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Weltweit So nutzt der Starkünstler Ai Weiwei den Abriss seines Pekinger Ateliers zur Selbstinszenierung
Nachrichten Kultur Weltweit So nutzt der Starkünstler Ai Weiwei den Abriss seines Pekinger Ateliers zur Selbstinszenierung
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17:01 06.08.2018
Wie eine Kulisse brechen die Wände des Ateliers Ai Weiwei beim Abriss in sich zusammen. Quelle: AP
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Peking

Der Bagger frisst sich durch die Wand, der Staub schwebt wie Bühnennebel durch den hohen Raum und legt sich langsam auf den Boden. Wie ein Maschinengewehr rattert ein Presslufthammer. Eine Außenwand stürzt ein, Fenster fallen hinab. Ai Weiweis Atelier in Peking gibt es nicht mehr.

Die chinesischen Behörden haben das Studio des Künstlers und Kunststars abgerissen, ohne Vorwarnung, wie er selbst auf seinem Instagram- und Twitter-Profil schreibt. Fast 30 Videos, die seine Mitarbeiter in Peking aufgenommen haben, teilt er mit der Welt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Behörden sein Atelier abgerissen haben. Bereits 2011, das verkündete der Künstler damals über das soziale Netzwerk Google Plus, wurde sein Studio in Shanghai zerstört. Das Teilen dieser Geschichten mit der Öffentlichkeit ist Teil der Erfolgsstrategie des chinesischen Künstlers, der bei Instagram und Twitter jeden Tag mehrere Botschaften veröffentlicht.

Ai selbst lebt heute in Berlin, im hippen Prenzlauer Berg hat er ein Atelier. 2015 wurde er von der Universität der Künste (UdK) in Berlin als Gastprofessor für drei Jahre eingeladen. Die Einladung basierte nicht nur auf seiner künstlerischen Position – er war damals bereits prominent auf den großen Schauen wie der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig vertreten – sondern war ausdrücklich auch ein Zeichen der Solidarität mit dem verfolgten Künstler.

Ai Weiwei will Berlin verlassen

Seine Gastprofessur geht nun, drei Jahre später, zu Ende. Der Künstler will Berlin verlassen. Das hat er jüngst am Rande einer Diskussionsveranstaltung berichtet. Der Grund für den Umzug: die Sprachbarriere. Sein Atelier, eine ehemalige Brauerei, will er aber dauerhaft in der Hauptstadt behalten.

Ai Weiweis Kunst ist Widerstand, und sein Widerstand ist Kunst. Wo andere Künstler in ihrer Biografie die Arbeiten auflisten, schreibt er, dass er ohne Erlaubnis der chinesischen Regierung 2011 nicht aus China ausreisen durfte. Eine Video-Arbeit, bei der er sich im Hausarrest selbst gefilmt hat, wird von der Info flankiert, dass er 2009 von der Polizei geschlagen wurde und zwei Jahre später 81 Tage inhaftiert war.

Die Mitarbeiter filmen den Abriss, Ai Weiwei postet ihn bei Instagram. Quelle: AP

Dabei weiß Ai Weiwei, wie er sich als zentrale Figur des Widerstandes inszenieren kann. Besucher der Biennale in Venedig 2013 konnten bei einer Installation einen Plastik-Ai-Weiwei in seiner Gefängniszelle beobachten. Die Handschellen aus der Haft hat er später von seinen Mitarbeitern in Jade hauen lassen. Seine Gefängnis-Kleiderbügel haben die Atelier-Mitarbeiter aus Diamant nachgebaut.

Ai Weiwei als Märtyrer

Es ist nicht nur das eigene Leiden, das Ai Weiwei in seinem Schaffen vor sich her trägt. In seinem Werk eignet er sich auch das Elend der anderen an. Im Film „Human Flow“, den er im vergangenen Jahr herausgebracht hat, erzählt er in ästhetischen Bildern von dem Schicksal der Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Eine andere Szene: Ai Weiwei liegt am Strand von Lesbos, wie leblos. Die Pose ist eine Nachahmung des ertrunkenen kleinen Jungen Aylan Kurdi. Aus den Medien hagelte es Kritik.

Doch das Märtyrertum ist sein Markenzeichen. Auch der Abriss des Atelierhauses ist Teil dieser Geschichte. Ai Weiweis Mitarbeiter dokumentieren in ästhetisch ansprechenden Bildern den Zusammenbruch. Der Künstler selbst hat sie im Netz veröffentlicht, ein weiterer Baustein seiner Selbstinszenierung als Stardissident.

Von Geraldine Oetken / RND

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