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Weltweit „Phallus Germanus“ spießt Rechtsextremismus auf
Nachrichten Kultur Weltweit „Phallus Germanus“ spießt Rechtsextremismus auf
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16:05 25.10.2017
Schornstein an der Lützner Straße. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Deutschland hat gewählt, ein Rechtsruck das Land erschüttert. Inzwischen bemüht man sich, zur Tagesordnung überzugehen. Ein Kunstprojekt in Leipzig versucht das Gegenteil: Unter der ironischen Überschrift „Phallus Germanus“ will das „Kollektiv Mailand / Innenhof“ ein Stachel im Fleisch der sich abzeichnenden Verdrängungs-Gemütlichkeit sein, die tieferliegenden Gründe für das insbesondere in Sachsen drastische Wahlergebnis aufzeigen, nämlich Rassismus, Chauvinismus, Sexismus – und die gesellschaftlichen Ursachen. Ihre Aktion lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Insgesamt fünf ehemalige Industrie-Schornsteine wurden in einer Guerilla-Aktion mit Plastikfolie zu gigantischen Säulendiagrammen umgewandelt.

So reckt nun der Schornstein in der Lützner Straße die prozentuale Zustimmung zu der Aussage „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ plakativ in den Himmel: 41,4 Prozent. 21,9 Prozent sind dafür, dass sich Frauen wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen sollen – zu sehen auf der Esse An den Tierkliniken. Die der Aktion zu Grunde liegenden Zahlen stammen aus der 2016 von der Uni Leipzig veröffentlichten Studie „Die enthemmte Mitte“. Die Erhebung ist Teil eines Langzeitforschungsprojekts, das seit 2002 politische Einstellungen in Deutschland untersucht – und zuletzt auf die Verbreitung rechtsextremer, autoritärer Einstellungen aufmerksam machte.

Kommentar zur Lage des Humanismus im Land

Die besorgniserregenden Haltungen haben die jungen Künstlerinnen und Künstler somit aus der Abstraktion einer in Buchform vorliegenden Studie bedrohlich in die Vertikale übersetzt. Ihr „Phallus Germanus“ ist ein etwas anderer Kommentar zur Lage des Humanismus im Land. „Wir wollten die Ergebnisse der Studie bekannter machen, sichtbar und niederschwellig in die Öffentlichkeit tragen. Für uns war das Erschreckende, dass der Chauvinismus nicht nur ein Phänomen des rechten Randes ist, sondern in allen Milieus verbreitet ist“, sagen Mitglieder des Kollektivs, die namentlich nicht genannt werden möchten.

Etwa ein Jahr haben sie sich auf ihre Aktion vorbereitet, Material besorgt, ein Team zusammengestellt, Texte geschrieben und für ihre Website in zahlreiche Sprachen übersetzt. Insgesamt beteiligten sich über 100 Leute. Rund 950 Quadratmeter pinkfarbener Folie und 2,7 Kilometer Panzertape wurden zu passgenauen Mänteln für die einzelnen Schornsteine verarbeitet – eine Arbeit von zwei Wochen. Finanziert wurde alles aus eigener Tasche. Es geht ihnen um eine Vertiefung der Sicht: Das Problem der Diskriminierung könne nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Vorbedingungen betrachtet werden, sagen sie. Auf ihrer Website schreiben sie: „Die kapitalistische Gesellschaft hat eine innere Logik, bei der es darum geht, sich im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt gegen Andere durchzusetzen: die eigene Aufwertung beziehungsweise das für sich Werben funktioniert besonders gut bei gleichzeitiger Abwertung Anderer. Hier wirkt der Kapitalismus also als Katalysator für die chauvinistische Ausrichtung.“

Zurück zur Praxis: Am frühen Morgen des 16. Oktobers gingen die Kunst-Aktivisten in mehreren Teams mit je drei Kletterern auf die Schornsteine, zogen die Stoffbahnen hoch und dokumentierten ihre Aktionen. „Sicherheit stand dabei für uns an oberster Stelle“, sagt ein Mitglied des Kollektivs, das unter anderem bereits in Stuttgart Aktionen durchführte. Außerdem sollte es zu keinerlei Beschädigungen an den Bauwerken kommen.

Ausgerechnet am Schornstein in der Leipziger Baumwollspinnerei, einem Ort, an dem Kunst und auch kritische Irritation eigentlich Programm sind, gab es die größten Probleme – was womöglich auch daran lag, dass sich die Kunst-Aktivisten zunächst als Mitarbeiter einer fiktiven Baufirma ausgaben. Während das Kondom – der Begriff sei in diesem Kontext erlaubt – platziert wurde, stritt man unten heftig. Nach ungefähr zwei Stunden kam die Polizei.

Spinnerei zieht Anzeige zurück

Als sich das Kollektiv weigerte, die Folie selbst zu entfernen, wurde dafür eine Firma geholt – die war dann wirklich so echt wie die Rechnung, die das Kollektiv dafür zu begleichen hat. Man habe bei der Polizei Anzeige erstattet, teilte die Spinnereiverwaltung den jungen Künstlern später per Mail mit. Nicht alle in der Spinnerei sahen die Aktion kritisch: Die Halle 14, das Zentrum für zeitgenössische Kunst, lobt sie auf ihrer Homepage als „wichtigen Beitrag“ und lenkt den Blick auf den zumindest für einige Tage sichtbaren Inhalt, der auf dem Spinnerei-Schornstein in den Himmel ragte: „40,1 Prozent“. So viele stimmen dieser Aussage zu: „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.“

„Wir haben die Anzeige zurückgezogen“, sagte Spinnerei-Geschäftsführer Bertram Schultze. Die Kommunikation, das Verhalten der Leute des Künstlerkollektivs sei gelinde gesagt unglücklich gewesen, meinte er. Man achte seit Jahren darauf, dass sich im öffentlichen Raum der Spinnerei keine Kunst, keine Skulpturen breitmachen. Fürs Inhaltliche seien die Galerien und Ausstellungsräume zuständig, draußen gehe es darum, das denkmalgeschützte Fabrikgelände und seine historische Fassade unberührt von Eingriffen dieser Art zu lassen. „Unsere Aktion richtete sich überhaupt nicht gegen die Spinnerei. Es tut uns leid, wenn sich jemand persönlich angegriffen fühlte“, betont ein Mitglied des Kollektivs. Dass das Ganze nur temporär zu sehen sein würde, sei ihnen klar gewesen, dass es gerade in der Spinnerei so wenig Verständnis gab, eher nicht.

Beim Schornstein im Lene-Voigt-Park verhinderte der Wind, dass die Installation länger Bestand hatte, hier rief die Zahl „49,6 Prozent“ Alarm. Sie markiert die Zustimmung zu dem Satz „Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden“. Auch am Stannebeinplatz hat sich inzwischen die Folie gelöst und wurde entfernt. Dort stand das Säulendiagramm bei 33,8 Prozent. So viele Befragte sehen die Bundesrepublik „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“.

Aussagen, von denen bald keine einzige mehr an den Leipziger Schornsteinen zu sehen sein wird. Einstellungen, die sich aber, so ist zu befürchten, noch lange Zeit in den Köpfen festsetzen dürften.

www.phallus-germanus.de

Von Jürgen Kleindienst

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