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Weltweit Rolf Hoppe: Ein besessener Spieler
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16:37 16.11.2018
Rolf Hoppe starb mit 87 Jahren in Dresden. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa
Dresden

Er war ein Besessener. Einer, der einfach spielen musste. Einer, der nicht in fremder Leute Haut schlüpfte, sondern in ihr lebte. Einer, der immer war, was er hinter Masken nur spiegeln sollte. Als Rolf Hoppe in jungen Jahren in einem Stück aus China lediglich murmelnd im Halbdunkel über die Bühne in Gera huschen musste, kam er zwei Stunden vorm Auftritt, schminkte sich lange auf Chinese und stopfte Watte in die Nasenlöcher. Es sollte echt wirken.

Ein Mensch spielt Menschen für Menschen, so nahm Rolf Hoppe (nach Lessing) den Beruf. Fast sieben Jahrzehnte. Dabei ruckelte es anfangs gewaltig. Der Sohn eines Bäckermeisters aus Ellrich (Thüringen) wurde auch erst mal Bäcker, arbeitete als Kutscher, machte Laientheater, studierte in Erfurt – und verlor die Stimme. Monatelang schlug sich der 20-Jährige als Tierpfleger bei Aeros durch, dann trainierte er sich sein Arbeitsorgan im Institut für Sprechwissenschaft in Halle zurück.

Rolf Hoppe: Schauspieler ohne Wenn und Aber

Rolf Hoppe wollte unbedingt Schauspieler sein. Ohne Wenn. Ohne Aber. Den Weg über die Bretter startete er in Erfurt, ging nach Halle (Theater der jungen Garde), Greifswald, Leipzig (Theater der Jungen Welt, 1954 bis 1956), Gera, Dresden. Dort blieb er, trotz eines fünfjährigen Gastspiels am Berliner DT. Dresden wurde seine Stadt – von Lear über Dorfrichter Adam („Der zerbrochene Krug“) bis Thorvald Helmer („Nora) und Schillers Fiesco unter der Regie des nach „Spur der Steine“ strafversetzten Frank Beyer.

Anfang der 60er Jahre entdeckte der Film Gesicht und Statur jenes Mannes, der nur auf der Leinwand auftauchen musste – und selbst mittelmäßige Produktionen (und davon drehte Rolf Hoppe einige) begannen zu leuchten. Er hatte etwas, was zum Hinsehen zwang. Er war nie nur eine Figur. Er schillerte in Charakteren. Unter der Oberfläche blieb stets mehr zu entdecken. Auch Abgründe. Das runde, glatte Gesicht war mehr als nur ein rundes, glattes Gesicht. Er konnte gutmütig wirken – und gefährlich sein. Er konnte jovial lächeln – und eiskalt entgleisen. In Augenblicken. Wer den aus frostiger Stille kommenden Ausbruch des Nazi-Ministerpräsidenten in „Mephisto“ nur einmal gesehen hat, wird ihn nie wieder vergessen. „Das Böseste in einem bösen Menschen sind seine guten Seiten, aber der Teufel muss zu sehen sein“, hat er mal in einem TV-Porträt gesagt. Also müssen die Fiesesten von den Besten gespielt werden, sonst sind es Pappkameraden.

Rolf Hoppe (linksI in „Mephisto“. Quelle: imago/United Archives

Sein Spiel: Clownesk und erdig

Wer Rolf Hoppe so besetzte, bekam nie einen blutleeren Typ. Unvergessen Major Behring in „Ich war neunzehn“, der verdutzt ungläubig feststellt, dass die Russen schon da sind, sein fieser Bandit Bashan („Spur des Falken“, „Weiße Wölfe“), sein wortbrüchiger Captain Burton („Apachen“, „Ulzana“), sein unbedarfter König Karl IV., der aus Übermut mit „Goya“ ringt, verliert und den Maler bettelnd zwingt, für sein Spielschiff ins Wasser zu gehen. Es schwebte gelegentlich Clowneskes durch die Rollen, aber sie blieben immer erdig – und artistisch. Wie Rolf Hoppe blickte, lachte und Sätze kaute, die man trotzdem verstand, wie er Worte immer etwas tonlos, etwas gepresst, etwas untergründig fallen ließ, das war die ganz hohe Schule der Schauspielkunst. Mehr als 200 Mal stand er vor der Kamera. Einiges gehört zur Klassik.

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So spielte er den Lehrer Eiffler in „Karla“, den Vater Clara Schumanns in „Frühlingssinfonie“, den fressgierigen August III. in „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, den kauzigen Shorty in der Jack- London-Adaption „Kit & Co.“, mit verschmitzt-komödiantischer Lust den Jupiter in „Orpheus in der Unterwelt“, war Schriftsteller Wilhelm Heinse in der Hölderlin-Biografie „Hälfte des Lebens“, Dirigent Schuppanzig in „Beethoven“, West-Agent Kelly in „Das unsichtbare Visier“, der Nazi-Gauleiter Julius Streicher in „Comedian Harmonists“, der Mafioso Baranowski im Fernseh-Dreiteiler „Sardsch“, erfinderischer Puppenspieler in „Hans Röckle und der Teufel“ und beseelt-besorgter Rabbi in „Alles auf Zucker!“ Keine Charakter-Farbe, die Rolf Hoppe nicht noch nachcolorieren konnte. Ob weise oder warmherzig, undurchsichtig oder einfach nur gut, wer Hoppe vertraute, vertraute dem Richtigen. Auch als König im weihnachtlichen TV-Dauerläufer „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Wäre er nicht schon längst mit den Indianerfilmen Kult geworden, jetzt hätten ihn Millionen auf den Star-Thron gesetzt.

Rolf Hoppe als gutmütiger König im Dauerbrenner „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Quelle: rbb/WDR/DRA

Die Bösen spielte er wie kein Zweiter, dabei strahlte er privat immer die Wärme eines lebensklugen Großvaters aus, blickte freundlich und besaß ein einnehmendes Wesen. Getue war ihm fremd. Das Hoftheater Dresden-Weißig konnte 1995 keinen besseren Prinzipal als ihn finden, seine Lesungen von Märchen, Balladen, Geisterstorys auf Schloss Weesenstein waren ein Hörgenuss. Rolf Hoppe malte mit der Stimme Geschichten dreidimensional. Auch im letzten Kinoauftritt „Die Blumen von gestern“ war das zu sehen: Als Holocaust-Überlebender zeichnete er in einem Kurzauftritt ein Leben und eine Zeit. Nun ist Rolf Hoppe am 14. November in Dresden gestorben – mit 87 Jahren.

Von Norbert Wehrstedt

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