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Weltweit Rowohlt bei der Frankfurter Buchmesse: Verlegerstreit und ein Porno-Roman
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08:31 12.10.2018
Leser bei der Buchmesse Frankfurt. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
Frankfurt

Besucher der Frankfurter Buchmesse werden am Rowohlt-Stand von einem menschengroßen Kuscheltier empfangen. Bobo Siebenschläfer ist das Maskottchen der jungen Reihe des Verlages und streckt hier die Hand zum Abklatschen mit den Passanten aus. Ein freundlicher Empfang, der im Kontrast zum gegenwärtigen Bild der Öffentlichkeit vom Umgangston im Innern des Traditionsverlages steht.

Direkt neben dem Siebenschläfer ist eine ganze Wand vollgepackt mit dem soeben mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Teneriffa-Roman „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke. Die Autorin ist zugleich eins der Gesichter der aktuell tobenden Verlegerdebatte im Hause Rowohlt. Ihre Preisverleihung nutzte Mahlke jüngst für deutliche Worte gegen die plötzliche Abberufung der Verlegerin Barbara Laugwitz, für die bislang keine genauen Gründe genannt wurden.

+++ Interview mit der Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke

Keine Buchmessenparty: Rowohlt macht auf geheimnisvoll

Die Buchpreisträgerin gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes an den Holtzbrinck-Geschäftsführer Joerg Pfuhl, in dem namhafte Rowohlt-Autoren wie Martin Walser, Daniel Kehlmann und Margarete Stokowski im Vorfeld der Messe den Umgang mit der ökonomisch erfolgreichen Laugwitz und die mangelhafte Kommunikation gegenüber den Autoren anprangerten. Der Fall beschäftigt auch die Justiz: Eine einstweilige Verfügung verbietet Pfuhl zu sagen, es gebe keine Kontaktsperre, die Laugwitzs Kommunikation mit ihren einstigen Autoren unterbinden würde. Um Diskurshygiene geht es und den vergeblichen Versuch, die richtigen Worte zu wählen. Inzwischen heißt es von Holtzbrinck, man habe Laugwitz eigentlich mit einer neuen Rolle im Verlag halten wollen. An solch eine Lösung glaubt derzeit niemand mehr.

Die traditionelle Buchmessenparty hat Rowohlt abgesagt, zu vergiftet ist das Klima für die heitere Selbstbeweihräucherung bei Sekt und Kanapees. Stattdessen gab es eine geheimnisvolle Einladung in den Frankfurter Hof. Der Verlag möchte mit Überraschungsgästen „das Erscheinen eines Romans ohne Namen feiern“. Ein Roman ohne Namen – das klang angesichts der aktuellen Rowohlt-Informationsmisere zunächst unfreiwilllig komisch.

+++ Die interaktive Lesekarte für den Bücher-Herbst

Sensation: Porno-Roman aus der Kaiserzeit

Doch der Verlag konnte tatsächlich mit einer kleinen Sensation aufwarten: 70 Jahre nach dem Tod des Dichters Rudolf Borchardt wird aus seinem Nachlass der fast 1000-seitige Roman „Weltpuff Berlin“ veröffentlicht, der in der Kaiserzeit spielt. In dem autobiografischen Werk verarbeitet der Autor seine sexuellen Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Nachfahren verhinderten die Veröffentlichung lange Zeit mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz. Borchardt wurde 1877 in eine großbürgerlichen, jüdisch-assimilierten Familie geboren. Er übersetzte Aischylos und Pindar, gab eine Anthologie über Renaissance-Lyrik heraus und schrieb Gedichte. Er gilt wahlweise als elitärer Feingeist oder als Bewahrer humanistischer Ideale. Den Nationalsozialisten entkam er knapp, starb aber 1945 zermürbt von den Folgen der Flucht.

Gegen diesen Roman ist „Babylon Berlin“ keusch – hier erscheint die Hauptstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Sündenpfuhl. Im Text heißt es: „Rede mal mit Ausländern, für die ist Berlin der Weltpuff. Paris nischt mehr dagegen, ganz abgekommen.“ Der Antiquar Heribert Tenschert, auf dessen Initiative die Ausgabe zustande kam, schreibt Borchardt im Leseheft zum Buch einen Platz in der Weltliteratur neben Bertolt Brecht zu, preist die Sprach-Erotik des avantgardistischen Autors.

Autor Rudolf Borchardt Quelle: picture alliance / dpa

Weltpuff“ als opulentes Sittengemälde

Der Roman handelt von einem Bummelstudenten der Klassischen Philologie, der im 12. Semester ins Elternhaus zurückgeholt und zur Ordnung gerufen wird, von seinem Aufbegehren und Freiheitskampf („Ich ging wie eine geschlossene Faust durchs Haus“), zu dem auch Frauengeschichten („Ich war das Richtige für sie, sie waren ein Pluralis und ich ein Singularis. Es war ganz natürlich, dass ich wechselte“) und Ausflüge ins Bordell gehören. Die Sprache ist anzüglich, ja pornografisch. Doch der Erzähler, der sich selbst als „Begattungsmaschine“ bezeichnet, sucht durch derlei Eskapaden nur eine innere Leere zu füllen. Der Roman wird zum opulenten Sittengemälde der Kaiserzeit. Der Erzählfluss spaltet sich nach dem Vorbild des „Decamerone“ in Einzelgeschichten auf. Bei aller Beachtlichkeit dieser literarischen Ausgrabung wirkt diese Reise in die Vergangenheit wie ein Ablenkungsmanöver von den Querelen der Gegenwart.

Auffälligerweise finden selbst Laugwitz-Anhänger durchaus warme Worte für den designierten neuen Rowohlt-Chef Florian Illies. Er ist bei der Messe zunächst nicht als Verleger, sondern als Autor unterwegs, und stellt in Frankfurt die Fortsetzung seines Bestsellers „1913“ vor, das ab dem 24. Oktober im Fischer-Verlag erscheint. In „Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ entwirft er erneut ein Panorama des letzten Friedensjahres vor dem Ersten Weltkrieg. „Dieses Jahr 1913 lässt mich einfach nicht los. Und je tiefer ich hineingetaucht bin, um so schönere Schätze fand ich auf dem Meeresgrund“, zitiert Fischer den Autor.

Florian Illies ist der neue Rowohlt-Chef. Quelle: picture-alliance / dpa

Bei Rowohlt wird Illies alle Hände voll zu tun haben, zerschlagenes Porzellan zu kitten. Doch dem 47-Jährigen ist das durchaus zuzutrauen. Der einstige „FAZ“-Kulturjournalist, Mitbegründer der Kunstzeitschrift „Monopol“, Porträtist der „Generation Golf“ und Villa-Grisebach-Geschäftsführer hat schon einige Erfahrung mit Karrierewechseln.

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Von Nina May / RND

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