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Weltweit Arctic Monkeys: Klavier, Schmalz und Goldhosen
Nachrichten Kultur Weltweit Arctic Monkeys: Klavier, Schmalz und Goldhosen
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13:16 10.05.2018
Man möchte wetten sie sehen gut aus auf dem Dancefloor: Die Arctic Monkeys (v. l. Jamie Cook, Alex Turner, Matt Helders und Nick O’Malley) melden sich nach fünf Jahren Pause mit überraschenden Klängen zurück. Quelle: Zackery Michael
Hannover

„Ich wette du siehst gut aus auf dem Dancefloor“, sang Alex Turner vor zwölf Jahren, als das richtig losging mit den 2002 gegründeten Arctic Monkeys. Aber der Studio-54-Regenbogen stieg nicht auf über Sheffield, der Sound des Quartetts klang nach Garage statt nach Disco, nach 1977 und Punk. Die Briten setzten auf Rock‘n‘Roll, als Rock’n’Roll gerade zu Boden ging. Schnelle Songs, die Gitarren gehackt und gestochen, die Stimme bellend, nüchtern.

Die Band, die für nichts garantiert

Schon damals aber versprach das Quintett mit dem Titel des ersten Albums, für nichts zu garantieren: „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not- Als was mich die Leute auch immer bezeichnen, das bin ich gerade nicht.“ So waren sie Album um Album für Überraschungen gut, eine Band aus Sich-Neuerfindern wie die Beatles, Queen oder Primal Scream.

Das fünfte Album kam 2013, hieß „AM“ und auch wenn die Arctic Monkeys in den Texten ironisierten und noch fleißig die Gitarre verehrten, war der Rock ausgeformter, kontrollierter. In Großbritannien wurde „AM“ ihr fünftes Nummer-Eins-Album in Folge, aber auch im Rest Europas und den USA standen sie jetzt hoch in der Gunst.

Und sie lieferten funkigen Poprock („R U Mine?“) Verbeugungen vor den Glamrocktagen von Marc Bolan und Suzi Quatro („I Want It All“), Hardrock der Siebzigerjahre („Arabella“) sowie die „No.1 Party Anthem“, eine Mitgrölballade für Fußballstadien, bei der Turners Stimme wohlig ins Ohr flauschte und die hielt, was ihr selbstironischer Titel versprach.

Ein neuer Musiktrabant wird betreten

Das Album schloss mit einem vertonten Poem des Punkdichters John Cooper Clarke, das als Statement in eigener Sache gelesen werden konnte: „I Wanna Be Yours – ich will dein Liebling sein“. Schmissen sich die Monkeys etwa ans Volk ran wie in den Sechzigerjahren die Monkees?

Nach fünf Jahren Pause (in denen die Beatles acht Platten untergebracht hätten!) erscheint jetzt „Tranquility Base Hotel + Casino“. Der Titel bezieht sich auf das Meer der Stille, den Ort der ersten Mondlandung, den sich Turner als zukünftige Urlaubsoase vorstellt. Schon der erste Song „Star Treatment“ kündigt an, dass hier ein neuer Musiktrabant betreten wird. Gluckerndes Vibraphon. Flüsternde Soulstimme. Selbstironie: „Ich wollte bloß einer von den Strokes sein, jetzt schau dir nur den Murks an, zu dem du mich gebracht hast.“

Einen Steinway-Flügel hatte man Turner 2016 zum 30. Geburtstag geschenkt. Er hat die elf neuen Songs darauf komponiert. Jamie Cookes Gitarre ist gezähmt, liefert diesmal schimmernde und funkelnde Sounds, der Rock’n’Roll macht Pause.

Der Songwriter reibt sich an Amerika

Stattdessen regiert Turners Klavier, zwitschern Keyboards („American Sports“, „Batphone“) ihre Weltraumsounds. Was die Lieder pittoresk wirken lässt, verspielt. Der „Murks“ ist Pop, ganz anders als all das Monkeys-Zeug davor, aber auch nichts, das nach den Singlecharts schielt. Man traut seinen Ohren nicht – ähnlich wie bei den jüngsten Platten von Linkin’ Park, Shakey Graves oder Arcade Fire, oder wie bei Indieblues-Ikone Jack White, wenn der am Ende seines neuen Albums „Boarding House Reach“ Dvořáks „Humoreske No. 7“ singt.

Textlich ist Turner auf der Höhe seiner Wortgewandtheit, reibt sich an Religion und Internetflucht, am Verlust der Wahrheit in der Welt und immer wieder an Amerika. Im ziemlich beatlesken „Golden Trunks“ spottet er etwa über den US-Präsidenten: „Der Führer der freien Welt erinnert an einen Wrestler in engen goldenen Shorts“. Zuweilen weicht er in die Science Fiction aus, an der er freilich liebt, dass an der Zukunft immer die Gegenwart gespiegelt wird.

Turner auf den Spuren von Elvis Presley

„The Ultracheese“ heißt der letzte der elf Songs. Eine Ballade wie aus den Fünfzigerjahren, mit dramatischem Piano, einer süffigen Melodie und Turner, der heult wie Elvis, als der 1956 „Love Me“ croonte. Alles schmalzig wie im Titel versprochen. „Steinway und seine Söhne stehen zwischen uns“, singt Turner. Ahnend, dass nicht jeder die neuen Klavieraffen mögen wird.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein unwägbar großer für die Band, die hier – um bei den Beatles zu bleiben - ihr „Revolver“ vorlegt. „All roads lead to tranquility base“ – das wusste 1979 schon die US-Band Styx. Aber wie geht es vom Meer der Ruhe aus weiter? Kommt als nächstes ihr „Sergeant Pepper“? Sicher nicht. Die Arctic Monkeys haben es versprochen: Was immer man von ihnen erwartet, das werden sie gerade nicht tun.

Arctic Monkeys: „Tranquility Base Hotel + Casino“ (Domino), erscheint am Freitag, 11. Mai

Von Matthias Halbig / RND

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