurter Buchmesse - Höcke-Auftritt sorgt für Chaos

Nachdem ein Auftritt von AfD-Politiker Björn Höcke am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse von Gegendemonstranten begleitet wurde, kam es zu gewalttätigen Angriffen von rechts. Zudem sorgte der Angriff auf einen Frankfurter Politiker für Vorwürfe an Sicherheitskräfte und Polizei. Die Organisatoren vermitteln einen hilflosen Eindruck.

15.10.2017
Weltweit Frankfurter Buchmesse - Höcke-Auftritt sorgt für Chaos

Nachdem ein Auftritt von AfD-Politiker Björn Höcke am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse von Gegendemonstranten begleitet wurde, kam es zu gewalttätigen Angriffen von rechts. Zudem sorgte der Angriff auf einen Frankfurter Politiker für Vorwürfe an Sicherheitskräfte und Polizei. Die Organisatoren vermitteln einen hilflosen Eindruck.

15.10.2017

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann über Till Eulenspiegel, Seiltanzen und Shakespeare. Im Interview mit unserer Redakteurin Nina May verrät er, was ihn so an der Vergangenheit reizt.

14.10.2017
Anzeige