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Weltweit So war die Berlinale – Kosslick nimmt den Hut
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07:01 16.02.2019
18 Jahre Berlinale – Chapeau, Herr Kosslick. Quelle: Jens Kalaene/dpa
Berlin

Die ein oder andere Träne dürfte am Samstagabend bei der Bären-Gala fließen. Bei einer Preisverleihung gehört sich das so, aber dieses Mal gibt es noch einen besonderen Grund: Der Mann mit dem schwarzen Hut nimmt eben jenen. Dieter Kosslick bezieht zum letzten Mal Position auf dem Roten Teppich, um gleich darauf bei der Trophäenvergabe sein Kauderwelsch-Englisch zu zelebrieren. Dann ist für ihn Schluss nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor.

Gut möglich, dass sich Kosslick wie schon bei der Eröffnung im Hintergrund hält. Immerhin soll das Augenmerk dem Kino gelten. Viele alte Bekannte waren geladen, nur wenige hatten so Überraschendes am Start wie der Kanadier Denis Côté mit seiner geisterhaften Landflucht-Geschichte („Ghost Town Anthology“) oder der Franzose François Ozon mit seiner beinahe dokumentarischen Anklage gegen die Versuche der katholischen Kirche, den Missbrauch von Kindern zu vertuschen („Gelobt sei Gott“).

Der Umbruch ist auch bei der Berlinale angekommen – ob mit oder ohne Kosslick

Aufregung herrschte vor allem, als der Streamingdienst Netflix einen Platz auf der großen Leinwand für sich reklamierte. Die Zeit des Umbruchs hat für die Berlinale mit oder ohne Kosslick längst begonnen – so wie für jedes andere großen Festival auch.

Dem deutschen Kino hat Kosslick wie stets eine prächtige Plattform geboten, auch wenn Fatih Akin mit dem „Goldenen Handschuh“ ein wenig überzeugendes Horrorwerk mitbrachte. Dafür machte eine Debütantin auf sich aufmerksam: Nora Fingscheidt verblüffte mit ihrem energiegeladenen „Systemsprenger“ über eine Neunjährige, die professionelle Jugendschützer an ihre Grenzen bringt. Eingefleischte Cineasten lobpreisen Angela Schanelecs träumerisches Kunstkino in „Ich war zuhause, aber“.

In den vergangenen zehn Tagen hat die Berlinale-Gemeinde schon mal vorsorglich damit begonnen, den Chef zu vermissen. Die Festivalausgaben der Fachmagazine waren gespickt mit Abschiedsgrüßen. Auch Berlinale-Stammgast George Clooney hat sich aus der Ferne zu Wort gemeldet und Kosslicks Leidenschaft, Intelligenz und Humor gelobt: „Wir hassen es, ihn gehen zu sehen. Wir werden ihn alle schrecklich vermissen.“

Berlinale: Kosslick war der Zirkusdirektor ohne Peitsche

Kosslick war seit 2001 der Zirkusdirektor ohne Peitsche, der Garant für gute Laune, der Mann mit Knuddelcharme. In seiner Amtszeit hat sich die Berlinale in ein Volksfest verwandelt: Eine halbe Million Tickets werden pro Jahr unter die Berliner gebracht. Mit diesem Pfund hat der Chef besonders dann gewuchert, wenn er wegen seiner faden Filmauswahl wieder mal unter Beschuss geriet.

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Kritiker warfen Kosslick vor, den Wettbewerb vernachlässigt und das Festival zum wild wuchernden Biotop mit schier unendlich vielen Nebenschauplätzen gemacht zu haben. Man darf gespannt sein, wie seine Nachfolger, die Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, für mehr Übersichtlichkeit sorgen, ohne die Vielfalt zu beschneiden.

Mit mancher Schwierigkeit muss sich auch der neue künstlerische Leiter Chatrian herumschlagen: Renommierte Autorenfilmer gehen lieber ins elitäre Cannes, Hollywood läuft sich in Venedig für die Oscars warm. Im kommenden Jahr rückt die Berlinale (20. Februar bis 1. März) im Kalender erstmals hinter die vorgezogene Oscar-Verleihung (9. Februar). Das dürfte die Lust des US-Kinos auf eine Berlinreise nicht fördern. Chatrian hat angekündigt, sein bisheriges Filmauswahlteam aus Locarno nach Berlin zu bringen.

Der Bär ist weiblich

In seinem letzten Jahr hat Kosslick eine klare Agenda verfolgt: Wo immer möglich, setzte er Frauen in Szene. Juliette Binoche leitete die Jury, Charlotte Rampling galt die Hommage, die Retrospektive trug den Titel „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“. Sieben von 16 Filmen im Wettbewerb haben Frauen inszeniert, ein einsamer Rekord. Die Berlinale hat in der Erklärung „5050 x 2020“ zugesagt, die Gleichberechtigung in den eigenen Gremien voranzutreiben. Auch Venedig und Cannes haben das Papier schon unterschrieben, dort dominieren nach wie vor die Männer.

Den Film mit dem trefflichsten Titel brachte die mazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska mit: In „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ erzählt sie von der trägen Petrunya (Zorica Nusheva), die gar nicht recht zur Heldin taugt. Aber dann fischt sie eher zufällig den Männern in ihrer Stadt das vor der Nase weg, was diese wie selbstverständlich für sich beanspruchen: das heilige Kreuz, das der Priester am Dreikönigstag in den Fluss wirft. Der Moment des Widerstands ist gekommen. Von nun an lässt sich Petrunya durch keinen Macho mehr demütigen. Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt: Alles bei diesem heiteren Film liegt in Frauenhand.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Regisseurinnen heute Abend eine gehörige Rolle bei der Preisvergabe spielen. Und dann soll bitte keiner sagen, dahinter steckten quotenpolitische Entscheidungen. Der Bär der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin ist weiblich.

Von Stefan Stosch / RND

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